Auf dem Dorf passiert natürlich genauso viel ...

(Foto: Timm Kölln)

Der Autor Jan Böttcher veröffentlichte im vergangene Jahr das Buch "Das Kaff" und machte damit das große Thema der Urbanität auf, die vermuten lässt, dass das Dorfleben und seine Bewohner einfach unheimlich einfach sind. So war dies jedoch keinesfalls gemeint! Kulturfalterredakteurin Anne-Marie Holze sprach mit ihm über die Diskrepanz zwischen Stadt und Dorf.

Was bedeutet für Sie Leben in einer Stadt?

Das hängt davon ab, wieviel Urbanität man um sich gebrauchen kann. Was sich genauso wandelt wie die Stadt selbst und wie alles andere im Leben auch. Ich bin mit 20 Jahren aus einer Kleinstadt nach Berlin gekommen. Ein immenser Sprung. Sobald ich auf die Straße trat, wurde ich mit so vielen Menschen und Lebensläufen konfrontiert, das war ein Erweckungserlebnis. So viel Gegenwart! Man fühlte sich der Großstadt zugehörig, als wäre man nur zufällig woanders geboren. Studieren war auch noch lockerer, ich ließ mich einfach treiben. Man muss nur aufpassen, dass man sich nicht verliert, man muss lernen, auch eigene Bedürfnisse zu formulieren, sich in der Großstadt selbst finden. Nicht so einfach.

Was bedeutet für Sie leben auf einem Dorf? Oder in einem Kaff?

Auf einem Dorf habe ich selbst nie gelebt, nur in einer Kleinstadt. Das kann ich aber ganz gut mit der Hauptfigur aus „Dem Kaff“ abgleichen. Ich würde nicht so herangehen wie Michael, der meint, dass Bewegung in der Großstadt stattfindet und in der Kleinstadt und im Dorf nur Stillstand herrscht. Das ist ein gängiger Trugschluss und auch Michas Vorurteil. Mit jedem Dialog, jeder Bewegung, jedem Ereignis verschiebt sich unser Leben – und eben auch die Romanhandlung. Ich persönlich hatte Eltern und Großeltern in Lüneburg, und hab daher umfassend teilgehabt an der Stadtgeschichte und den Verschiebungen der letzten zwei Jahrzehnte, obwohl ich selbst nicht vor Ort war.

Geht es in dem Buch eher um Stadt-Land-Konflikte oder um die menschliche Entwicklung des Hauptprotagonisten?

Ich glaube, der Stadt-Land-Konflikt ist die Folie, auf der die menschliche Entwicklung stattfindet. Die Einstellung, die jemand zu Stadt und Land einnimmt, kann ein guter Ausgangspunkt fürs Schreiben sein. So spiegelt der Titel „Das Kaff“ sofort schon die Haltung des Ich-Erzählers. Es geht darum, wie er seinem Selbstbetrug auf die Schliche kommt und wer ihm dabei hilft. Michael muss erst langsam begreifen, dass zum Beispiel das Leben seiner Schwester in der Kleinstadt ein anderes ist, aber totale Relevanz hat. Er findet es beispielsweise super, dass sie nach 16 Jahren den Job wechselt, aber merkt gar nicht, dass dieser Wechsel eigentlich unwichtig ist, weil sie genauso sozial und verantwortungsbewusst weiterarbeitet. Für ihn ist Jobwechsel gleichgesetzt mit Bewegung und Action.



Was hat Sie dazu gebracht, über das Thema der verschiedenen Einstellungen zu schreiben?

Ich habe beim Schreiben irgendwann gemerkt, dass ich zwei aktuellen Typenfiguren auf der Spur bin – dem Wutbürger und dem Gutmenschen. Beides total überstrapazierte Wörter zwar, aber man kann ihnen auf Romanlänge ja etwas Leben einhauchen. Gerade der Gutmensch ist ja eine wirklich böse Zuschreibung – wenn das wirklich angewendet wird auf Menschen, die für hilflose Emigranten sich eingesetzt haben, für Ehrenamt und Freiwilligkeit, dann finde ich das ganz unerträglich. Das Soziotop Fußballplatz, das im Roman eine große Rolle spielt, könnte dann ohne Gutmenschen gar nicht mehr existieren. Wollen wir das? Michael entdeckt jedenfalls über den Fußball und die Erinnerung an seine Jugend, dass er das erste Mal in seinem Leben auch anderen etwas geben kann. Er kommt dem Lebensentwurf seiner Schwester dadurch näher.

Der Protagonist Michael wird durch immer mehr Anschluss dazu gebracht, in seiner ehemaligen Heimat-Kleinstadt zu bleiben und sich anzuschließen, obwohl er das nie wollte. Ob er aber wirklich nach seinem Projekt als Architekt, das er dort angenommen hat, bleibt, bleibt unklar. Ist das überhaupt wichtig?

Nein, das ist nicht die wichtigste Frage. Auch ob seine neue Liebesbeziehung Bestand hat, kann man nicht wissen. Eine ganz tiefe Verbindung ist für Michael noch nicht denkbar. Oder besser: fühlbar. Es gibt auch eine Szene, in der er beim Fußball fünzehn Jugendlichen in einen Kleinbus laden muss, weil der zweite Bus ausfällt. Micha denkt, das haben wir ja früher auch so gemacht, und die Kinder haben auch den gleichen Spaß wie er damals, aber was passiert im Jahr 2017? Sofort nehmen Eltern ihre Söhne aus dem Verein. Weil sie für fünf Minuten nicht angeschnallt waren. Das ist für ihn ernüchternd. Er begreift es gar nicht. Gut möglich, dass Micha bald wieder die Schnauze voll hat. Es gibt aber auch Szenen, die ihn ans Kaff binden.

