Über Einsamkeit beim Schreiben und die Monster, die man mit sich trägt ...

Claudia Tieschky ist hauptberufliche Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung (Foto: Stephanie Füssenich)

Claudia Tieschky brachte im März 2018 ihr erstes Buch heraus. In "Engele" geht es um eine junge Frau, die die Geschichte ihrer Vorfahrinnen, im Besonderen ihrer Großmutter, erzählt. Dabei entdeckt sie auch die Monster der Vergangenheit, die sie selbst mit sich trägt. Kulturfalterredakteurin Anne-Marie Holze traf sich mit Claudia Tieschky auf der Leipziger Buchmesse und sprach über solche Monster und die Einsamkeit beim Schreiben.

Sie haben Germanistik und Geschichte studiert. Im Hinblick auf Ihre journalistische Karriere und das erste Buch – würden Sie das wieder so wählen oder etwas anders machen?

Ich finde meine journalistische Arbeit immer noch total schön und spannend - die Beschleunigung im Tagesgeschäft, der Kurzstreckenlauf. Das Buch war Langstreckenlauf. Das sind zwei völlig getrennte Welten. Ich bin zum Journalismus gekommen, weil ich mit meiner Ausbildung Geld verdienen und unabhängig sein wollte. Wahrscheinlich würde ich es wieder so machen.

„Engele“ ist Ihr erstes Buch – was war der Auslöser dafür, ein Buch zu schreiben?

Das Buch spielt ja auf drei Ebenen. Die Geschichte der Ruth habe ich schon lange im Kopf gehabt. Das war tatsächlich bei einem Spaziergang, als ich mir dachte: „Jetzt machst du es.“

Und dann begann der Prozess, eine Geschichte zu strukturieren?

Ja. Ich ging dann in ein Sabbatical, aber ich hatte tatsächlich schon vorher Szenen geschrieben und überlegte jetzt, was möchte ich aus dem Leben dieser drei Frauen erzählen - ganz banal auf ein A3-Papier aufgemalt. Das Schwierige war lustigerweise auch, dass ich ständig diese Fragen abwimmeln musste, warum ich in dem Sabatical keine Weltreise mache oder meine Wohnungseinrichtung endlich vervollkommne. Meine lieben Freunde dachten, ich hätte jetzt doch endlich mal Zeit. Ich habe aber niemanden gesagt, dass ich etwas schreibe.

Warum haben Sie es Niemanden gesagt?

Ich wusste nicht, ob ich das kann. Ich wusste nicht, was dabei herauskommt. Und ich wollte meine Ruhe.

Was würden Sie jemanden raten, der mit der Idee spielt, ein Buch zu schreiben?

Ich glaube, Schreiben ist eine einsame Sache und diese Einsamkeit muss man auch herstellen. Es gibt Leute, die stellen sie abends zwischen 7 und 10 her. Das muss jeder für sich wissen. Ich könnte das nicht.

Ist die Einsamkeit der größte Unterschied zum journalistischen Schreiben?

Da ist was dran. Obwohl, beim Schreiben ist man immer allein in seinem Kopf. Beim Bücherschreiben etwas länger.

...und kann nicht viele Personen zu Rate ziehen?

Das finde ich tatsächlich schwierig. Wenn man einzelne Passagen den Eingeweihten vorliest, setzt man sich ihrer Meinung aus und muss es dann aushalten, dass sie vielleicht ganz andere Vorstellungen haben. Ich hatte den Ton für das Buch im Kopf und – bis auf wenige Ausnahmen – erst das Ganze jemanden gezeigt.

 

 



„Engele“ dreht sich um eine Familiengeschichte und die „Monster“, die man mit sich trägt. Warum dieses Thema?

