Wandern – Siedeln – Gestalten: Wie Migration das Antlitz Halles formt

Wenn in öffentlichen Debatten das Schlagwort ‚Migration‘ fällt, verheißt das häufig keine positiven Nachrichten. Es wird als etwas Erzwungenes wahrgenommen, da wir in einer relativ sesshaften Gesellschaft leben. Sesshaftigkeit wird darüber hinaus immer noch als Fortschritt gedeutet, weil sie mit Sicherheit und Wohlstand assoziiert wird. Migration hingegen ist eine Art von Mobilität, die eine Überwindung sozialer und räumlicher Hürden erfordert, um bestimmte Lebenspläne zu verwirklichen. In der neuesten Migrationsforschung wird dies positiv und als movens von historischen Prozessen umgedeutet. Dabei wird der Fokus auf die Motivationen und Pläne der Migranten gelegt. Erfolg und Misserfolg von Migration(en) hängt auch immer von der Gesellschaft ab, in der die Migranten ankommen.

Es lohnt sich daher, durch diese Brille einen Blick auf die hallische Stadtgeschichte zu werfen und zu versuchen, ‚Migration‘ durch verschiedene Beispiele neu zu akzentuieren. Der ‚hallsche‘ Dialekt ist das erste Indiz dafür, wie Migration die hallische Stadtgesellschaft bis heute prägt. Im Jahr 806, als Halle erstmals urkundlich erwähnt wird, markierte die Stadt den Westrand des Siedlungsgebietes der Elb- und Saaleslawen. In den ältesten Stadtbüchern finden wir für das ausgehende 10. Jahrhundert Belege für das Vorhandensein einer jüdischen Gemeinde in Halle. Der Zuzug aus dem fränkisch-germanischen Westen verstärkt sich, nachdem um 1100 die reichen Solevorkommen unter dem heutigen Hallmarkt entdeckt werden. Von den vier Brunnen, die hier ergraben werden, erhalten zwei slawische Namen (Meteritz- und Dobregoraborn, später: Gutjahrborn) und zwei andere bereits deutsche Namen (Deutscher Born und Hackeborn). Sonst verweisen nur noch wenige Ortsbezeichnungen wie die Dachritzstraße oder einige Dialektwörter wie „Plautze“ (von „plusa“: Lunge) auf die slawischen Ureinwohner Halles.

Aber auch aus dem Süden kommen Menschen nach Halle. Der Name des Dorfes Ringleben, das damals auf jener Anhöhe lag, wo sich heute das Opernhaus befindet, lässt vermutlich auf Siedler aus dem gleichnamigen Dorf in Nordthüringen schließen. Doch noch weitere Hinweise auf „jüngere“ Migrationen lassen sich in der Stadttopografie finden: Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts kommen hugenottisch-pfälzische Glaubensflüchtlinge nach Halle, denn 1685 schafft der Kurfürst von Brandenburg mit dem Potsdamer Edikt die Grundlage für deren Aufnahme in Brandenburg-Preußen. Darin wird auch Halle als Ansiedlungsort ausdrücklich empfohlen. Die Pfälzer Straße und die Pfälzer Brücke erinnern heute nur noch ungefähr an die Siedlungsorte dieser Wahl-Hallenser. 

Doch die Einwanderer bringen eine Fülle von neuen Gewerben und Kenntnissen mit. Das Gebäude, in dem sich das Brauhaus mit Bierausschank der pfälzischen Familie Le Veaux befand, ist nach wie vor am Harz 51 zu sehen. Die Hugenottenfamilie Dan flüchtet 1694 aus Grenoble und gründet in Halle eine der ersten Handschuhmanufakturen. Bis ins 20. Jahrhundert bleibt der Name Dan mit der Stadt und der Handschuhherstellung verbunden. Diese endet in Halle zunächst um 1800. Nachkommen der Dans wagen 1853 jedoch einen zweiten Anlauf. Bis 1910 existiert die Handschuhfabrik „J. W. Dan“ in Halle. Das Halloren Schokoladenmuseum und die dazugehörige Fabrik zählen in Halle zu beliebten Anlaufpunkten für Touristen und Hallenser. Der Gründer der Fabrik ist ebenfalls ein Glaubensflüchtling aus der Pfalz: Friedrich August Miethe kommt 1784 nach Halle und eröffnet 1804 eine Konditorei in der heutigen Geiststraße Nr. 1. Das Gebäude besteht bis heute. Dort verkauft er als Erster die Kolonialware Schokolade. Damit legt er den Grundstein für die heutige Schokoladenfabrik.

Die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde in Halle, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt wurde, belief sich in der Wendezeit auf lediglich fünf Personen. Dass sie bis heute Bestand hat, hängt mit einer größeren Migrationswelle osteuropäischer Juden zur Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion zwischen 1987 und 1991 nach Ost- und Westberlin zusammen. Das beliebteste Auswanderungsziel aus Osteuropa waren natürlich Israel und die USA, die jedoch recht schnell die Einreise beschränkten. Viele der osteuropäischen Juden kamen spontan mit einem Touristenvisum nach Deutschland und durften bleiben. Vor allem in Ostdeutschland wurde die Einreise und Unterbringung von Juden in der Wendezeit relativ unbürokratisch gehandhabt. Es war schließlich auch ein Politikum. Erst nach der Wiedervereinigung sollte eine Einreise nur auf Antrag möglich sein und strenger geregelt werden. Diese Einwanderungswelle sorgte auch in Halle für das Aufblühen der jüdischen Gemeinde, die heute wieder 600 Mitglieder zählen kann. Gegenwärtig sind in Halle 139 Nationalitäten zu Hause. Viele der zugezogenen Bürger engagieren sich ehrenamtlich in vielfältigen Vereinen und Initiativen. Seit 2006 arbeiten diese im „Bündnis Migrantenorganisationen“ zusammen. Ziel ist es, Menschen mit Migrationshintergrund in das kulturelle, soziale und berufliche Leben in Halle zu integrieren.

(Katharina Schmelzer, Kulturfalter Juni 2014)