Kopf an Kopf – Benefizkonzert im Haus Auensee in Leipzig

Die Flut in Halle. (Foto: Martin Große)

Nahezu drei Monate ist es her, dass tagelang heftige Regenfälle ganz Deutschland heimsuchten – die Wasserpegel stiegen rasant an und kurz darauf traten die ersten Flüsse über die Ufer. Bilder von weggespülten Möbelstücken, gewaltigen Schlammmassen und notdürftig drapierten Sandsäcken zeigten bald sehr deutlich die katastrophalen Ausmaße dieser Flut. Das darauffolgende soziale Engagement war beeindruckend. Vielerorts wurden Spendenkonten eingerichtet, um den größten Schäden entgegenzuwirken. Dennoch haben unzählige Familien immer noch mit ihrem Schicksal zu kämpfen, denn sie haben alles – ihre gesamte Existenzgrundlage – verloren.

Damit dieses Thema weiterhin in den Köpfen bleibt und um den betroffenen Menschen auch weiterhin Unterstützung und Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, veranstaltete die Band Silly am 5. September im Leipziger Haus „Auensee“ ein Benefizkonzert. Als besondere Unterstützung und Special Guest wurde zu diesem Anlass Musiker Rea Garvey geladen. An diesem Abend wird er für einige Momente gemeinsam mit Anna, Uwe, Ritchie und Jäcki „Kopf an Kopf“ auf der Bühne zu stehen. Neben dem Engagement für die Flutopfer engagieren sich „Silly“ sich auch für die "Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!". "Wir unterstützen das Anliegen der Aktion nach einem grundsätzlichen Verbot des Exportes von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern aus Deutschland! Damit Frieden von unserem Vaterland ausgeht", so äußerte sich die Band dazu. Aus diesem Anlass widmen sie ihr nächstes Video diesem Thema. Der Kulturfalter sprach mit Bandgitarrist Uwe Hassbecker über das Benefizkonzert und ihr Engegement für die Aktion "Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel".

Kulturfalter: Gibt es ein konkretes Projekt, was ihr unterstützt?

Uwe Hassbecker: Ja – seit kurzem haben wir ein Projekt gefunden, welches wir direkt unterstützen wollen. Es geht um ein Kinderheim für Jugendliche mit seelischer Behinderung in Glashütte bei Dresden. Das Heim ist sehr stark von den Flutschäden betroffen. Die Jugendlichen sind 14 bis 18 Jahre alt und können nicht in Regelschulen unterrichtet werden, sodass der Träger-Verein www.panta-rhei-ev.de neben der stationären Betreuung auch ein Fernschulprogramm sowie handwerklich orientierte Beschäftigungsprojekte im Heim anbietet. In diesem Rahmen sind die Jugendlichen auch maßgeblich an der Trockenlegung, der Sanierung und dem Wiederaufbau ihres Heimes nach der Flutkatastrophe beteiligt. Natürlich ist dazu auch Geld notwendig, was wir nun gemeinsam mit dem Deutschen Kinderhilfswerk e.V. versuchen wollen zur Verfügung zu stellen...

Einige eurer Bandmitglieder kommen aus der Region – seid ihr selber oder Familie/Freunde von der Flut betroffen?

Viele unserer Fans sind direkt betroffen. Wir haben einen recht großen Fanclub, welcher intern eine Spendenaktion für betroffene Mitglieder gestartet hat. Die Mitgleider haben sich außerdem gegenseitig unterstützt. Wir selbst waren zu der Zeit auf Tour und sind in der Nähe betroffener Gebiete gewesen oder sind daran vorbeigefahren. Es waren schon erschreckende Ausmaße zu sehen. Die Großeltern meines Sohnes Daniel, der bei uns Cello und Keyboard spielt, mussten in Aken evakuiert werden, konnten aber nach einer Woche zurück und sind mit einem blauen Auge davon gekommen.  

Wie viel Geld wollt ihr sammeln?

