Ich will immer etwas erzählen

Der Regisseur Mario Schneider schafft es wie kein anderer in seinen Filmen eine Perspektive einzunehmen, die den Zuschauer bannt: für das Leben und die Geschichte der Menschen in ihm. Schon mit seiner Mansfeld-Trilogie eröffnete er Einblicke in das Alltägliche, das sich durch die Kamera als erstaunlich, berührend und spannend präsentierte. Mit seinem neuen Dokumentarfilm „Akt“ wendet sich Mario Schneider einer sehr alten Beziehung zu und erweitert sie durch seine Perspektive. Vier Personen stehen im Zentrum der Betrachtung. Von allen Seiten werden sie beobachtet und geben sich in aller Blöße dem künstlerischen Blick hin, auf dass er ihre Konturen, Formen und Gesten auf Papier verewige. Diese intime Beziehung zwischen Künstler und Aktmodell erweitert Schneider, in dem er die Personen und ihr Leben mit dem Akt selbst kontrastiert. Redakteurin Anna Dick sprach mit Regisseur Mario Schneider über seinen neuen Film „Akt“.

Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?

Über ein halbes oder dreiviertel Jahr hatten wir eine sehr intensive Recherchephase. Zusammen mit meiner Regieassistentin habe ich mich in Leipzig mit fast allen Leuten getroffen, die Modell stehen. Das waren ungefähr 75 Leute, mit denen ich mich jeweils eineinhalb Stunden getroffen habe und erst mal ein Vorgespräch hatte, um zum einen zu verstehen, was diese Leute dazu bringt, Akt zu stehen und dann natürlich auch persönliche Lebensgeschichten abzufragen, ob das Potential hat, denn es geht ja im Film um beides. Aber von den 70 Leuten waren ungefähr 10 Prozent dabei, die sich nicht vorstellen konnten, im Film zu sein. Es war nicht aus dem Grund, dass sie vor der Kamera nackt wären, sondern weil sie etwas über ihr privates Leben erzählen müssten. Man wäre bei alltäglichen Situationen mit der Kamera dabei, das ist ja das Prinzip des Films. Das war für so circa zehn Prozent etwas, das sie sich nicht vorstellen konnten. Aber grundsätzlich war Nacktheit für die meisten kein Problem.

Hat es lange gebraucht, die Protagonisten von der Filmidee zu überzeugen?

Nein, da bin ich im Grunde offene Türen eingerannt. Nicht weil sich jemand irgendwie präsentieren wollte – den Eindruck hatte ich nicht, solche Menschen würde ich auch nicht nehmen. Ich mag es nicht, wenn jemand den Film als Plattform nutzt, um sich zu profilieren. Es war eher pures Interesse an der künstlerischen Arbeit, was die Protagonisten zum Mitmachen gebracht hat, glaube ich.

Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert?

Ziemlich genau ein Jahr. Als ich 50 Leute ausgesucht hatte haben wir angefangen zu drehen, aber ich hatte meine Darsteller noch nicht zusammen. Es war eine sehr schwierige Suche. Ich habe mich während des Drehs von zwei Protagonisten trennen müssen, weil sie nicht mehr ins Konzept passten und die Geschichten der beiden zu groß wurden. Ich hätte ihnen nicht mehr gerecht werden können. Deswegen sind wir erneut auf die Suche gegangen. Diese Suche war bei dem Projekt eine sehr aufreibende Sache.

„Der respektvolle Blick auf die Akteure bleibt stets im Film erhalten.“ schreibt der MDR. Wie haben Sie das am Set umgesetzt?

Das ist das Interessante, deswegen wollte ich den Film machen. Bei einem Dokumentarfilm sagt der Regisseur zum Porträtierten häufig: Stell dich mal hin, wir wollen dein Gesicht filmen. Das ist immer scheiße, weil man sich beobachtet fühlt. Es steht plötzlich eine Kamera vor einem, und man soll da hineinschauen, aber was soll man denn jetzt denken, soll man etwas sagen, soll man still sein? Da ist immer Verunsicherung, und man hat nie einen echten Menschen vor der Kamera. Aber deshalb wollte ich diesen Film machen: Die Protagonisten, mit denen ich da zu tun habe, sind es gewohnt, nackt betrachtet zu werden - und das von 10 bis 15 Künstlern. Das heißt, nackt zu sein und permanent betrachtet zu werden, ist für sie eine gewohnte Atmosphäre. Das ist ein Glücksfall für einen Filmemacher. Wir haben uns zwischen dem Blick der Zeichner und dem Modell bewegt, und damit bleibt man im Grunde nahezu unsichtbar für den Darsteller. Der nimmt einen nicht wahr, weil er für die Leute hinter uns Modell steht. Das ist sehr vorteilhaft, damit hat man eigentlich einen unverstellten, intimen Blick. Man muss natürlich vorsichtig sein, dass man nicht zu aufdringlich wird. Aber ich hatte einen sehr guten Kameramann, und das hat, glaube ich sehr gut funktioniert.

