Die Passendorfer Kirche

Abbildung: Barocke Innenausstattung der Passendorfer Kirche vor ihrer Beseitigung 1969/70, Institut für Kunstgeschichte MLU Halle, Inventarnr. V 1445

Zwischen den langsam weichenden Plattenbauten aus der DDR-Zeit hat sich in Halles Westen ein Teil des Ortes Passendorf erhalten – alte Strukturen auf dem Gebiet des neu errichteten, 1967 für eigenständig erklärten Halle-Neustadt. Schon vor dem Brand am 26. Mai 2010, der das ab 1898 erbaute „Passendorfer Schlößchen“, eine Villa im Gründerzeitstil, erheblich schädigte, stand die künftige Nutzung des dem Verfall preisgegebenen ehemaligen Rittergutes Passendorf des öfteren zur Diskussion. Es ist mehr als bedauerlich, dass für ein Kulturgut, dessen Wurzeln auf einen mittelalterlichen Ordenshof des hallischen Deutschordenshauses St. Kunigunden zurück gehen, Rettung noch immer weit entfernt zu sein scheint.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gelangten die Komtureigüter in den Besitz des Klosters Neuwerk und nach dessen Aufhebung in den erzbischöflichen Besitz Kardinal Albrechts von Brandenburg. Dieser überließ das Gut 1531 seinem kinderlosen Kanzler Albrecht Christoph Cruschwitz, gen. Türck. Nach dessen Tod fiel der Besitz an seinen Kollegen Dr. Caspar Barth. Dessen Tochter Katharina heiratete 1559 den kurfürstlich-brandenburgischen Hofrat Paul Goldstein (verst. 1578) und somit in die Gelehrten- und Beamtenfamilie von Goldstein ein (Abb. 1). Im 18. Jahrhundert blühte Passendorf auf, Professoren und Studenten pilgerten in die Schenken und Gasthöfe auf kursächsischem Grund und Boden, denn das preußische Halle bot wenig Zerstreuung und auch kein zollfreies Merseburger Bier.

Die wechselvolle Geschichte des Ortes hat allein die evangelische Kirche Passendorf äußerlich unbeschadet überstanden (Abb. 2). Die Schlichtheit des Baukörpers und der Fassade lassen eine baugeschichtliche und stilistische Einordnung auf den ersten Blick nicht zu. Vom Schulplatz aus eröffnet sich dem Betrachter ein Blick auf den Kirchenbau von 1723. In einer Bauzeit von nur drei Jahren entstand aus dem Vorgängerbau von 1565 eine Kirche im Stil des Merseburger Barock. Christian Trothe, der älteste der Künstler- und Architektenfamilie Trothe, leitete den Umbau der Kirche. Carl Gottlob von Goldstein hatte den Kirchenbau in Auftrag gegeben. Die Patronatsloge ist ein sichtbares Zeugnis dieser Zeit. Trothe entwarf die komplette Innenausstattung. 1969/70 jedoch verschwand ein großer Teil der Ausstattung, lediglich Stukkaturen an der Decke – Akanthus und Blüten in einem Bandelwerk – und Sandsteinblütenornamente an der Loge lassen den früheren Gestaltungsreichtum noch erahnen. Vom geschnitzten Inventar blieb die Lesetaufe erhalten. Doch bereits zu Trothes Zeiten gab es Probleme. Der spätgotische Schnitzaltar von 1510 passte nicht mehr, wurde zunächst auf die Empore verbannt und steht heute als Leihgabe in der katholischen St.-Moritz-Kirche in Halle. Einschneidende Veränderungen am Kirchenbau gab es auch 1877. Die Gruft wurde verschlossen, die heutige Empore und Orgel eingebaut. Heute kündet noch die Grabplatte in der Sakristei von der Familie Goldstein.

Für den Ort, die Kirche und Gemeinde Passendorf erfolgte ein entscheidender Einschnitt 1964 mit der Grundsteinlegung für die Chemiearbeiterstadt Halle-West, das spätere Halle-Neustadt. Passendorf sollte komplett abgerissen werden. Dazu kam es zum Glück nicht. Aber die Kirche sollte mit der Neubaustadt nichts zu tun haben. Auch das funktionierte nicht: Seit dem 1. August 1967 existiert die Gemeinde und hat sich bis zum heutigen Tag tatkräftig für die Erhaltung der Kirche eingesetzt. Zum Beispiel hat sie seit 1991 ein neues Dach, Mauerrisse und Schwammbefall wurden zwischen 1993 und 1998 erfolgreich beseitigt, 1998 wurden die Patronatsloge und die Decke saniert. Es entstand ein Deckengemälde von Michael Schwill. 2003 wurde schließlich der Kirchturm saniert und die Turmkugel neu vergoldet. So bleibt die Kirche und ihr grünes Umfeld Anziehungspunkt und Oase am Rande der Neubausiedlung.

(Oda Michael, Kulturfalter Juli 2010)