Prof. Dr. theol. W. Beyschlag (1823–1900): „Absolute Fleißperson“ im Dienste des Protestantismus

Abbildung: Willibald Beyschlags Grab, Universitätsarchiv Halle

Kein Hallenser, aber einer, der zu seiner Zeit in Halle stadtbekannt war: Willibald Beyschlag war seit 1860 ordentlicher Professor an der damaligen Friedrichsuniversität in Halle und berühmt für seine Fähigkeiten als Redner. Das prädestinierte ihn nicht nur für die Professur der praktischen Theologie, wo er mit Inbrunst predigte, sondern auch für die Stelle des Rektors der Universität. Zweimal hatte er diese Position inne, und jedes Mal feierte die Uni ein wichtiges Jubiläum. 1867 beging man die 50. Wiederkehr der Vereinigung der Universitäten von Halle und Wittenberg. 1894 zelebrierte man das 200. Jahr des Bestehens der hallischen Alma Mater. Beide Male führte Beyschlag als Rektor mit seiner großen Beredsamkeit die Feierlichkeiten.

Willibald Beyschlag wurde am 5. September 1823 in Frankfurt/Main in einem bürgerlichen Umfeld geboren. Er studierte an den Universitäten in Bonn und Berlin Theologie. Ab 1850 wirkte er als evangelischer Pfarrer in der vom Katholizismus geprägten Stadt Trier. Dort lernte er seine Frau, Marie Clemen, kennen und heiratete sie am 22. September 1851. Sie gebar ihm in ihrer Ehe einen Sohn und zwei Töchter. Nach seiner Zeit in Trier kam er 1856 als Prediger an den Hof des Großherzogs Friedrich I. von Baden (1826–1907). Nachdem er schon in Trier und nun auch in Karlsruhe nicht glücklich war, folgte er mit Freuden 1860 dem Ruf nach Halle. Hier blieb er bis zu seinem Tode am 25. November 1900 ordentlicher Professor für Neutestamentliche Exegese und Praktische Theologie.

Der Schwerpunkt seiner Vorlesungen war das Neue Testament, dem er auch einige Veröffentlichungen widmete. Seine Hauptschrift „Die Christologie des Neuen Testaments“ wurde 1865 veröff entlicht, das Buch zum „Leben Jesu“ (1885/86) zählt wohl zu den bekanntesten seiner theologischen Werke. Beyschlag war überaus stark kirchenpolitisch engagiert. Er war als Gegner Roms und Kritiker der katholizismusfreundlichen Politik Preußens bekannt. Als ein Verfechter einer Union von Lutheranern und Reformierten machte er sich Zeit seines Lebens nicht nur Freunde. Der in Trier aufgekommene „Sturm gegen ihn“, so sein Biograph Herman Hering, ebbte mit seiner Anstellung in Halle ab, und er lebte in weitgehender Harmonie mit seinen Amtskollegen Friedrich August Gottreu Tholuck (1799–1877), Julius Müller (1801– 1878) und ab 1874 seinem Freund Albrecht Wolters (1822–1878).

Beyschlag hat durch sein Wirken Spuren in Halle hinterlassen. Sein Wohnsitz Am Kirchtor 9 lag in unmittelbarer Nähe zu „seiner“ Kirche, der Laurentiuskirche, wo er auch begraben wurde. Als Professor und Theologe war er stark in das städtische Leben der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingebunden, so gilt er als Mitbegründer des Diakonissenhauses. Das Pflege- und Altenheim des Evangelischen Diakonissenmutterhauses wurde bereits am 6. Juli 1857 auf das Wirken Mathilde Tholucks (1816–1894) hin Wirklichkeit. Die Frau des Theologie-Professors Tholuck war begeisterte Anhängerin der Mutterhausdiakonie. Als Vorstandvorsitzender des Diakonissenhauses zeichnete Beyschlag 1868 verantwortlich für den Umzug des Pflegehauses vom Weidenplan an den heutigen Standort in der Lafontainestraße.

Ab 1862 agierte er als Vorsitzender des Gustav-Adolf-Werks in der Kirchenprovinz Sachsen. Diese Vereinigung wurde 1832 gegründet und kümmert sich im Auftrag der Evangelischen Kirche Deutschlands um protestantische Gemeinden in der Diaspora. Als Mitglied der sächsischen Provinzialsynode gründete und leitete Beyschlag 1873 die Kirchenpartei Evangelische Vereinigung. Sie vermittelte zwischen Liberalen und Neuorthodoxen. Im Zusammenhang mit dieser Gruppierung veröffentlichte Beyschlag gemeinsam mit Wolters seit 1876 die „Deutsch- Evangelischen Blätter“, eine kirchenpolitische Zeitschrift. Ein Jahr vor seinem Tod nahm Beyschlag 1899 die Einweihung der endlich wiederhergestellten Magdalenenkapelle in der Moritzburg vor. Dorthin wurde am 27. November 1900 auch sein Leichnam überführt, um „sein in Ehren ergrautes Haupt“ ein letztes Mal zu würdigen.

Er galt unter Freunden und Familienmitgliedern als „absolute Fleißperson“. In dem ihm in der Chronik der Universität für das Jahr 1900/01 gewidmeten Nachruf wurden ihm außerdem drei Hauptcharaktereigenschaften zugesprochen: „völlige Freiheit von Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, nie versagender Muth und unbedingte Wahrhaftigkeit“. Nicht umsonst widmete ihm die Stadt Halle im sogenannten Professorenviertel in der südlichen Innenstadt die 1903 errichtete Beyschlagstraße. 2013 könnte man seiner zum 190. Geburtstag gedenken.

(Antja Schloms, Kulturfalter März 2012)