Die Jazz-Legende Nils Gessinger feierte sein 40-jähriges Bühnenjubiläum in Halle

Nils Gessinger links am Klavier mit seiner Band (Foto: Nils Gessinger)

Zum Abschluss seines 40. Bühnenjubiläums gastierte Nils Gessinger in Halle und beglückte das Publikum mit seinen groovigen, handgemachten Soul- & Funk-Kompositionen. Dass hier ein Großer seiner Zunft aufspielte, steht außer Frage, war Gessinger doch der erste deutsche Musiker, der einen Vertrag beim renommierten US-Label GRP/Universal ergattern konnte. Kulturfalterredakteur Martin Boldt sprach mit dem angesehenen Musiker über seine musikalischen Wurzeln, das Besondere der Bühnenerfahrung und woher die Inspiration für seine Kompositionen kommt.

Kulturfalter: Wo traten Sie gestern auf?

Nils Gessinger: Leipzig.

Gibt es einen Tag, an dem Sie nicht musizieren?

Da gibt es sogar ziemlich viele. Nämlich solche, an denen ich mich auf eines meiner Motorräder setze und bevorzugt nach Süden fahre, denn das Keyboard passt schlecht ins Topcase. (lacht)

Wie sind Sie zum Klavierspiel gekommen?

Ich komme aus einer Musikerfamilie, mein Großvater war Julius Gessinger, ein klassischer Komponist, und die Musik ist mir quasi mit dem ersten Atemzug in die Wiege gelegt worden. Ich habe schon mit vier Jahren mit meinem Großvater am Flügel gesessen und gespielt. Die Musik war stets in meinem Leben präsent, ohne dass ich darüber viel nachgedacht habe. Daher stand es für mich außer Frage, dass ich auch Musik machen werde. Zum Jazz bin ich letztlich gekommen, weil meine Eltern einen Jazzclub und mein großer Bruder eine Diskothek hatten, und dort bin ich das erste Mal mit Soul und Funk in Berührung gekommen. Als ich dann nach Hamburg gegangen bin, um klassische Musik und Jazz zu studieren, war für mich relativ schnell klar, dass mein Herz für den Jazz schlägt.



Für Menschen ohne Bezug zur Jazzmusik - wie würden Sie den Reiz Ihrer Musik beschreiben?

Ich bediene mit meiner Musik nicht nur ein Genre, vielmehr setze ich sie aus vielen verschiedenen Stilen zusammen. Das macht für mich den Reiz aus, sowohl als Musiker als auch als Komponist, weil Ideen somit auf verschiedene Stile übertragen werden können. Der Jazz ist für mich die Basis, auf der ich aufbaue. In meiner Musik finden sich dann aber auch Blues, Jazz-Funk, New Orleans, Soul und Funk. Ich versuche, meine Musik an der Oberfläche eingängig zu gestalten, sodass ein gewisser Liebreiz entsteht, dem man folgen kann. Das kann die Melodie sein oder die Art und Weise, wie ich sequenziere. Im Unterbau versuche ich aber komplexe Strukturen zu erschaffen, an denen sich dann der „Connaisseur“ der Musik erfreuen kann. Meine Musik soll in den Kopf und in den Bauch gehen.

Sie fahren privat gerne Motorrad. Der Jazz kann dem Musiker Freiheiten gewähren und Motorradfahren ist der Inbegriff von Freiheit. Sind Sie ein freiheitsliebender Mensch?

Absolut. Das Freiheitsliebende und Freigeistige sind elementar für die Art und Weise, wie ich Musik schreibe und spiele.

Das Motorradfahren in den Bergen ist eine besondere Inspirationsquelle für Sie, doch woher kommt die Inspiration, wenn Sie nicht gerade auf dem Motorrad sitzen?

