Der erste internationale Pharma- Versandhandel Deutschlands: Die Medikamenten-Expedition der Franckeschen Stiftungen

Ansicht von Archangelsk, um 1680 (Foto: Göttingen, Niedersächsische
Staats- und Universitätsbibliothek)

Schon kurz nach der Gründung seiner Anstalten etablierte August Hermann Francke 1698 eine Apotheke zur kostengünstigen Versorgung der dort lebenden Menschen mit Medikamenten. Von Anfang an wurden auch Arzneimittel unentgeltlich an Arme und Bedürftige ausgegeben. Zudem erkannte Francke schnell, dass der Medikamentenhandel seinem Ziel einer Weltverbesserung im christlich-pietistischen Sinne dienlich sein könnte. So führte er 1704 in einer programmatischen Schrift aus, man solle „dieselbige Arzeneyen in weit entlegenen Ländern, und zum theil auch in andern theilen der Welt […] vertreiben, so ist im geringsten nicht zu zweiffeln, daß nicht durch dieselbige allenthalben der allerbequemste Eingang in die Gemüther und gleichsam eine Thür, die Seelen Gott zu zuführen, erlanget werden könnte.“



Deshalb wurde um 1704 die Medikamenten-Expedition des Waisenhauses, die sich der Herstellung von Medikamenten und deren überregionalem bzw. internationalem Vertrieb widmen sollte, organisatorisch aus der Apotheke herausgelöst und zu einem eigenständigen „erwerbenden Betrieb“ der Anstalten Franckes. Anfangs scheint sich der Absatz auf Deutschland konzentriert zu haben; es entstand ein dichtes Netz von Verkaufsstellen für Waisenhausmedikamente im Deutschen Reich, das bis nach Wien reichte. In Europa wurden hallische Arzneien in alle protestantischen Regionen, zu denen die Glauchaschen Anstalten Kontakt hatten, exportiert, so z. B. nach Litauen, Ungarn, Siebenbürgen oder Dänemark. Wichtigster europäischer Markt für die Waisenhausarzneien wurde jedoch Russland, wo allein im Jahre 1709 Medikamente im Wert von 4.846,56 Rubel verkauft wurden. Die Einfuhr erfolgte über Archangelsk am Weißen Meer, dem damals wichtigsten russischen Hafen für den Handel mit West- und Mitteleuropa, später auch über St. Petersburg. Deutsche, dem Pietismus nahestehende Lutheraner organisierten dann Distribution und Handel innerhalb Russlands.

Erster außereuropäischer Absatzmarkt für die Waisenhausarzneien war Indien, wo ab 1706 hallische Missionare arbeiteten. Der Transport nach Asien erfolgte in der Regel über Kopenhagen oder England, später werden auch die Niederlande erwähnt. In Indien wurden die Arzneien von den Missionaren bzw. den Missionsärzten zur unentgeltlichen Behandlung von Kranken in den Missionsstationen genutzt, wobei die medizinischen Aktivitäten sich positiv auf den Erfolg der Mission auswirken sollten. Auch auf ihren Reisen durch Indien führten die Missionare und das indische Missionspersonal Medikamente zur Behandlung der Bevölkerung mit sich. Damit war nur karitatives und kein kommerzielles Interesse verbunden, und es gibt keine Anzeichen für Geschäfte mit Arzneimitteln in Indien, da wahrscheinlich kaufkräftige Konsumenten fehlten. Jedoch belegen die im Archiv der Franckeschen Stiftungen überlieferten Rechnungen, die penibel den Wert der nach Indien gelieferten Arzneien auflisten, dass die Medikamenten-Expedition für ihre Lieferungen bezahlt wurde. Anscheinend erfolgte dies aus bestimmten Fonds der Glauchaschen Anstalten selbst oder aus gestifteten Finanzmitteln für die Mission in Indien, die von den Anstalten verwaltet wurden.



Diesen medizinischen Bestseller
veröffentlichte 1705 der erste Leiter
der Medikamenten-Expedition, der
Mediziner Christian Friedrich Richter.
Das Buch ist auch eine Anleitung zur
(Selbst-)Medikation mit den Arzneimitteln
der Medikamenten-Expedition. (Foto: Halle, Franckesche Stiftungen)

Mit der Übernahme ihrer Leitung durch den Mediziner David Samuel von Madai erlebte die Medikamenten- Expedition ab 1739 weiteren Aufschwung. Offensichtlich wird die damit verbundene Vertriebsexpansion an der von ihm verfassten Werbeschrift „Kurtze Nachricht von dem Nutzen und Gebrauch einiger bewährten Medicamenten, Welche zu Halle im Magdeburgischen in dem Waisenhause dispensiret werden“. Diese Schrift erlebte in ihrer deutschen Ausgabe mehrere Neuauflagen im 18. Jahrhundert und wurde zudem in folgende Sprachen übersetzt: Niederländisch, Französisch, Altgriechisch, Polnisch und Englisch.

Wie sehr sich die Produktion, aber auch der Vertriebsumfang und -gewinn gesteigert hatten, zeigt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der nordamerikanische Absatzmarkt. Dieser sollte zum mit Abstand wichtigsten werden und der Medikamenten-Expedition ungeahnte Einnahmen bescheren. Hier betreuten aus den Glauchaschen Anstalten entsandte Pfarrer lutherische deutsche Auswanderer sowohl in Georgia als auch in Pennsylvania – und auch hierher wurde ein Teil der Medikamente unentgeltlich zur Verteilung an bedürftige Kranke geliefert. Aber große Mengen wurden kommerziell vertrieben, vor allem von den Pfarrern und ihren Familienangehörigen. Gerade der Handel mit Nordamerika bewirkte, dass die Medikamenten-Expedition in Halle zu einem international agierenden Pharmaversand wurde, der beispielsweise im Jahrzehnt zwischen 1760 und 1770 den Anstalten Franckes Einnahmen von mehr als 30.000 Talern jährlich bescherte. Gleichzeitig aber agierte dieser Pharmaversand immer noch im Sinne Franckes und suchte durch die unentgeltliche Lieferung von Medikamenten an Bedürftige auch international „die Seelen Gott zu zuführen.“

In der aktuellen Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen „Durch die Welt im Auftrag des Herrn. Reisen von Pietisten im 18. Jahrhundert“ werden auch die internationalen Kontakte der Medikamenten-Expedition vorgestellt. Die Ausstellung wird bis zum 16. September dienstags bis sonntags im Historischen Waisenhaus präsentiert.