Der Architekt und Stadtbaurat Wilhelm Jost in Halle 1912-1939

Abbildung: Privat

Vor einhundert Jahren trat Wilhelm Jost (1874–1944) als Leiter des Hochbauamtes in den Dienst der Saalestadt. Seine mit dem 1. April 1912 beginnende Amtszeit sollte 27 Jahre andauern, sie wurde zweimal, 1924 und 1936, durch die Wahl der Stadtverordneten verlängert, durchlief drei politische Systeme und endete mit dem eigenen Ruhestandsgesuch. Jost war als Kandidat für die Stadtbauratsstelle von Oberbürgermeister Richard Robert Rive (1864–1947) zur Wahl vorgeschlagen worden und hatte aufgrund der von ihm zwischen 1903 und 1911 entworfenen Jugendstil-Kuranlagen im hessischen Bad Nauheim die größten Wahlchancen. Der geborene Darmstädter hatte bereits vor der Wahl bei Vorstellungsgesprächen mit den Stadtverordneten erfahren, dass beinahe sämtliche Bauaufgaben seines Vorgängers Gustav Zachariae, Stadtbaurat von 1905 bis 1911, durch Rive zurückgehalten wurden, da sie sowohl wirtschaftlich als auch baukünstlerisch nicht den Vorstellungen entsprachen. So lagen mit dem Amtsantritt von Wilhelm Jost zahlreiche Großbauprojekte, wie die Erweiterung des Alters- und Pflegeheims, ein Sparkassenneubau, ein kommunaler Friedhof, eine Volksschule, die Erweiterung des Hospitals St. Cyriaci et Antonii und eine Schwimm-Badeanstalt auf dem Zeichentisch.

Seine architektonische sowie städtebauliche Überzeugung war in dieser Zeit bis in den Ersten Weltkrieg hinein gekennzeichnet durch die Ablehnung des von überlieferten Formvorstellungen befangenen Historismus. Als gemäßigter Reformarchitekt mit der Rückbesinnung auf die Architektur des 18. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende um 1800 ist Jost in einer Reihe mit Peter Behrens (1868–1940) und Richard Riemerschmid (1868–1957) zu nennen. Diese Rückbesinnung äußerte sich nicht in platten Zitaten, sondern in der variantenreichen Integration von Stilelementen.

Auf das Wesentlichste reduziert ist die Gliederung seiner frühen Gebäude, erkennbar an einem verputzten Baukörper, der hauptsächlich durch Sprossenfenster gegliedert wird. Zudem werden größere Wandflächen zusätzlich durch Erker oder Vorsprünge belebt. Der Baukörper ruht auf einem Werksteinsockel, der meist aus Muschelkalkstein besteht und nach oben von einem steilen Dach abgeschlossen wird. Der für Jost ebenso wichtige figürliche Schmuck war oft besonders konzentriert auf den Eingangsbereich. Josts Bauten zeichneten sich während seiner Amtszeit durch eine behutsame Integration in das städtebauliche Umfeld aus, wie man an der Sparkasse in der Rathausstraße (1914/16) und dem Stadtbad in der Schimmelstraße (1913/15) erkennen kann. Bei durchdachter Funktionalität, lebhafter Gliederung und Anordnung der Baukörper sowie unkonventioneller Mischung der Formen gelang es Jost stets, seine Bauten mit der heterogen gewachsenen Stadtstruktur harmonieren zu lassen. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich Wilhelm Josts Formensprache, zwar noch nicht sofort in der wichtigsten Bauaufgabe, dem Wohnungsbau, sondern zunächst im Bereich des Industriebaus.

Die umfassende Erneuerung und Erweiterung der Stromerzeugungs- und Verteilungsanlagen und damit die Anpassung der Infrastruktur der Stadttechnik an die stetig wachsende Bevölkerung wurde für Jost zwischen 1924 und 1928 zum Experimentierfeld einer modernen Formensprache. Er nahm gegenüber modernen Entwicklungen eine off ene Haltung ein und näherte sich in der zweiten Hälfte der 20er-Jahre dem Neuen Bauen an, wie an der Verteilerstation am Universitätsring (1928) sowie dem ersten Bauabschnitt der Diesterwegschule (1929/30) zu erkennen ist. Allerdings blieb Jost bei aller Modernität auch traditionellen Stilelementen treu, die sich bewährt hatten. Das ist deutlich erkennbar an der 1928/29 errichteten Pestalozzischule, die sich mit ihrer Grundrisssymmetrie, einer Dreiflügelanlage und einem überhöhten Mittelbau, an die Prinzipien des barocken Schlossbaus anlehnt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verblieb der Stadtbaurat im Amt, ohne der NSDAP beitreten zu müssen.

Doch erst nach 1935 passte sich Josts Formensprache, vermutlich aufgrund zunehmender gesundheitlicher Beschwerden, dem von der NS-Ideologie propagierten Monumental- bzw. Heimatstil an. Mit abnehmender Widerstandskraft gegen einen schärfer werdenden politischen Ton ist eine Anpassung besonders deutlich am zweiten Bauabschnitt der Diesterwegschule (1938/39) und der Kinderbewahranstalt Adelheidsruh (1938/39) in der heutigen Schopenhauerstraße zu erkennen. Wilhelm Jost prägte in seiner langen Wirkungszeit, bis heute deutlich sichtbar, mit über 50 Bauten, die sich durch eine gekonnte städtebauliche Einordnung auszeichnen, das Bild der Saalestadt und darf durchaus mit Recht als der Architekt Halles im 20. Jahrhundert bezeichnet werden.

(Mathias Homagk, Kulturfalter Juni 2012)