Sie sprechen von großer Energie zwischen Künstler und Modell, die dadurch entstehe, dass der Künstler eine ganz eigene Perspektive auf das Modell hat. Was war Ihre persönliche, künstlerische Perspektive auf die Modelle?

Es war etwas ganz Neues, Anderes. Es hat natürlich damit zu tun, dass man in Bewegung ist. Ich wollte, dass der Zuschauer im Kino um den Menschen herumgehen kann wie um eine Skulptur im Museum. Also genug Zeit hat, sich jemanden anzuschauen und sich Gedanken zu machen. Im Film sieht man die Protagonisten erst nackt und erfährt dann, was sie für ein Leben haben. Das ist, glaube ich, das Spannende daran. Für sich selbst zu entschlüsseln, wie jemand wirkt, den ich selbst nicht kenne und den ich einfach nur betrachte. Was habe ich da für Assoziationen, was ist das für ein Mensch? Ob das deckungsgleich mit dem ist, was ich dann über ihn erfahre.

Wie entstand die Filmidee?

Es gab eine Initialzündung. Meine Frau hat an der Burg in Halle studiert, und sie war fünf oder sechs Jahre nach ihrem Studium mal wieder Akt zeichnen. Abends kam sie mit den Zeichnungen wieder, und ich habe die betrachtet. Ich hatte Zeichnungen in der Hand, aber da saß jemand in der Realität. So kam die Idee auf, mir das mal anzuschauen. Ich habe mich eigentlich sofort für die Modelle interessiert. Das hängt auch damit zusammen, dass ich befreundete Maler habe, die auch mit Modellen arbeiten. Daher kenne ich den Umgang schon ein bisschen. Aber, wie ich schon gesagt habe – ich wollte den Menschen einmal pur sehen. Unverstellt.

Gibt es eine Botschaft, die mit dem Film gesendet werden sollte?

Oder wollten Sie dem Zuschauer etwas Bestimmtes sagen? Ich will immer etwas erzählen. Aber man kann es gar nicht in zwei Sätzen zusammenfassen, ich glaube, es ist ein komplexer Film. Obwohl es nur vier Protagonisten sind, gibt es sehr viele Querverweise. Prinzipiell geht es um drei Dinge: Es gibt einen Vorsatz am Anfang des Films von Michelangelo – Auf dass man in 1000 Jahren noch sieht, wie schön ihr wart … und das fand ich passend für den Film. Zum einen betrifft es die Kunst an sich, das heißt, der Künstler schafft das Abbild eines Menschen, und dieses Abbild überdauert die Zeit, obwohl der Mensch schon längst gestorben ist. Dies ist ein Grundbedürfnis von Kunst, etwas festzuhalten für eine spätere Generation. Das war für mich ein wichtiger Punkt – was ist Kunst, was ist ein Abbild des Menschen? Eben im Zusammenhang mit den Menschen, die dann in den Ateliers sitzen und den menschlichen Körper - oder im besten Sinne den Menschen - abbilden.

Im Grunde mache ich dasselbe mit dem Film – ich porträtiere vier Personen. Im besten Fall kann man sich den in 100 Jahren noch anschauen und sieht nicht nur Leute, die damals gelebt haben, sondern auch, wie es sich angefühlt hat, in dieser Zeit zu leben. Das ist ein Aspekt, der mich generell am Filmemachen interessiert, der aber in dem Film schön zusammenging mit dem Kunstbegriff. Der andere Teil ist natürlich der Lebensbegriff der einzelnen Leute. Auch hier gibt es viele Themen. Ich glaube, ein Hauptthema ist Nähe. Menschliche Nähe, körperliche Nähe. Ich habe eine Malerin dabei, passt wie die Faust aufs Auge. Sie hat gerade einen Zyklus gemalt, in dem es um körperliche Nähe geht. Sie sagt einen sehr schönen Satz: Sie wollte herausfinden, wo die Grenze zwischen Halten und Festhalten, zwischen Zwang und Freiheit ist. Das kann nahe beieinanderliegen, wenn man sich liebt. Zu dem Film hat das sehr gut gepasst, weil es auch zu den anderen Protagonisten in ihren Lebenssituationen passt.

Zum Beispiel gibt es zwei Brüder, die genau das Problem haben. Der eine will irgendwas von dem anderen, was dieser nicht leisten kann, und fordert das auch ein, und der andere ist damit überfordert. Ich wollte, dass etwas zwischen den Geschichten der Protagonisten passiert. Sie kennen sich zwar nicht, aber ihre Geschichten ergänzen sich und reichern sich dadurch gegenseitig an. Ich hatte noch zwei, drei Geschichten mehr, aber die haben sich nicht so mit den anderen Geschichten verwoben und sind daher rausgeflogen.

 

Glauben Sie, Sie haben mit dem Film ein Tabuthema angesprochen?

