Transkontinentaler Sound - die Surealistas

Die Surealistas auf der Bühne. (Foto: Ludwigsound)

Die italo-argentinische Latin-Pop Band Surealistas, bestehend aus den drei argenti-nischen Brüdern Jeremiah, Joaquin und Agustin Cornejo, sowie den fünf neu erworbenen italienischen Brüdern, tritt am 13. Oktober im Peißnitzhaus auf. Kulturfaterrdaktuer Martin Große sprach mit Jeremiah Cornejo über die Band und ihre Musik.

Kulturfalter: Drei Argentinier gründen eine Band in Italien. Wie ist es zu eurer Gründung gekommen? Wie habt ihr euch zusammengefunden?

Jeremiah Cornejo: Vinícius de Morães hat einmal gesagt „das Leben ist die Kunst des Zusammenkommens“ und wir stimmen ihm zu. Die Band entstand als Jeremías (geboren in Argentinien) und Francesco (geboren in Sizilien) sich an der Universität Pisa trafen und ihre gemeinsame Leidenschaft für Musik aus dem Süden ihrer jeweiligen Heimatländer teilten. Als Francesco für ein paar Jahre nach Sizilien zurückkehrte, löste er eine Art Schneeballeffekt aus - Jeremías 'Brüder, Joaquín und Agustín gingen in andere Städte, etwa zur selben Zeit, als Mauro (Trompete) und Pietro (Schlagzeug) auftauchten. Die Band stabilisierte sich schließlich, als ein Line-Up, das aus sechs Elementen bestand - mit Matteo am Bass. Das war bis Francesco zurück nach Pisa kam, und Gianni sein Saxophon zu einem Show mitbrachte. Aus sechs wurden acht Bandmitglieder. Schließlich lebten alle zur selben Zeit in der Toskana und Surealistas erwachten zum Leben. Wenn einer von uns fehlt, fühlen wir uns desorientiert. Wenn es noch mehr Musiker gibt, haben wir noch mehr Spaß.

Bei euch mischen sich Flamenco-Rhythmen mit nostalgischem Tango, Afro-Cubanisches mit Jazz. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben?

Ich würde auf die Idee von Berührungspunkten zurückkommen. Musik ist ein Netz von Verbindungen zwischen Kulturen und eine Brücke zwischen Zeiten und Orten. Unsere Musik ist neu - sie wurde von uns geschrieben und spiegelt unser heutiges Leben wider - aber gleichzeitig gibt es eine starke Verbindung zu den musikalischen Traditionen, die wir lieben und studieren. Um nur ein paar zu nennen: afro-kubanische Rhythmen, Cumbia, Cha Cha Cha, Bossa Nova und brasilianische Volksmusik, Singer-Songwriter und sogar britischer Rock. Unsere Interpretation von lateinamerikanischer Musik ist kein direktes Zitat - wir mischen und transformieren sie, um ein Hybrid zu schaffen. Betrachte es als eine Art postmodernes Latein. Rubén Chiaviano, ein kubanischer Geiger mit einem großen Sinn für Humor, erzählte uns, dass wir "ethnoromantisch" seien und "kulturelle Momente" spielten. Wir haben nie herausgefunden, was er meinte.

Woher nehmt ihr eure Inspiration?

Liebe, Leben, Einsamkeit, Reisen, Träume, Bücher, Natur, Film ... es kann ein einzelner Blick, ein Auftritt, die Rede eines afrikanischen Präsidenten, ein verschwendeter Nachmittag oder eine Möwe im Flug sein. Nicht selten werden wir von Melodien überrascht, in diesen fast stereotypen, neutralen Momenten, wie in der Bahntoilette, beim Kochen, an der Bushaltestelle. In diesem Moment ist es wichtig das Handy zu finden und die Melodie aufzuzeichnen, bevor sie verschwindet. Manchmal verschwindet sie, manchmal fangen wir sie auf. Manchmal machst du dich verrückt, wenn du versuchst herauszufinden, ob jemand anderes es geschrieben hat. Es ist ein sehr persönlicher und intensiver Moment, der geschützt werden muss, bis er bereit ist, bei einer Show frei zu werden.

Dann gibt es die musikalischen Einflüsse: kubanische Musik, peruanisches Cumbia von den Wemblers, das Brasilien von João Gilberto, Caetano Veloso, Gilberto Gil und Chico Buarque, der Eklektizismus von Diego Cigala und Bebo Valdés, der uruguayische Songwriter Jorge Drexler, unser Studium des Jazz, das Genie der Beatles ... Einer der Künstler, die uns bei unserer Arbeitsweise inspiriert haben, ist Kevin Johansen. Halb-Amerikaner und halb Argentinier, er überarbeitet traditionelle Genres in Pop und moderne Versionen. Wir stellen uns auf seine Ablehnung von Genre-Labels ein. Wir sind gerne ein bisschen rebellisch.