Inspiration kommt aus allen Dingen. Das kann schon der Fall sein, wenn man durch eine Fußgängerzone läuft und eine Melodie hört. Diese übernehme ich dann nicht, aber sie kann ein Reiz sein, sie umzugestalten, oder ein Anlass, etwas vollkommen Eigenes daraus zu machen. Das ist letztlich auch das Wesen des Komponierens, denn man komponiert nicht aus dem hohlen Bauch heraus. Man ist immer ein Kind seiner Umgebung und seiner Entwicklung. Wenn man in Halle aufwächst, dann kommt man sicherlich nicht umhin, Händel kennenzulernen und unter Umständen in sich aufzunehmen. Und so habe ich meinen Bach, meinen Beethoven und meinen Brahms in der Schule und an der Hochschule aufgenommen, die auf mich einströmen und mich beim Komponieren beeinflussen. Man nehme nur Bach: Eine Fuge von ihm zu spielen ist äußerst schwierig, wenn man die einzelnen Bewegungen der Finger betrachtet. Aber im Gesamten entwickelt sie dann eine Reinheit, die unvergleichlich ist. Eine solche Reinheit, gepaart mit Klarheit, das ist es, wonach ich als Komponist strebe.

Die großen Plattenfirmen sind in der Krise, die CD-Verkäufe sinken, nicht zuletzt auch durch illegale Downloads im Internet. Ist das auch ein Grund dafür, dass Sie seit Ihren GRP/Universal-Veröffentlichungen ausschließlich auf Independent-Labels veröffentlichen?

Die Krise der Plattenlabels spielt dabei keine Rolle. Große Plattenfirmen haben mit Musikern oft Pläne, bei denen man mitgehen kann oder eben nicht. GRP hatte damals große Pläne mit mir, aber ich wollte das einfach nicht. Mir war es wichtiger, selbstbestimmt die Musik zu machen, die ich fühle, ohne mich äußeren, an mich herangetragenen Forderungen zu unterwerfen.



Sie leiten seit 1988 das LandesJugendOrchester Hamburg JAZZESSENCE. Sind junge Menschen noch für den Jazz zu begeistern?

Die jungen Musiker bei JAZZESSENCE sind mit viel Leidenschaft dabei. Es ist wundervoll zu sehen, mit wie viel Spielfreude sie auftreten, und darüber hinaus bietet der Rahmen von JAZZESSENCE auch die Möglichkeit, Talente zu entdecken, Anna Depenbusch ist dafür ein illustratives Beispiel. Bei meinen Konzerten sieht man an der Altersstruktur, dass auch Jüngere von meiner Musik erreicht werden.

Sie spielen bereits seit 40 Jahren auf Bühnen rund um die Welt. Was ist Ihrer Meinung nach nötig, damit nach so langer Zeit ein Konzert immer noch etwas Besonderes wird?

Das Besondere an jedem Konzert ist der Sprung ins Ungewisse, denn man weiß vorher nie, wie es verlaufen wird. Man weiß nie, was für ein Saal bespielt wird, wie das Publikum ist, in was für einer Verfassung die Mitspieler sind; das alles trägt dazu bei, dass ein Abend eine bestimmte Richtung einschlägt. Das Besondere nicht nur am Jazz ist, dass Sachen auf der Bühne passieren, die man nicht vorhersehen kann. Daher komponiere ich manche Teile von Stücken auch relativ offen, manche sind hingegen wieder sehr genau durchkomponiert. Ich möchte mir diesen Raum an Freiheit auf der Bühne offenlassen, und dabei vertraue ich natürlich auch meinen Mitmusikern, etwa wenn ich eine Melodie oder ein Groove-Beispiel vorgebe und meine Mitspieler das aufnehmen, dafür bin ich dann sehr dankbar. Das alles macht jedes Konzert zu etwas Besonderem.

Was ist neben der Musik wichtig in Ihrem Leben?

Neben der Musik sind das Motorradfahren und meine Ehe die wichtigsten Dinge.

Was kennen Sie von Halle?

Natürlich Händel. Und dass Halle in Sachsen-Anhalt liegt, dem Land der Frühaufsteher. (lacht)

Herr Gessinger, vielen Dank für das Gespräch.
(Martin Boldt, Kulturfalter März, 2014)

 

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