Ich glaube nicht, dass der Film irgendwie aufklärt, also was Nacktheit angeht gar nicht. Ich glaube, das nehme ich sehr selbstverständlich, und setze voraus, dass man mit dem nackten Körper umgehen kann. Für mich ist das eine Normalität - und für die Beteiligten auf jeden Fall ebenso. Das liegt vielleicht daran, dass ich in der DDR groß geworden bin. Ich bin mit FKK aufgewachsen, da schockt mich eigentlich wenig.  Vielleicht würde man vermuten, wenn man den Film noch nicht gesehen hat, dass ich damit ein Tabuthema ansprechen wollte – aber nein, das habe ich nicht beabsichtigt. Darum ging es mir nicht.

Was hat Sie am Set am meisten überrascht/Ihnen am besten gefallen?

Da gibt es mehrere Sachen. Bei Uta zum Beispiel, es war einfach immer schön zu ihr kommen. Dort war immer so eine unglaublich herzliche Atmosphäre. Ich will nicht sagen, dass es bei den anderen nicht herzlich war, aber sie ist einfach eine unglaublich tolle Person, die wahnsinnig schlimme Sachen erlebt hat und trotzdem so zuversichtlich dem Leben gegenüber ist. Das hat mich sehr beeindruckt. Das war schon vom ersten Treffen an so.

Mit Max gab es auch besondere Momente.  Dokumentarfilm ist auch Glückssache, man muss im richtigen Moment vor Ort sein. Aber die meiste Zeit ist man nicht da. Man bekommt am Tag danach erzählt, was gestern war und ärgert sich. Das passiert immer, aber es gibt eben auch Momente, in denen man Glück hat. Da war die Szene mit Max und seinem Bruder, in der es um kindliche Erinnerungen geht. Vielleicht auch um Defizite, die im Bruderzwist ausgehandelt werden. Fast ein Streit. Ich empfinde es als Glückssache, bei so was dabei sein zu dürfen. Dass man als Team in so eine Situation eingelassen wird. Das ist natürlich ein hohes Privileg. Da muss man anständig mit umgehen im Schnitt nachher.

Die Drehs in den Ateliers der Hochschule waren toll. Wobei sie auch wirklich anstrengend waren. Alle sind hochkonzentriert, die Modelle können die Posen nicht ewig halten. Und es sind ein Haufen Leute um einen herum. Wir haben versucht, so wenig wie möglich zu stören. Das ist sehr anstrengend. Gefühlt verliert man an so einem Drehtag circa zwei Kilo Nerven. Die Atmosphäre ist wirklich toll, wenn du das Zeichnen hörst, das Kratzen auf dem Papier und dann schiebt einer seine Staffelei rüber. Aber es ist alles so still. Stille ist ja eigentlich etwas Unheimliches, aber dieses Wischen auf dem Papier macht so eine Stille erst aus, und es hat eine meditative Atmosphäre. Das fand ich eigentlich so am Spannendsten.

Wie würden Sie diesen Film in Beziehung zu Ihren letzten Filmen setzen?

Einen Bezug hat der jetzige Film gar nicht. Die letzten Filme spielen rein örtlich sowieso woanders. Sie sind ein abgeschlossenes Gebilde, und da passt der Film jetzt nicht dazu. Für mich ist das alles Neuland. Wäre ja auch langweilig, wenn man dahin geht, wo man schon war. Aber man lernt ja von Projekt zu Projekt dazu, man entwickelt seine Filmsprache weiter, man traut sich mehr und vielleicht irgendwann wieder weniger, das kann auch sein. Den Punkt, ab dem man sich weniger traut, habe ich hoffentlich noch nicht überschritten. Irgendwann im Künstlerleben gibt es das bestimmt, dass man sich weniger traut. Ich versuche das Ganze noch mit Mut und Risiko zu betreiben.

Formell ist es einer meiner verwobensten Filme. Ich könnte keine Szene herausnehmen und an einer anderen Stelle einsetzen. Wir haben 200 Stunden Material gehabt und endeten bei 107 Minuten. Und die werden dann immer fester. Am Anfang ist alles recht lose, und am Ende hat man da wirklich einen Granitblock, an dem man nichts mehr ändern kann, weil alles an seinem Platz ist. Dieses Gefühl habe ich bei den meisten meiner Filme. Einen Moment, in dem man weiß: Jetzt ist der Film fertig, und wir können gar nichts mehr daran machen. Geht auch nicht besser, es geht nur noch schlechter. Aber bei dem Film habe ich wirklich das Gefühl, dass ich noch nie einen Film so fest zusammengefügt hatte. Fest soll heißen ineinander verwoben, zusammenhängend.

Was kommt als nächstes?

Es gibt im Grunde mehreres. Ich will auf jeden Fall einen Langfilm über Uta, die blinde Straßenmusikerin, machen. Wir sind gerade dabei, das zu finanzieren. Wir haben schon einiges gedreht und haben sowieso ein Haufen Material von ihr. Ansonsten sitze ich an einem Roman, aus dem wahrscheinlich ein Drehbuch und schlussendlich ein Film wird. Filmmusik, das kommt auch noch.

Herr Schneider, vielen Dank für das Interview.