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Haben sich in den letzten Jahren neue Kunstformen entwickelt, die beim Festival Beachtung finden?

Wir hatten 1998 bereits eine eigene online Internet Sektion innerhalb der Biennale, die einige der Pioniere der Netzkunst präsentierte, hatten auch schon von jeher DJ und VJSets gleichberechtigt integriert, Exkursionen, Spaziergänge, subversive Talkshows, Games, interaktive und partizipative Formate, Workshops und Labs, Filmprogramme die von Hollywood über Industrie, Werbe- und Musikfilme hin zu Kunstvideos und Experimentalfilm alles zeigten, was Bewegtbild zu bieten hat, Augmented Reality, Virtual Reality; Handy Apps, Interventionen im öffentlichen und privaten Räumen inklusive Marienerscheinungen im Stadtbad oder das Zünden einer „schmutzigen Bombe“ auf der Peissnitz Insel, Seancen in Kirchen, musizierende Wasserräder, interaktive Radtouren bis hin zu Graffiti Aktionen.

Wir folgen dabei aber keinen Trends, sondern gehen von unseren Themen aus: Bei Common Property – Allgemeingut spielte zum Beispiel Wissen eine Rolle als Allgemeingut. Deswegen organisierten wir die Halle School of Common Property mit sechs verschiedenen von internationalen Künstlern geleiteten Workshops zur alternativen Wissensproduktion oder baten die öffentlichen Museen um Exponate ihrer Sammlungen. Die Kunst eröffnet alle Möglichkeiten und darüber hinaus interessiert mich die Frage ob etwas Kunst ist oder nicht sonderlich, sondern eher inwieweit etwas zu neuen Erkenntnissen und Erlebnissen führt.

Daher kann ein Werkleitz Festival im Prinzip alles enthalten: Ob anerkannte Kunstformen, Unterhaltung oder sogar Sport. Es ist eine Frage der Betrachtung und des erweiterten Kunstbegriffes.

Werkleitz möchte zumeist auf interdisziplinäre Weise Themen besprechen. Mit welchen Kunst- und Kulturformen arbeiten die Künstler beim Festival 2018?

Vom 20. Oktober bis zum 4. November beschäftigen wir uns beim Werkleitz Festival Holen und Bringen mit Fragen der Logistik, dem globalen Transfer von Gütern, Daten und Menschen. Es wird eine Ausstellung mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern in der kleinen Märkerstraße 7a in Halle (Saale) geben, die unterschiedliche künstlerische Praktiken präsentieren wird, im Fokus steht wie immer das Bewegtbild, sowohl in der Ausstellung als auch im Filmprogramm. Das Kolloquium 1,2,3 Logistik am 21. Oktober ermöglicht den offenen Diskurs über die Tendenzen von Logistik und erweitert den Spielraum des Festivals um Spekulationen über zukünftige Verfahren. Geführte Exkursionen zu regionalen Standorten und mehrtägige Workshops erweitern die Auseinandersetzung vor Ort. Audiovisuelle Performances und Konzerte ergänzen das Programm und lassen die Wochenenden energetisch ausklingen. Mit den zum Werkleitz Festival 2018 eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern !Mediengruppe Bitnik, Mariechen Danz, Doug Fishbone, Foundland Collective, Hiwa K, Lawrence Lek, Candice Lin, Sebastian Schmieg und Leanne Wijnsma sind in der Ausstellung Holen und Bringen neun künstlerische Positionen vertreten, die weiterführende Fragen zum Thema Logistik stellen.

Dabei geht es unter anderem um den Zugang zu grundsätzlicher Mobilität, um die unsichtbaren Strukturen unseres Alltags und die Auswirkungen dessen, dass einige wenige alles zu jeder Zeit haben können. Hiwa K beispielsweise verweist mit seiner Arbeit The Bell Project auf den für das 20. Jahrhundert prägenden Ursprung logistischer Prozesse aus dem Militärwesen. Durch die Verbindung von Nachschub und Religion wird die Logistik als eine Form der Ideologie hinterfragt, deren Schwingungen erst in der Distanz wahrnehmbar sind. Candice Lin wiederum greift in ihrer neu entstandenen Arbeit die Salz-Geschichte der Stadt Halle (Saale) auf, um unter anderem darauf zu verweisen, wie erst durch die Konservierungseigenschaft des Rohstoffs die globale Seefahrt, die Eroberung der Welt und die systematische Sklaverei über Jahrhunderte hinweg vorangetrieben werden konnte.