Mich hat vielleicht am meisten interessiert und beschäftigt, wie Mütter und Töchter zusammenhängen. Wie das Erbe von Emanzipation und Freiheitsstreben über mehrere Generationen funktioniert. Mich hat interessiert, wie die Ruth – die in dem Jahr geboren ist, als Frauen das erste Mal wählen durften – alles dafür tut, dass sie in die Welt hinaus kann. Und dann ereilt sie dieses Schicksal. Am Anfang sagt die Enkelin Lotte zu ihrem Geliebten Frieder: „Man sollte einfach Lachen über die Zerstörung gegen die man machtlos ist.“ Jemand wie Ruth folgt vielleicht trotzdem auf eine extreme Art immer weiter seiner Art zu leben …

Wie entschieden Sie beim Schreiben, ob die Ruth bricht oder dem Leben weiter folgt?

Die Ruth war eigentlich nicht verhandelbar beim Schreiben, die war immer schon so da. Wer mir näher kam, das waren die Tochter Clara und die Enkelin Lotte. Die Wut der Enkelin. Auch Clara hat sich irgendwie verselbstständigt im Laufe des Schreibens. Die beiden sind mir auch zeitlich näher. Näher an Zeiten, an die ich mich selbst erinnern kann. Gerüche, Menschen. Da kann man aus eigenen Bilder mehr hinein entwickeln.

Und die Szenen der Ruth, zu Zeiten, die man selbst nicht erlebt hat?

Die muss man recherchieren. Oder auf Personen zurückgreifen, die man kannte und die Ruth ähnlich waren. Das Interessanteste dabei ist, dass man anfängt, Dinge zu hinterfragen. War es wirklich so oder vielleicht eine Lüge? Diese Ambivalenz kann dann auch stehen bleiben.

Warum lassen Sie Lotte die Geschichte ihrem Liebhaber Frieder erzählen? Was macht das mit den Beiden?

Ich glaube, wenn man sich liebt, erzählt man sich Geschichten voneinander, oder? Und die beiden sind in Berlin, an dem Ort, an dem Ruth lebte, und an dem Lotte ihr wiederbegegnet. Sie sucht die Orte auf, um ihr wieder nahe zu sein. Dem „Filmstar“ ihrer Kindheit, ihrer Heldin. Und dann geht es für Lotte eben wirklich um die Frage: Will ich mich noch einmal auf die Liebe einlassen? Oder ist es besser, den Feuerkreis um sich geschlossen und Männer auf Abstand zu halten. Frieder hält sich da im Hintergrund, aber er verführt sie zum Erzählen.

Selbst erzählt er ja aber nichts von sich …

Nein. Frieder ist jemand, der erzählt bekommt. Er fragt nach, und das ist vielleicht auch eine Möglichkeit, sich Lotte zu nähern.

Der Schluss des Buches hat mich ein wenig überrascht: Er ist offen. Es geht die ganze Zeit um die Monster, die man mit sich trägt, um die Muster, in die man unbewusst tappt, und am Schluss sieht man einen Schimmer, der das Ganze doch durchbrechen könnte. Die beiden – Frieder und Lotte – könnten zusammen weitergehen.

Ich maße mir selbst nicht an, zu wissen, was nach der letzten Seite passiert. Ich hatte fest vor, das Buch mit der Trennung von Lotte und Frieder zu beenden. Aber dann ging es nicht. Ich war da an einem Punkt, an dem ich so viel Schwere durchschritten hatte und so viel Unheil, das nicht zu kitten war - da konnte ich nicht sie auch noch auseinander gehen lassen. Es kann sein, dass das passiert. Aber ich wollte nicht über sie bestimmen. Ich habe überlegt, ob das Kitsch ist … Aber dann war es mir egal, ich wollte ihnen eine Chance lassen.

Dann kann das Buch auch in Gedanken weitergehen …

Ja es könnte ja sein, dass Lotte mit Frieder das gleiche ereilt wie Ruth. Man weiß ja nichts über diesen Typen. Also wird man sehen …

Sie meinten, Sie hätten die Geschichte von Ruth schon lange im Kopf gehabt. Haben Sie noch andere Buchideen im Kopf?

Ja, aber es ist ein bisschen früh, darüber zu sprechen. Ich muss noch etwas spazieren gehen oder so.