900 Jahre Jung(s). Der Stadtsingechor zu Halle.

Der Stadtsingechor mit seinem Chordirektor Karl Klanert, 1920. (Foto: Archiv des Stadtsingechores zu Halle)

Wenn die Chorschüler des lutherischen Gymnasiums um die Mitte des 18. Jahrhunderts am Ende eines Quartals ihr verdientes Chorgeld in Empfang nehmen wollten, wurden ihnen zuvor die Chorgesetze verlesen. In ihnen war genau festgelegt, wie sie sich in den Kirchen, auf der Straße und in der Schule zu verhalten hatten und worin ihre Aufgaben bestanden. Vor allem sollten sie immer vor Augen haben, dass alles Singen Gott zur Ehre geschehe. Denn „eben deswegen genießen die Schüler so viele Wohlthaten, damit sie durch ihr andächtiges Singen die Andacht ihrer Wohlthäter erwecken. Ja, man weiß schmerzlich, daß öfters äußerst betrübte Personen durch dergleichen Gesang sind auf einmal erquickt und wieder aufgerichtet worden. Sie müßen sich zu dem Ende fleißig vorstellen, daß sie das auf Erden thun sollen, was die Heiligen Engel und die Seeligen im Himmel thun, mit einer unaussprechlichen Lust erquicken.“

Gelegenheiten, die erquickende Kraft der Musik weiterzugeben und selbst zu erfahren, gab es für die jungen Sänger des Stadtsingechores genug: Zu allen Wochen-, Sonn- und Feiertagsgottesdiensten sangen sie abwechselnd in den drei Pfarrkirchen St. Marien, St. Ulrich und St. Moritz. Täglich sangen sie vor den Häusern der Hallenser Bürger, die die „Chorpost“ abonniert hatten, geistliche Lieder; außerdem wurden sie zu Beerdigungen, Hochzeiten und festlichen Anlässen gerufen. Dazu kamen zu Neujahr und Ostern bzw. Gregorius die Singumgänge der Kurrende, die von Sängern des Stadtsingechores unterstützt und geleitet wurde. Eine Gründungsurkunde für den Stadtsingechor gibt es nicht. Seit aber vor 900 Jahren, im Jahre 1116, vor den Toren der Stadt Halle das Augustiner-Chorherrenstift Neuwerk gegründet wurde, gibt es in unserer Stadt den Dreiklang von Knabengesang, Bildung und gemeinsamem (Er-)Leben. Denn die Schüler der Klosterschule waren zusammen mit den Chorherren für die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste in der Neuwerk- wie auch in den Pfarrkirchen der Stadt zuständig. Hier liegen die Wurzeln des Knabenchores, der erst viel später den Namen Stadtsingechorerhielt.

Über alle Pfarrschulen, die sich ab dem 13. Jahrhundert in der Stadt gründeten – zunächst 1210 an St. Marien, später auch an St. Gertrud und St. Ulrich –, hatte das Neuwerkkloster das Schulrecht, das mit der Einsetzung eines Rektors und der Lehrer einherging. Auch an diesen Schulen nahm der Kirchendienst der Schüler, insbesondere das Singen, einen breiten Raum ein. Urkundlich belegen lässt sich, dass jeder Chor für die musikalische Ausgestaltung der Feiern an seiner Kirche zuständig war, darüber hinaus aber den Chor des Neuwerkklosters bei großen Festen zu unterstützen hatte.

Bestimmend für die Zeit von der Reformation bis zum beginnenden 19. Jahrhundert war das Stadtgymnasium, das 1565 als Vereinigung der drei Parochialschulen im ehemaligen Barfüßerkloster gegründet wurde. Hierwar der Chor, der in besonders guten Zeiten sogar aus drei Teilchören bestand, dicht mit dem Schulleben verflochten. So wirkten die Sänger in den legendären Schuldramen mit und sangen in den täglichen Gottesdiensten in der Schulkirche. Die Kantoren der Stadtkirchen waren zugleich Lehrer am Gymnasium. Die auswärtigen Chorschüler wohnten gemeinsam im Schulgebäude. Der Chor unterstand dem Rektor des Gymnasiums, wurde in den Proben und Straßenumgängen von Präfekten geführt und in den gottesdienstlichen Aufführungen von den jeweiligen Kantoren bzw. Musikdirektoren geleitet. Zu letzteren gehören so bekannte Persönlichkeiten wie Samuel Scheidt, Friedrich Wilhelm Zachow, der Lehrer Händels, probehalber (1713) auch Johann Sebastian Bach, später sein Sohn Wilhelm Friedemann Bach, Daniel Gottlob Türk und viele andere. Mit der Übernahme des Stadtsingechores in die Franckeschen Stiftungen 1808 wurden die Sänger in den dortigen Bildungskosmos eingebunden, wenn auch das Wirken des Chores weiterhin auf die städtische Kirchenmusik und das Straßensingen ausgerichtet war. Mit dem Singen im Chor und in der Kurrende verdienten sich über Jahrhunderte die ärmsten der Schüler ihr Schulgeld bzw. ihren Lebensunterhalt. Angewiesen auf die eingangs genannten „Wohlthaten“, wird das Singen für die Kinder und jungen Männer wohl nicht immer nur mit „unaussprechlicher Lust“ verbunden gewesen sein. Heute singen etwa 80 aktive Sänger und 50 Aspiranten (1./2. Klasse) im Stadtsingechor, der nach wie vor in den Franckeschen Stiftungen beheimatet ist. Die meisten von ihnen besuchen ab der fünften Klasse die Musikklassen der Latina „August Hermann Francke“. An drei Nachmittagen pro Woche und zu ca. 50 Auftritten pro Jahr finden sich singbegeisterte Jungen und junge Männer zusammen, um Traditionen vor allem geistlicher Musik zu pflegen und Neues miteinander zu entdecken.

Cordula Timm-Hartmann