Wir hoffen natürlich auf einen möglichst hohen Betrag, der uns ermöglicht das Projekt direkt und umfassend zu unterstützen. Vielleicht gelingt es uns auch ein oder zwei weitere Projekte mit dem Erlös zu finanzieren. Damals haben wir an der MDR Spendengala "Gemeinsam gegen die Flut" teilgenommen, die einen beachtlichen Erlös hatte. Wir wollten aber selbst noch etwas auf die Beine stellen. Es ist auch hier so, wie so oft bei solchen Katastrophen – aus den Augen, aus dem Sinn. Das Wasser ist zurückgegangen und damit auch das Interesse der Medien. Vielerorts sind sicher äußerliche Schäden behoben, aber wenn man genau hinschaut, ist da noch viel mehr zerstört. Viele haben ihre Existenzgrundlage verloren und haben vielleicht keine Lobby. Uns geht es darum, nachhaltig zu helfen und die Menschen nicht zu vergessen.

Verzichten neben euch auch die Technikfirmen, Veranstalter etc. auf ihre Gage?

Technik, Personal, Strom, etc. müssen natürlich bezahlt werden. Unsere Agentur Undercover und der örtliche Veranstalter MaWi, die uns glücklicherweise sehr unterstützten, bringen ihre Leistungen in der Umsetzung der Veranstaltung umsonst ein. Wir sind froh, mit MaWi einen guten Partner und mit dem Haus „Auensee“ in Leipzig einen sehr geeigneten Ort für dieses Konzert gefunden zu haben. Wir haben uns außerdem zusammen mit Universal entschlossen, das Konzert mitzuschneiden und im Herbst als DVD zu veröffentlichen. Die Kosten dafür gehen natürlich nicht von den Einnahmen des Abends ab. Zudem haben wir mit Rea Garvey einen Special Guest eingeladen, auf den wir uns ganz besonders freuen und der für ein bis zwei Songs in unserer Mitte stehen wird. Alles in allem ein bestimmt sehr interessantes Erlebnis für den Konzertbesucher, für einen unschlagbaren Preis und eine gute Sache noch dazu.  

Was wollt ihr mit eurem neuen Video zum Song "Vaterland" bewirken?

Im besten Fall wollen wir eine Diskussion über das Thema Waffenhandel, und wie Deutschland oder besser deutsche Firmen am Krieg verdienen, massiv anstoßen. Gerade wir als Deutsche haben doch aufgrund unserer eigenen Geschichte eine sehr besondere Verantwortung, haben wir doch so viel Leid über andere Völker gebracht. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" sang die Punkgruppe Slime schon 1993. Deutschland ist weltweit einer der größten Waffen- und Munitionshersteller. Es geht darum, dass wir nach wie vor eines der führenden Länder beim Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern sind und dass dieser Industriezweig eines der Standbeine der deutschen Wirtschaft ist. Diese Deals werden abgesegnet von höchsten Regierungskreisen. Es geht um viel mehr Transparenz für Bevölkerung und Parlament bei diesen Geschäften, die fast immer Geschäfte mit dem Tod sind. Es geht um einen unerträglichen Zustand, gerade und auch wegen der aktuellen Lage z.B. in Ägypten oder Syrien. Wer weiß denn genau, ob sich nicht in diesem Moment in Deutschland hergestellte Waffen oder Munition gegen friedliche Demonstranten in Ägypten richten. So viel ist sicher – die Chancen dafür sind groß.

Was kann man persönlich dazu beitragen, um den Waffenhandel zu stoppen?

Man sollte sein demokratisches Recht auf freie Wahlen wahrnehmen, in nicht allzu langer Zeit wieder wählen und man sollte sich die Programme der einzelnen Parteien genau anschauen und kann sich außerdem engagieren und genauer informieren unter www.aufschrei-waffenhandel.de.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Die Idee zum Thema stammt letztendlich von Werner Karma, der den Text für das Lied geschrieben hat. Uns war es ein Bedürfnis, dieses Thema aufzugreifen und zusammen mit dieser "weltmusikalisch"-angehauchten Musik ist daraus eine im wahrsten Sinne des Wortes explosive Mischung geworden. Der Song war von Anfang an einer der Höhepunkte bei unseren Konzerten und irgendwann kamen wir auf die Idee, dazu ein drastisches Video zu produzieren. Der wunderbare Zynismus in Karmas scheinbar einfachen Worten ist im Prinzip nicht zu übertreffen. Nun ist daraus noch mehr geworden. Wir unterstützen damit aktiv das Anliegen der "Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel" unter Schirmherrin Margot Käßmann, nach einem grundsätzlichen Verbot des Exportes von Kriegswaffen und anderen Rüstungsgütern aus Deutschland. Wir haben ein Ziel...

Herr Hassbecker, vielen Dank für das Gespräch!
(Sarah Langhoff, Kulturfalter September 2013)