Mediatoren zwischen Pietismus und Aufklärung – die Brüder Siegmund Jacob und Alexander Gottlieb Baumgarten

Vor 250 Jahren verstarb in Frankfurt (Oder) ein Gelehrter, der seinen Ruhm an der halleschen Universität begründet hatte: Alexander Gottlieb Baumgarten. Sein Name ist heute nur noch in der Fachwelt ein Begriff, seine ,Erfindung‘ jedoch in aller Munde: die Ästhetik. 1735 publizierte er in Halle ein Werk, das Epoche machen sollte: Betrachtungen über einige Bedingungen des Gedichts. Diese Schrift gilt zum einen als Ausgangspunkt der neuen philosophischen Disziplin ,Ästhetik‘. Zum anderen werden mit der Behauptung „Das Gedicht ist eine vollkommene sinnliche Rede“ dem poetischen Text völlig neue Entstehungs und Wirkungsbereiche eröffnet. Nicht mehr die nach rhetorischen Vorgaben gefertigte Gelehrtenpoesie wird zum Muster erhoben, sondern ein Gedicht, das seine Schönheit dem poetischen Einfallsreichtum, der Fantasie seines Schöpfers verdankt. Diese Schönheit wird der göttlichen Vollkommenheit an die Seite gestellt. Das Bild des Dichters der Moderne, der „gleichsam eine Welt“ aus sich hervorzubringen vermag, erhält hier seine ersten Konturen.

Der am 17. Juni 1714 in Berlin geborene Gelehrte war der Sohn von Jakob Baumgarten, einem im halleschen Pietismus erzogenen Berliner Prediger, und erfuhr, samt seinen sechs Geschwistern, eine fromme pietistische Erziehung. 1727 folgt er seinem älteren Bruder, dem am 14. März 1706 in Wolmirstedt geborenen Siegmund Jacob, nach Halle, um sich an der Lateinschule des Waisenhauses für ein Studium der Theologie, Philosophie und der schönen Wissenschaften an der halleschen Universität vorzubereiten. Siegmund Jacob, zu dieser Zeit bereits Inspektor an dieser Schule, macht ihn auf die für religionsfeindlich erklärte Philosophie des 1723 aus Halle vertriebenen Christian Wolff aufmerksam. Alexander Gottlieb studiert dessen Werke, vermag in ihnen keine Religionsfeindschaft zu entdecken, sondern ist vielmehr fasziniert von der mathematischen Beweiskraft der philosophischen Argumentation. Er sucht und findet, wie sein Bruder, einen Mittelweg zwischen Wolffianismus und Pietismus, der beider Lebensführung und Denken fortan bestimmen wird. 1730 wird Alexander Gottlieb an der halleschen Universität immatrikuliert. Siegmund Jacob, der 1728 eine Predigerstelle an der halleschen Marktkirche übernommen hatte, kehrte 1732 als Adjunkt an die Theologische Fakultät der Universität zurück und wurde hier 1734 zum Ordinarius berufen. Seine Lehrveranstaltungen und auch seine theologischen Werke kennzeichnen ihn als einen Übergangstheologen, der zwischen lutherischer Orthodoxie und Neologie, also einer historisch-kritischen Bibelexegese, zu vermitteln suchte. 1734 heiratete Siegmund Jacob Henriette Elenore von Bomsdorf und bezog das Haus 21 in der Großen Märkerstraße, ein Teilhaus des ,Schleiermacherhauses‘, in dem auch der Bruder Alexander Gottlieb eine Wohnstätte fand. Hier entstanden dessen bahnbrechenden Betrachtungen.

1740 trennen sich die Wege der beiden Brüder. Alexander Gottlieb erhält einen Ruf als Ordinarius für Philosophie an die Viadrina, die Universität von Frankfurt (Oder), Siegmund Jacob bleibt Zeit seines Lebens in Halle. 1744 wird er Direktor des Theologischen Seminars und wenige Jahre später Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften. Neben seiner Arbeit im theologischen Fach waren es insbesondere historische Fragestellungen, die ihn bewegten. So besorgte er unter anderem die Übersetzung der englischen Universal History, deren erster Band 1744 im halleschen Verlag von Johann Justinus Gebauer unter dem Titel Uebersetzung der Algemeinen Welthistorie erschien. Bemerkenswert war auch sein Bücherbesitz. Er besaß mehr Bände als die Hallenser Universitätsbibliothek. Voltaire meinte, gelegentlich eines Treffens mit Christian Wolff 1753 im Hause Baumgartens: „Wer die Krone deutscher Gelehrten sehen wolle, müsse nach Halle reisen.“ Und er dachte dabei nicht an Wolff, sondern an Baumgarten. Alexander Gottlieb gründet in Frankfurt (Oder) einen Hausstand, heiratet 1741 Luisa Wilhelmina Alemann, die bereits 1745 stirbt. Seine zweite Frau, Justina Elisabeth Albinus, wird ihn überleben. Er geht, wie sein Bruder, in der Universitätstätigkeit auf und publiziert, von schwerer Krankheit gezeichnet, 1750 den ersten und 1758 den zweiten Teil der fragmentarisch gebliebenen Aesthetica, jenes Standardwerk, das den ästhetischen Diskurs des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts bestimmen sollte. Siegmund Jacob, der, wie sein Bruder, von Jugend auf kränkelte, stirbt am 4. Juli 1757 in Halle. Begraben wurde er an der Seite von Christian Wolff in der halleschen Schulkirche. Alexander Gottlieb folgte ihm am 27. Mai 1762.

(Hans-Joachim Kertscher, Kulturfalter September 2012)