Das Festival ist im Laufe der Jahre gewachsen. Was für internationale und regionale Partner/ Kooperationen haben Sie?

2006 hatten wir uns einmal die Mühe gemacht, alle bisherigen Partner zu listen. Ohne den Anspruch der Vollständigkeit kamen wir dabei auf 111 regionale, nationale und internationale Partnerschaften. Mittlerweile dürften es weit über 200 sein, allerdings nicht nur im Kontext des Festivals. Alleine die European Media Art Platform besteht momentan aus 11 europäischen Institutionen und wir fangen gerade an, einen erweiterten Stamm an assoziierten Partnern zu sammeln. Wir möchten dafür 30 bis 50 neue Partnerschaften in den nächsten zwei Jahren akquirieren.

Um es anschaulicher zu machen und wenigstens ein paar Beispiele zu nennen: Regional sind für uns Radio Corax, die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und die Martin-Luther Universität aus naheliegenden Gründen wichtige kontinuierliche Kooperationspartner, aber wir realisierten auch schon Projekte mit fast allen Museen, allen voran die Moritzburg und einem Großteil der Kultureinrichtungen vor allem in Halle, aber auch in Magdeburg und Dessau. Das nächste Werkleitz Festival Modell und Ruine findet übrigens vom 25. Mai bis 9. Juni 2019, anlässlich des 100-jährigen Bauhausjubiläums und Dank eines speziellen Fördertopfes der Kulturstiftung des Bundes ausnahmsweise in Dessau statt. Für dieses Projekt sind 13 internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die sich in Dessau aus gegenwärtiger Sicht den Kraftpolen Modell als Vorbild einer noch zu schaffenden Zukunft und Ruine als Zeugnis einer meist idealisierten Vergangenheit widmen.

National möchte ich das Kasseler Dokfest hervorheben, mit dem zusammen wir mit der Unterstützung der Medienanstalten von Hessen und Sachsen-Anhalt jährlich das A38 Stipendium vergeben, aber auch die DOK Leipzig und transmediale in Berlin sind wichtige Partner, ebenso wie das Silent Green Kulturquartier, gleichfalls in Berlin. International sind die Ars Electronica und das International Symposium of Electronic Art (ISEA) sicherlich einige der größten Partner, aber vor allem mit dem Goethe Institut realisieren wir immer wieder erfolgreich Projekte und konnten mit ihrer Unterstützung unsere Aktivitäten mehrfach auf allen Kontinenten (außer Afrika) präsentieren.


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Meist gibt es Filmprogramme bei dem Festival. Wonach werden die Filme ausgewählt?

Die Filmauswahl obliegt den eingeladenen Filmkuratoren, wobei wir ihnen auch Vorschläge machen können und konzentriert sich an Hand unserer thematischen Vorgaben. Im Gegensatz zu herkömmlichen Filmfestivals, die in der Regel eine Auswahl von Filmen der letzten 2-3 Jahre präsentieren und ihr Profil meist nach Gattungen aufstellen (zum Beispiel Spielfilm, Dokumentarfilm, Animation, Experimentalfilm oder generell Kurzfilme) können wir alles zeigen, was thematischen Bezug hat. Von Arbeiter verlassen die Fabrik der Gebrüder Lumiére aus dem 1895 bis zur Premiere einer neuen Produktion und sämtliche Filmgattungen und Genres.

Welches Publikum sprechen Sie mit dem Festival an und hat sich das Publikum über die Jahre verändert?

Eigentlich würde ich gerne behaupten, dass wir alle ansprechen, aber dem ist sicherlich nicht so. Unser Kernpublikum ist eher studentisch, aber gleichfalls hatten wir schon oft Besuche von Schulklassen und stellten in den letzten Jahren erstaunt fest, dass auch die Zahl der Senioren zunimmt, was aber vielleicht auch mit vielen historischen Bezügen in einzelnen Programmen erklärbar ist, oder eben aus dem Umstand, dass man als Rentner über mehr Zeit verfügt. Jedenfalls haben wir daraus gelernt, unser Publikum nicht in Schubläden einzugrenzen und irgendwelche Gruppen auszuschließen. Ganz im Gegenteil: bei den Biennalen in den Dörfern Werkleitz und Tornitz erreichten wir viel ländliches Publikum – zum Erstaunen der Journalisten, die ungläubig ob der Harmonie zwischen Avantgarde und Dorfidylle verzweifelt die Kritiker unter der Dorfbevölkerung suchten, um dann vom Hauptmann der Feuerwehr zu hören zu bekommen: „Das Dorf braucht Kultur ebenso wie es die Feuerwehr braucht.“ Dieser Erkenntnis kann ich nichts weiter hinzufügen ;-)

Themenwechsel: Die Professional Media Master Class (PMMC) von Werkleitz bietet Film- und Medienschaffenden die Möglichkeit sich in der professionellen Medienpraxis weiterzubilden. Kennen Sie erfolgreiche, vielleicht spätere Projekte der Absolventen?