Aber keine Bindung ist so stark, dass man sagen kann, dass er wegen ihr bleibt.

Das wäre auch verlogen, zu sagen, dass eine Person, die man mit so viel Groll einführt, irgendetwas tun muss. Diese Hauptfigur würde sich nicht fesseln lassen.

Sie machen auch Musik, spielten in einer Band. Wie inspiriert die Musik das Schreiben oder andersherum?

Das Musiktexten fällt mir von Jahr zu Jahr schwerer, weil ich mich so ins Romanschreiben vertiefe. Nur selten fällt da eine Textzeile ab. Ich muss das klar auseinander halten und abwechselnd betreiben. Wenn ein Buch fertig ist, nutze ich die Zeit, um mich mit der Gitarre hinzusetzen. Musik hat dann schon befreiende Wirkung. Ich nehme die Gitarre auch meist mit auf Tour und biete Lesekonzerte an. Es ist schön, zwischen Leseblöcken und Gespräch mal ein Lied zu spielen. Ganz ähnlich ist es für mich zuhause: Der Stimmungswechsel tut mir gut, beim Arbeiten brauche ich das auch zwischendurch. Singen alsVentil, wenn man mal nicht weiterkommt.



Das Buch macht schon den Eindruck, als wäre die Sprache auch ein bisschen musikalisch. Es gibt Sätze, die an Songzeilen erinnern.

Ich glaube jeder Text hat eigene Musikalität. Wenn man sich auf eine Hauptfigur einlässt, weiß man irgendwann nicht nur, wie sie tickt. Sondern auch, wie sie spricht. Gerade ein Ich-Erzähler braucht einen eigenen Sound, der aus seinem Leben stammt. In dem Buch wechsele ich aber zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit, zwischen Landsprache und Stadtsprache. Das schnelle, wechselnde, nicht zu Ende Sprechen steht aber eher für Michas Vergangenheit, da lehnt er es innerlich ab, ganze Sätze zu sprechen. Während seine Ausbildung, sein Wissen erst in der Großstadt hinzukam. Alles was mit Architektur zu tun hat (er ist ja als Bauleiter im Kaff), klingt deshalb eher gelernter, vollständiger, auch träger. Da gibt es verschiedene Stimmen. Das darf nicht zu homogen sein.

Ein ganz anderes Thema – Sie waren im Auftrag des Goethe-Institutes auf einer Reise in Bukarest zum Beispiel und haben mit rumänischen Autoren gesprochen. Wen haben Sie getroffen?

Getroffen habe ich vielleicht 20 Autorinnen und Autoren. Es war eine Rundreise über zehn Tage von Bukarest nach Brașov über Cluj im Vorfeld der Messe. Ich war noch nie in Rumänien und kann die Sprache auch nicht. Ich habe aber für meinen letzten Roman viel im Kosovo recherchiert und habe deswegen ein bisschen Erfahrungen in Osteuropa gesammelt. Es waren alles gute Gespräche, sehr fundiert, sehr bescheidene Autoren und Autorinnen. Das ist dem geschuldet, dass sie dieses System, was wir hier mit Reisen, Lesungen und Stipendien haben, ja gar nicht kennen. Die meisten jobben nebenher und sind froh und glücklich, wenn sich jemand für ihre Literatur interessiert. Es gibt spannende Gegenwartsromane, zum Beispiel von Lavinia Braniste das Buch „Null Komma Irgendwas“, das auch im Baumilieu spielt. In ihrem Roman geht es aber um eine Frau, die lieber Übersetzerin wäre, aber im Baubüro arbeiten muss, um finanziell zurecht zu kommen.

Ich habe gelesen, dass es in Rumänien Hafterleichterung gibt, wenn man als Insasse ein Buch schreibt?

Ja, das versteht man nicht. Das ist die Abschaffung jeglicher Kultur. Bücher sind nichts mehr wert. Pro Buch gibt es einen Monat weniger Haft. Es gibt Häftlinge, die veröffentlichen im Jahr bis zu zehn Bücher. Die haben sie natürlich nicht selbst verfasst, sondern sie haben sich Ghostwriter gekauft und irgendeinen Verleger dafür bezahlt, das zu veröffentlichen. Grauenhaft.

Das hat doch aber mit den Häftlingen eigentlich nichts mehr zu tun?

Es machen nur jene Häftlinge, die es sich finanziellleisten können, klar. Aber das ist alles durchsichtig. Das hat mich auch angestrengt, dass alles sichtbar ist. Lebensläufe sind gefaked. Doktortitel sind erkauft. Das macht es eigentlich besonders hart.

Was zeichnet rumänische Literatur aus?

Ganz so weit bin ich nicht eingestiegen, dass ich mir das anmaße, zu beurteilen. Aber es gibt immer Dekaden: Jetzt gibt es die, die nach 2010 ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Das ist schon sehr milieugetreu, genau und realistisch. Sie suchen sich ihre Stoffe in der Arbeitswelt, betreiben keine Weltflucht, zeigen auch Missstände auf. Es ist schade, dass deutsche Verlage nicht mehr rumänische Autoren publizieren. Überhaupt darf der Blick meinetwegen endlich mal stärker in Richtung osteuropäischer Autoren gehen und nicht nur nach Westen.