Zum 200. Jahrestag der Einrichtung

Mit einem Befehl des preußischen Königs Friedrich II. vom 22. Juni 1771 endete eine dreißig Jahre andauernde Periode von Gastspielen renommierter Schauspielgruppen in Halle. Veranlasst wurde er durch Streitigkeiten von Studenten mit Offizieren des Stadtregiments um die Gunst einiger Aktricen der gastierenden Döbbelinschen Truppe, die in tumultartigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien endete.

Vierzig Jahre später hat sich die Situation geändert: Napoleonische Truppen halten die Stadt besetzt, der französische Kaiser schließt die Universität, die Stadt Halle befindet sich wirtschaftlich in einer prekären Situation. Da kommt der geniale Mediziner Johann Christian Reil auf eine verwegene Idee: die Einrichtung eines Heilbades am Rande der Stadt. Mit deren Realisierung wird nicht lange gezögert, die für ein solches Unternehmen wichtigen ,Accessoires‘, wie Promenaden, Gastwirtschaften, Salons usw., buchstäblich aus dem ,Boden gestampft‘. Auch an die Einrichtung eines Theaters zur Unterhaltung der Badegäste dachte der umtriebige Reil. Nach längeren Diskussionen erhielt er 1809 vom halleschen Magistrat die nicht mehr genutzte Schulkirche des Stadtgymnasiums zur Nutzung als Schauspielhaus. Umfangreiche Umbauarbeiten folgten. 1811 war es dann so weit. Die Eröffnung der Spielstätte konnte erfolgen.

Um die Mittel zum Umbau ein wenig aufzustocken, hatte sich die Badedirektion zu der unkonventionellen Methode entschlossen, bereits in einem im Rohbau befindlichen Gemäuer Schauspiele zu geben und die eingespielten Gelder für weitere Bauarbeiten zu verwenden. Dabei hatte sie mit Henriette Hendel-Schütz, einer berühmten Schauspielerin, und ihrem Gatten, dem Professor Friedrich Karl Julius Schütz, der bereits während seiner Studienzeit als Mime an einem Liebhabertheater dilettiert hatte, Enthusiasten zur Verfügung, die sich um die Zusammenstellung eines Laienensembles mühten. Immerhin sollte mit Lessings Emilia Galotti begonnen werden. Außer der Hendel-Schütz, die als Orsina und Claudia figurierte, standen allesamt Dilettanten auf der Besetzungsliste. Ihr Gatte spielte den Marinelli. Beider Spiel wurde hoch gelobt. Der Kanzler der halleschen Universität, August Hermann Niemeyer, widmete der Künstlerin im Anschluss an die Vorstellung folgende Verse:

Des Meisters tiefen Sinn erschöpft vielleicht
Die Meisterin allein. Doch hell und klar
Ward er auch mir, als ich dich hört’ und sah.
Des Dankes Unterpfand sey Dir dies Blatt.

Bis zum Sommer konnten die Räumlichkeiten fertig gestellt werden. Sie gaben sich betont schlicht. Wilhelmine Rieger, die spätere Souffleuse des Hauses, beschrieb sie so:

Die innere Einrichtung war prunklos, einfach – Parquet, Parterre und zwei Gallerien – die Gallerien waren einfach mit mattgrünen Füllungen gestrichen und mit einem weißen Fries umrahmt. […] Die Maschinerien waren ebenfalls sehr einfach, Flugwerke nicht vorhanden, ein Wolkenwagen wurde […] an vier dicken Tauen, die dem Publikum nicht sichtbar waren, emporgezogen. […] Die Bühne aber hatte einen großen Raum und zählte unbedingt zu den größten in Deutschland.

Die eigentliche Einweihung des Schauspielhauses erfolgte am 6. August 1811. Dazu und für die Folgezeit konnten die Weimarer ,Profis‘ unter Goethes Leitung gewonnen werden. Der hatte eigens einen Prolog samt einer langen Anweisung an die Sprecherin desselben, Amalie Wolff-Malcomi, verfasst, in dem er u.a. die Leistung seines Freundes Reil feiert. Den eigentlichen Höhepunkt bildete die Aufführung seines Egmont. Das Hallische patriotische Wochenblatt verkündete am 3. August:

Der Bau des hiesigen Schauspielhauses ist nun beendigt. Dieses für das kunstliebende Publikum interessante Ereigniß wird von der hier spielenden trefflichen Weimarischen Gesellschaft besonders berücksichtigt werden. […] Die Kunstfreunde werden sich daher gewiß den seltenen Genuß, jenes Schauspiel zu sehen, nicht versagen.

Den versagten sie sich in der Tat nicht. In einem Dankschreiben an die Weimarer Theaterleitung betonte die hallesche Badedirektion: „Wie mächtig selbst der gemeine Theil des hiesigen Publicums von der höheren dramatischen Kunst angezogen wird, das hat Ihnen der ,Egmont‘ gezeigt.“

(Hans-Joachim Kertscher, Kulturfalter August 2011)