Bianca Bodau über ihren Dokumentarfilm

Bianca Bodau drehte einen Dokumentarfilm über ostdeutsche Lebensläufe und Geschichten vor und nach der Wende. In „Frohe Zukunft“ kommen drei Familien und vier Generationen zu Wort und erzählen ihre Geschichte. Zur Halle-Premiere des Filmes weilte Frau Bodau in Halle und Kulturfalter nutzte die Chance für ein Interview.

Wie haben sie die Protagonisten gefunden?

Ich habe eine Annonce im „Magazin“ aufgegeben. Auf die haben sich knapp 40 Leute gemeldet. Ich habe dann mit allen geredet. Mir war wichtig, dass ich vollständige Familien filmen kann. Es gab Fälle, da haben sich die Kinder gemeldet und die Eltern wollten sich nicht filmen lassen oder manche lebten getrennt und der Partner wollte nicht mitmachen. Mir war es wichtig die Balance zu halten, möglichst mehrere Generationen zu Wort kommen zu lassen und so habe ich mich für die drei Familien entschieden. Aber prinzipiell waren alle Geschichten interessant, deshalb  arbeite ich an einem  Buch zum Thema.

Wie lange haben sie die Protagonisten begleitet?

Die Vorbereitungen haben schon lange gedauert, insgesamt mehrere Jahre, aber das Drehen ging dann recht zügig.

Wenn man die Informationen zum Film liest, könnte man denken, dass der Film in das „Früher-war-alles-besser-Horn" bläst. Es ist aber überhaupt nicht so...

Ja der Satz kam tatsächlich bei niemanden meiner Protagonisten vor. Es gab auch keine sogenannte Ostalgie Ich selbst wollte wissen: : Was ist genau passiert. Was war wann und warum ist dieses und jenes passiert,. Denn es hat sich ja in historisch sehr kurzer Zeit  komplett alles geändert. Fragen wie: Wie können wir das bewältigen?  Woher komme ich? Wie will ich weiterleben? Das sind die Fragen. Es war ja auch eine enorme Anpassungsleistung an ein System, dessen Funktionsweise man  nicht kennt und dessen Sprache man nicht spricht, dessen Codes man nicht beherrscht.

Was  war ihr Motivation diesen Film zu machen?

Es gab einmal meine persönliche Geschichte. Und ich wollte etwas festhalten, was man in einigen Jahren vielleicht nicht mehr kann. Ich wollte drei/ vier Generationen festhalten, die diesen Bruch „Wende“ erlebt haben. Man kann es am besten mit Oral Historie beschreiben. Ich fand es war Zeit  die normale Bevölkerung zu Wort kommen lassen. Ich wollte die Komplexität des Prozesses anhand der Leute darstellen. Und ich habe schnell gemerkt, dass es ein gesamtdeutsches Interesse daran gibt.

Wie waren denn die Reaktionen des Publikums?

Viele Menschen zeigten sich sehr interessiert, sehr offen und viele fingen an von sich und ihrer eigenen Geschichte zu reden. Viele erklärten auch, dass sie sich wiedergefunden haben und dass sie gut fanden, dass vier Generationen zu Wort kamen. Einer sagte mir, dass er ausgewandert ist, ohne dass er sich bewegt hat. Sein Land ist gegangen. Und viele Westdeutsche meinten, dass sie vieles so genau nicht gewusst haben, dass der Film sehr aufklärend war für sie.

Gibt es eine Quintessenz des Filmes?

(langes Schweigen) Ja, gibt es. Ich habe in der Arbeit zu diesem Film einmal mehr gemerkt, wie sehr wir Gesellschaftstiere sind. Wie sehr das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen/ Gemeinschaftlichen verkoppelt ist. Aber da hat sicher jeder etwas anderes, was er als Quintessenz sieht. Was ist denn Ihre?

Ich denke, dass so ein gesellschaftlicher Bruch zu einem höheren Maß an Selbstreflektion führen kann.

Ja das stimmt. Man ist ja permanent gezwungen gewesen, sein Leben zu überdenken. Und auch da wieder unterschiedlich in den einzelnen Generationen, die Kinder, die sahen, wie  ihre Eltern anfangen zu schwimmen. Oder in den Schulen, wie da von einem Tag auf den anderen die Lehrer etwas völlig anderes zum Maßstab erhoben. Eine Protagonistin sagte mir, dass sie froh ist in zwei Systemen groß geworden zu sein. Aber viele waren von dieser Zeit auch sehr erschöpft, die vielen Krankheiten kamen nicht umsonst. 

Wie haben sie Halle in Erinnerung?

In Halle sieht man die Brüche sehr. Auf der einen Seite sieht man das Neue und Renovierte und direkt daneben steht das Zerfallene. Viele junge Menschen haben auch Halle verlassen. Das merkt man natürlich. Andererseits gibt es Energie und Aufbrüche. Das Thalia Theater stellt sich der heutigen Zeit, was da passiert ist sehr interessant.  

Frau Bodau, vielen Dank für das Gespräch.
(Martin Große, Kulturfalter)