"Als wir träumten" – Die Anarchie der Jugend

In einem Interview über seinen Film „Als wir träumten“, der im Januar 2015 in die Kinos kam, sagte Regisseur Andreas Dresen, es sei das Privileg der Jugend, auf anarchische Art, Grenzen auszuweiten, zu überschreiten, abzustürzen, Forderungen unverschämtester Art zu stellen, die Welt zu provozieren. Clemens Meyers vielgefeierter Debütroman lässt sich vielleicht genau auf dieses Leitmotiv zurückführen, denn sein ‚Wenderoman‘ ist ebenso ein Studie über das Erwachsenwerden.

Mithilfe von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaas und ohne von der Buchvorlage groß abzuweichen, nimmt sich Dresens Filmadaption vor, genau dieses Erwachsenwerden – eine Zeit der Rebellion gegen alle und alles, eine Zeit der ungebändigten Freiheit, eine Zeit der absoluten Geltung des Willens –, zu thematisieren und mit der Stärke, Kraft und der Gewalt wie Meyer seine fünf heranwachsenden Figuren schreibt, zu inszenieren. Die Wende ist bei Meyer wie bei Dresen zwar eben jene Zäsur, die alles Alte über den Haufen wirft und die Figuren in eine Welt entlässt, die nicht die altbekannte Ordnung, sondern das Chaos unzähliger Möglichkeiten auszeichnet, jedoch wird sie weder groß thematisiert noch wird sie als Realisation von jugendlicher Freiheit und Selbstbestimmung idealisiert.

Die fünf Freunde, Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul, die mit dreizehn Jahren noch in der DDR leben, erleben kurze Zeit später ein neues System ohne alte Ordnung. Alles scheint möglich, niemand schert sich um sie, weder die Eltern noch die Polizei. Das Quintett nutzt die einmalige Möglichkeit einer Welt, die ihre jugendliche Anarchie weder restringiert noch bestraft. Und zwar radikal. Besoffen rauschen sie mit einem geklauten Auto durch Leipzigs Nacht, klauen, randalieren, setzen ihren Willen mit Gewalt gegen alle – auch die eigenen Eltern – durch und bauen mit kurzzeitigem Erfolg einen Underground-Technoclub auf. Doch kommt nach dem Rausch die Ernüchterung: Rechtsradikale nehmen den Club auseinander, ein Verrat lässt die Freundschaft auseinanderbrechen und sehr schnell zeigt sich, was die Wiedervereinigung für das Erwachsenwerden in der trüben Nachwendezeit im Leipziger Osten ermöglichte: die radikale Freiheit und das notwendige Scheitern jugendlicher Träume. Doch wie es in Meyers Buch heißt, „Aber es war unsere schönste Zeit.“

Nico Elste, Kulturfalter März 2015

Clemens Meyer – Ein Literat des Milieus

Die Geschichten, die er schreibt, handeln von gescheiterten und verlorenen Menschen und sie zeigen das Leben außerhalb unserer Gesellschaft. Das war auch lange Zeit die Welt von Clemens Meyer. Vor dem rasanten und damit einhergehend auch wachsenden materiellen Erfolg seines Debütromans „Als wir träumten“ im Jahr 2006 war der damals 23-jährige nämlich schon einiges gewesen: Kleinkrimineller, Bauarbeiter, Wachmann und Sozialhilfeempfänger.

Und eines haben all die ‚beruflichen Stationen‘ gemeinsam: Geldmangel. Pleite war Meyer, der in Halle geboren ist und im Leipziger Osten aufwuchs, Zeit seiner Jugend. Mit illegalen Techno-Partys verdiente er in den Neunzigern Geld nebenbei und war auch sonst wohl ein Wilder in einer wilden Zeit. Doch das Bedürfnis zu schreiben, hatte Meyer schon immer. Einen wesentlichen Anteil daran hatte wohl sein Vater. Der Krankenpfleger besaß eine große Leidenschaft für Literatur und eine gut ausgestattete Bibliothek.

Nachts saufen, Partys und Techno und tagsüber lesen und Geschichten schreiben. So sah das Leben bis zum Abitur aus. Danach arbeitet Meyer auf dem Bau. Nie wieder wollte er die Schulbank drücken. Bis der Rücken nicht mehr mitmachte. Andere Jobs folgten und 1998 die Aufnahme am Leipziger Literaturinstitut. Die ersten Seiten von „Als wir träumten“ entstanden und Meyer gewann 2001 mit einer Kurzgeschichte sogar den MDR-Literaturpreis. Dennoch blieb das Geld immer knapp. Irgendwann wurde ihm gar der Strom abgestellt, weil er die Rechnung nicht mehr zahlen konnte. Doch auch das hielt Meyer nicht ab, weiterhin seine Geschichten zu schreiben. Vielmehr bot es den Stoff für sie. Der Bierliebhaber sucht und findet seine Literatur auf der Straße, in der Kneipe, im Puff. So wie für seinen letzten erschienenen Roman „Im Stein“.

Die eingehende Milieustudie über das Rotlichtgewerbe ist ein Pandämonium unmoralischer Nachtgestalten und zugleich ein ästhetischer Einblick in Meyers literarische Welt: heruntergekommen, amoralisch, dunkel, tragisch – und zugleich voller Witz und Hoffnung.

Nico Elste, Kulturfalter März 2015