Moderne in der Werkstatt: 100 Jahre Kunstschule Burg Giebichenstein

Das Jahr 2015 hielt für Halle einen herausragenden Geburtstag bereit: Das einhundertste Jubiläum der „Burg“, der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Das Kunstmuseum Moritzburg widmet diesem Jubiläumeine Ausstellung, die sich auf wesentliche Impulse und Projekte der BURG konzentriert und mit der Ausstellungsarchitektur die schöpferische Atmosphäre der Werkstatt wach ruft.

Über 100 Jahre hinweg hat sich die BURG in der Auseinandersetzung mit den Visionen der Moderne und aus der Erfahrung in ihren Werkstätten heraus in dieser Stadt immer wieder selbst erfunden. Von ihrem Gründungsdirektor, dem leidenschaftlichen und künstlerischen Architekten Paul Thiersch (1879–1928), wurde sie aus einer kleinen Abteilung der städtischen Handwerkerschule zu einer Kunstgewerbeschule entwickelt, die den Reformideen des 1907 gegründeten Werkbundes folgte.

Mit beispielhaften Projekten wird die BURG als ein Gesamtorganismus vorgestellt, der sich aus der kreativen Individualität seiner Lehrer und Schüler speiste. Ein „unbändiges Vergnügen“ (Wilhelm Nauhaus) waren für die junge Gemeinschaft die Puppenspiele, mit denen sie zwischen 1918 und 1933 an die Öffentlichkeit trat. Die zauberhaften Puppen zu Molières„Die erzwungene Heirat“ (1919), Shakespeares „Komödie der Irrungen“(1926/27) und Mozarts „Bastien und Bastienne“ (1932) wurden erstmals in ihrer Gesamterscheinung rekonstruier tund werden in Bühneninszenierungen nach historischen Vorlagen präsentiert.

1920 bezog die Kunstgewerbeschule mit ihrenWerkstätten die Unterburg Giebichenstein, die namensgebend wurde. Die Erfolgeihrer Produkte auf den Grassi-Messen und internationalen Ausstellungen führten vielfach zu Aufträgen an die „Werkstättender Stadt Halle“. Diese Entwicklung wurde durch eine Reihe von Lehrerngestärkt, die 1925 vom Bauhaus kamen. Die Moritzburg zeigt Arbeiten aus dem verschiedenen Werkstätten für die serielle Gestaltung und für die industrielle Produktion, die noch heute Gültigkeit besitzen. Die Gestaltungen der Kunstschule prägten auch die Stadt Halle und Umgebung. Ein ganzer Ausstellungsraum ist dem Flughafen Halle/ Leipzig und seinem 1930/31 unter der Leitung von Hans Wittwer erbauten und von den Werkstättender BURG ausgestatteten Restaurant gewidmet, das mit seinem großen, rundum verglasten Gastraum „von schwebender Leichtigkeit“ (SiegfriedGiedion) ein Glanzpunkt moderner Architektur war.

Nach 1933 zurückgeworfen auf die „Pflege des deutschen Handwerks“, fand die BURG nach 1945 aus dem Geist der Vorkriegsmoderne trotz politischer Turbulenzen immer wieder zur Ausgewogenheit von Ästhetikund Funktionalität. Viele Besucher werden noch aus eigenem Erleben die Entwürfe für die Konsumgüterproduktion aus Kunststoff, Systemmöbel und komplexe Einrichtungsprogramme wie MDW oder auch die komplexe Arbeitsumweltgestaltung für das Fahrradwerk Mifa in Sangerhausen kennen. Die freie und angewandte Kunst, die ihre Unverwechselbarkeit und einzigartige Prägung aus dem Refugium der Werkstätten gewann, wird in ihrer engen Nachbarschaft zum Design betrachtet.

Für die Zusammenarbeit mit der Industrie in der Gegenwart der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle steht eine von dem BURG-Professor Axel Müller-Schöll inszenierte Installation zum Projekt für das BMW-Werk Leipzig. Sie zeigt die zwischen 2003 bis 2012 entstandenen Entwürfe für Arbeitsbekleidung bis hin zur orientierenden Farbgestaltung für eine neue, 60 000 qm großen Produktionshalle, in der Elektro-Fahrzeuge von iBMW gefertigt werden.

(Cornelia Wieg, Kulturfalter Dezember 2015)