Sangeskunst und bürgerschaftliches Engagement - 200 Jahre Singakademie Halle

Gemeinsam zu singen, war das Projekt der ersten, in Berlin 1791 gegründeten Singakademie. Es erfuhr auch in Halle große Aufmerksamkeit. Was sich erst einmal so unscheinbar ausnimmt, war in Wahrheit eine kleine Revolution. Gemeinsam zu singen, hieß in der Zeit nach der Französischen Revolution nämlich über alle Stände und Gewerken hinweg zusammenzuwirken, Frauen und Männer gleichermaßen zu beteiligen, Junge und Alte zu integrieren und sich mit Menschen jeder Religion zusammenzufinden. Überdies war es den Mitgliedern ein wichtiges Anliegen, sich über die eigene Leistung des kunstvollen Gesangs hervorzutun und damit einen würdevollen Platz in der Gesellschaft zu erobern, statt aufgrund eines Geburtsrechts zu besitzen.

In Halle verband sich die Gründung der Singakademie im Frühjahr 1814 im besonderen Maße mit den Ereignissen der Befreiungskriege. Die französische Besetzung und die Befreiungskriege hatten die Menschen zusammenrücken lassen. Gemeinsam kämpften und litten alle Stände und Religionen für einen befreiten Nationalstaat. Den Patrioten brachte man zahlreiche Ehrungen und Wohltaten entgegen. Dies bedurfte einer enormen Spendenbereitschaft, die unter anderem über Benefizkonzerte zustande kam. Die Singakademie gründete sich daher nicht nur, um kirchliches Liedgut zu pflegen, sondern auch, um den Sieg zu feiern und den Patrioten gesanglich zu huldigen. Sie entstand ebenso, um Waisen, Witwen und Invaliden zu unterstützen.

Etwa 30 Frauen und Männer standen am 3. August 1814 vor dem Altar der Domkirche und sangen die eigens für diesen Tag von den beiden Gründern Johann Gebhard Ehrenreich Maaß (1766–1823) und Johann Friedrich Naue (1787–1858) verfasste Kantate „Heil diesem Wonnetage“ sowie Chöre von Händel und schließlich das „Halleluja“. Sie begründeten damit die Geschichte der hallischen Singakademie, die sich der Pflege „klassischer“ Musik verschrieb. Dieses Anliegen wurde später vom Namensgeber der Singakademie, Robert Franz, sowie vor und nach ihm von Tausenden Sängerinnen und Sängern unter Leitung der zahlreichen Dirigenten weitergeführt. Jeder einzelne von ihnen prägte der Singakademie seinen individuellen Stempel auf. Sowohl damals wie auch heute ist die Singakademie einer der bedeutendsten Chöre Halles. Durch das Zusammenwirken mit der Staatskapelle Halle und dem Stadtsingechor sind heute bemerkenswerte kulturelle Höhepunkte gestaltbar. Halle hat sich in mehr als 200 Jahren zur Stadt des „Singens“ entwickelt. Es ist allerdings fraglich, ob diese Leistungen angesichts der großen finanziellen Einsparungen im Kulturbereich auch künftig geboten werden können. Gerade im Jubiläumsjahr bangt die Singakademie wie schon lange nicht mehr um ihre Zukunft.

Die Gründungsmitglieder der Singakademie gerieten aufgrund ihrer freiheitlichen Vorstellungen ebenfalls sehr schnell in Konflikt mit dem preußischen Staat, der seine in den Befreiungskriegen gegebenen Versprechen nicht hielt. Die Menschen lebten dennoch ihre Vorstellungen von Gleichheit und individueller Leistung, wenn nicht offen, so doch im privaten Umkreis. Sie vertraten neue Lebensformen, engagierten sich für neue Ideen und schufen karitative Einrichtungen. So veränderten sie die Gesellschaft nur allmählich, dafür jedoch umso nachhaltiger. Viele von ihnen hinterließen ihre bleibenden Spuren in Halle. Die einzelnen Lebenswege verweisen auf die Probleme und Visionen dieser Zeit und auf die Träger bürgerschaftlichen Engagements, die Halles Weg in die demokratische Moderne wirksam mitgestalteten.

(Katrin Moeller, Kulturfalter September 2014)