Ein etwas anderer Rundgang durch Halle

In den Kinosälen der Republik kann man jetzt einige Filme sehen, die entweder in Halle gedreht oder vertont wurden. Nun sieht auch das Publikum, was sonst eigentlich nur die Macher wissen: Halle ist eine Medienstadt. Dies war für unseren Kinoredakteur Nico Elste Anlass für einen visuellen und akustischen Rundgang durch die Stadt und den Drehort Halle.

Halle, Mitteldeutsches Medienzentrum, Mansfelder Straße: Tosende Jubelschreie aus den Mündern abertausender Gläubiger schallen durch den Raum, begleitet von dramatisch sich zuspitzenden Violinen, die auf ihrem Höhepunkt mit einem Paukenschlag verstummen. Diese Soundkulisse erklingt auf dem Höhepunkt von Sönke Wortmanns historischem Epos „Die Päpstin“ (Foto, oben) – und in einem schallisolierten Raum im Herzen des Medienzentrums in Halle. Denn hier wird mit neuester Technik der Ton für den Film über den Lebensweg einer Frau gemischt, die vor über tausend Jahren allen kirchlichen Regeln zum Trotz ihrer Überzeugung folgt und zum Nachfolger des Papstes aufsteigt. In einem mächtigen Mischpult wird die von Marcel Barsotti komponierte Filmmusik passend zu den Szenen eingespielt. Im Zusammenhang mit dieser musikalischen Kulisse erhält Johannas Lebensweg im neunten Jahrhundert erst die Dramatik, die der Zuschauer im Kino erlebt. Die Geschichte ihres kirchlichen Aufstiegs und ihrer Liebesbeziehung zu ihrem Mentor Graf Gerold, deretwegen ihre Identität als Mönch Johannes im Kloster wie auch als enger Berater in Rom immer wieder gefährdet ist – erst recht als sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht als Papst Johannes Anglicus VIII. von ihrem Geliebten schwanger wird.

Während an der Saale kein Laut aus den Tonstudios entweicht, geht es in der Torstraße auf dem Hof des Georg-Cantor-Gymnasiums heiß her. Der sechzehnjährige Jonas, der hier zur Schule geht, bekommt gerade von Vicky einen Brief überreicht. Darin muss er lesen, dass die Begegnung mit ihr auf einer Party vor Monaten ihm eine Tochter beschert hat. Obwohl Jonas lieber seine Zeit mit Motorrädern verbringt und den Zufall, Vater geworden zu sein, zunächst nicht akzeptiert, schafft Vicky die Verbindung des pädagogischen Ziels und des emotionalen Ideals, die Christoph Röhls Film „Ein Teil von mir“ intendiert: Jonas wird erwachsen, lernt Verantwortung zu übernehmen und kommt nicht nur seiner Tochter, sondern auch Vicky näher.

Indes beginnt direkt vor der Dönerbude an der Merseburger Straße / Ecke Dieselstraße eine ungewöhnliche Reise. Bai Dan, der bulgarische Großvater von Alex, ist nach Deutschland gereist und will ihm auf einer Reise mit einem Tandem zu seiner verlorenen Vergangenheit verhelfen. Alex hat nach einem Autounfall seine Eltern, sein Gedächtnis und damit seine Identität verloren. Durch das Spielen von Backgammon und die Tandemreise mit seinem eigenwilligen Großvater durch halb Europa gewinnt Alex nach und nach seine Erinnerungen wieder, und dies erö ffnet ihm die Möglichkeit, sich selbst zu finden. Basierend auf Ilija Trojanows Bestseller „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ zeigt Stefan Komandarev die dramatische Geschichte der Emigration einer Familie, die von Bulgarien nach Jugoslawien, Italien und schließlich nach Deutschland flüchtet, durch die leichte und humorvolle Inszenierung einer bildgewaltigen Reise von Großvater und Enkel zurück in die Heimat.

Keine hundert Meter weiter Richtung Bahnhof ereignet sich hinter dem Maritim-Hotel, wo noch der Charme von DDR-Zeiten zu spüren ist, ein Dé-jà-vu-Erlebnis. Die Öffnung der Berliner Mauer findet auf dem Gelände des alten Fernsehwerks noch einmal statt. Doch diesmal ist sie Höhepunkt einer ganz eigenen deutsch-deutschen Entwicklung. Die nostalgische Liebeskomödie "Liebe Mauer" von Peter Timm handelt von der Affäre einer Studentin aus dem Westen und einem Grenzer aus dem Osten, die von beiden Geheimdiensten ob ihrer Liebschaft misstrauisch überwacht werden. Die Frage stellt sich also, wer wen zuerst erwischt: die Geheimdienste das Liebespaar oder die Geschichte die Mauer.

Während die Mauer hinter dem Maritim-Hotel für die letzte Szene still und leise in sich zusammenbröselt, hat sich der Ton im Medienzentrum radikal verändert. Die dramatische Musik ist einer romantisch witzigen Komposition gewichen, die passend zum neuen Film „Lila Lila“ von Alain Gsponer gemischt wird. Auf der roten Couchgarnitur hinter dem riesigen Mischpult tre en sich Regisseure und Komponisten beim Tüfteln und Perfektionieren der Musik, Geräusche und Tonhöhen. Für „Lila lila“ ist ein Soundmix gewählt, der die doppelten Charaktere von David Kern, dem unscheinbaren Kellner und Bestsellerautor, auf den Punkt bringt. Als schüchterner Kellner scha t David nicht mal den Blickkontakt zu der schönen Literaturstudentin Marie, in die er sich heillos verliebt hat. Hilfreich für eine Annäherung ist ihm da ein zerfleddertes Buchmanuskript, das er findet und ihr als sein geschriebenes Buch zu lesen gibt. Zwar werden nun Marie und David ein Paar, aber das von einem Verlag publizierte Buch verändert auf einmal alles... Entgegen der Romanvorlage von Martin Suter hat der Komponist jedoch ein Happy End musikalisch zu inszenieren – warum auch nicht, denn im Kino mag man sich doch eh von Musik, Bild und Geschichte – ob dramatisch oder romantisch – überwältigen lassen.

(Nico Elste, Kulturfalter)

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