Musikgeschichte der Stadt Halle

Das Händeljahr soll nicht zu Ende gehen, ohne dass auf einen Hallenser hingewiesen wird, der sich um die Erschließung der reichen Musikgeschichte Halles unbestritten hohe Verdienste erworben hat: Der Musikwissenschaftler Walter Serauky, dessen Tod sich 2009 zum 50. Mal jährte. Im Jahre 1903 in Halle geboren, besuchte Serauky die Latina der Franckeschen Stiftungen, um im Anschluss daran in Halle und Leipzig zu studieren. 1929 promovierte er bei Prof. Dr. Arnold Schering mit einer Arbeit über „Die musikalische Nachahmungsästhetik im Zeitraum von 1700-1850“.

1935 legte er den ersten Band seiner monumentalen „Musikgeschichte der Stadt Halle“ vor, seine Habilitationsschrift. Diese behandelte die Musik der hallischen Klöster und der Zeit Kardinal Albrechts sowie die protestantische Kirchen- und Schulmusik. Der 1939-40 erschienene erste Teil des zweiten Bandes setzte in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein und behandelte Komponisten wie Samuel Scheidt, Friedrich Wilhelm Zachow und Georg Friedrich Händel. Nach Einberufung Seraukys zur Wehrmacht 1941 und seiner Entlassung als Kriegsversehrter erschien der zweite Teilband (1942-43), der die Zeit von Wilhelm Friedemann Bach bis zu Robert Franz (1815-1892) umfasste; 1943 schließlich kam der letzte Band mit Musikbeilagen heraus.

Dass Serauky wirtschaftlich häufig auf unsicheren Füßen stand, ist kennzeichnend sowohl für die Zeit vor als auch nach 1945. Politisch hatte er sich, wie aus seiner Personalakte des Universitätsarchivs hervorgeht, dem Nationalsozialismus verbunden – er war 1933 kurzzeitig SA-Mitglied, ab 1937 Mitglied der NSDAP und auch Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. In der Einleitung zum ersten Band seiner Musikgeschichte spricht er vom „Erwachen des deutschen Volkes“, von den Lebensmächten „Heimatsinn“ und „Volkstum“. Gleichzeitig propagiert er eine Neuorientierung der musikalischen Landeskunde, ein musikalisches Geschichtsbild, das sich aus der „Fülle und Breite des Daseins“ speisen solle und fordert die Aufgabe der isolierten Behandlung musikwissenschaftlicher Fragen, denen er sich in seiner Dissertation zu einem musikästhetischen Thema noch selbst gewidmet hatte. Neben zahlreichen Mitarbeitern der hallischen Archive und Museen kommt er nicht umhin, auch dem „Herrn Oberbürgermeister der Stadt Halle Dr. Dr. Weidemann“, NSDAP-Mitglied und zwischen 1933 und 1945 Oberbürgermeister Halles, sowie dem „Herrn Landeshauptmann der Provinz Sachsen Otto“ für ihre Unterstützung beim Erscheinen des Buches zu danken.

Inwieweit sich Serauky über die zitierten Bemerkungen hinaus den menschenverachtenden Zielen seiner Zeit verschrieb, kann nach derzeitigem Stand der Forschung nicht beurteilt werden. Zu vermuten aber ist, dass ihm vorrangig daran gelegen war, seine wissenschaftliche Arbeit fortführen und den Lehrbetrieb am Institut für Musikwissenschaft aufrecht erhalten zu können, dem er ein Großteil seiner Lebensleistung widmete. Als enger Mitarbeiter Prof. Max Schneiders setzte er nach 1945 seine Arbeit am Institut trotz seiner Entlassung durch die Universität Halle fort, an die er 1940 zum außerplanmäßigen Professor berufen worden war. Seraukys wissenschaftliche Laufbahn war durch die so genannte Entnazifizierung jedoch nicht für immer zu einem Ende gekommen, im Gegenteil: Im Jahre 1949 erhielt er einen Ruf als ordentlicher Professor für Musikwissenschaft der Universität Leipzig, an welcher er bis zu seinem Tode 1959 tätig war. Hier wirkte er in besonderem Maße für die Wiedereröffnung des 1929 eröffneten Museums für Musikinstrumente der Universität Leipzig, deren nicht ausgelagerten Bestände 1943 durch Kriegseinwirkung starke Verluste erlitten hatten.

In seiner Leipziger Zeit verfasste Walter Serauky eine mehrbändige Biographie Händels „Georg Friedrich Händel – Sein Leben, sein Werk“ die unvollendet blieb. Zudem edierte er zahlreiche musikalische Werke, etwa von Georg Friedrich Händel oder Daniel Gottlob Türk. 1952 gab er die „Lieder der Liebe und der Einsamkeit“ von Johann Friedrich Reichardt heraus, in deren Einleitung Reichardt als „echter Demokrat seines Zeitalters“ bezeichnet wurde. Scheint Serauky somit eine erhebliche politische Anpassungsfähigkeit entwickelt zu haben, so dass seine Werke nicht ganz ohne Vorbehalt rezipiert werden können, ist die Bedeutung seiner ‚Musikgeschichte’ doch auch daran abzulesen, dass sie 1971 im renommierten Olms-Verlag in Hildesheim eine Wiederauflage fand. Unter schwierigen Bedingungen gelang ihm eine gut lesbare, quellengesättigte Darstellung, die wohl auch deshalb bis heute wichtig für die Beschäftigung mit der Musiktradition der Stadt ist, da sie von großer Kenntnis der historischen Umstände zeugt, unter denen Musik in Halle entstand und betrieben wurde.

(Andrea Thiele, Kulturfalter Dezember 2009)