Ich hoffe doch, dass ich sie alle kenne!

Die von uns mit Hilfe der Mitteldeutschen Medienförderung und der Staatskanzlei Sachsen-Anhalt ins Leben gerufene PMMC startete mit 4 Kurzfilmklassen, die 22 Kurzfilme produzierte, die auf bislang circa 160 nationalen und internationalen Festivals mit insgesamt 15 Preisen ausgezeichnet wurden, gefolgt von einem zweijährigen Langfilmlab (zwischen 2015-2017), das 6 mittellange und lange Kinodokumentarfilme produzierte, die allesamt auf den großen internationalen A-Festivals Premiere feierten, angefangen von der Berlinale, über DOK Leipzig, Visions du Reel in Nyon, Schweiz bis hin zu CPH: Dox Kopenhagen, Sheffield International Documentary Film Festival und Max-Ophüls Festival in Saarbrücken und schließlich den Hauptpreis des deutschen Wettbewerbs in Hamburg gewannen.

Der erfolgreichste Nachfolgefilm von Alumni ist sicherlich Kaltes Tal von Florian Fischer und Johannes Krell, der eine goldene Lola als bester deutscher Dokumentarkurzfilm 2016 gewann, aber auch Boy von der Hallenser PMMC Alumni Ginan Seidl zusammen mit Yalda Afsah gewann einige internationale Preise, ebenso wie der von unserer Firma Worklights Media Production (www.worklights.de) produzierte Kinodokumentarfilm Sandmädchen des PMMC Alumni Mark Michel, der unter anderem den Medienpreis Kategorie Film/Fernsehen des Deutschen Roten Kreuzes gewann und im Oktober 2018 parallel zu unserer Festivaleröffnung Kinostart hat.

25. Jahre Werkleitz. Seit 2008 sind Sie dabei. Auf welche Entwicklungen im „Werkleitz-Kosmos“ sind sie besonders stolz?

Kleiner Irrtum. Daniel Herrmann ist seit 2008 als Leiter dabei. Ich bin Gründungsmitglied und seit 1993 Vorsitzender des Vereins und verantwortlich für viele Bereiche wie die European Media Art Platform oder die Professional Media Master Class. Die Festivalleitung habe ich vor Jahren abgegeben, es sei denn wir präsentieren die Ergebnisse des European Media Artists in Residence Exchange (EMARE).

Daher fällt es mir schwer, auf etwas besonders stolz zu sein, denn alle drei Hauptbereiche sind sehr erfolgreich. Stolz bin ich vielleicht darauf, dass wir das alles im Vergleich zu unseren internationalen Partnern mit relativ geringen Budgets hinbekommen. Ansonsten fühle ich mich besonders belohnt durch die Projekte und Erfolge sowohl unserer Professional Media Master Class und der Alumnis, als auch unserer EMARE und Supported Artists, allen voran Christoph Wachter und Mathias Jud. 2007 entwickelten die zwei Künstler des EMARE Programmes bei Werkleitz das Projekt picidae.net zur Umgehung der Internetzensur wie zum Beispiel in China. Dieses Projekt verbreitete sich weltweit und hilft besonders in nichtdemokratischen Ländern Zugang zu Information zu bekommen.

Auch in weiteren Projekten beschäftigen sich die beiden Künstler mit Alternativen zu hegemonischen Machtstrukturen im Netz. Ebenso spannend finde ich unseren Supported Artists Philip Scheffner, den ich für einen der genialsten Filmessayisten der Gegenwart halte und dessen Investigation für den Kino-Dokumentarfilm Revision (DE, 2012) für die Entschädigung zweier Roma Familien sorgte, deren Männer und Väter an der deutsch-polnischen Grenze 1992 erschossen wurden.

Aber am stolzesten bin ich eigentlich wenn mir jemand erzählt, dass Werkleitz bzw. eine unserer Aktivitäten sein oder ihr Leben verändert haben (hoffentlich zum Guten), was durchaus ab und an vorkommt. Es gibt mir das gute Gefühl, das zumindest im kleinen und persönlichen Kunst doch etwas verändern kann.