Kilian Stisser - Kanzler des Erzstifts Magdeburg und Bürger von Halle

Ein monumentales Hängeepitaph auf der Nordempore des hallischen Domes verweist noch heute auf die Anwesenheit des Juristen Kilian Stisser in Halle, der hier am 9. Januar 1620 als erzstiftischer Kanzler starb. Wie der Inschriftenkartusche zu entnehmen ist, waren die Witwe und ihre Kinder Stifter dieses über fünf Meter hohen Memorialwerks aus Sandstein und Alabaster, das der Werkstatt des Magdeburger Bildhauers Christoph Dehne (um 1580/85 bis um 1640) zugeschrieben wird.

Die Ausführung ist um 1620/21 anzusetzen, also nur wenige Jahre, bevor der Dreißigjährige Krieg sich auch auf das Erzstift Magdeburg ausdehnte und die Realisierung solch kostspieliger Projekte unmöglich machte. Aufgrund der bevorstehenden Einnahme der Stadt Halle durch kaiserliche Truppen Wallensteins floh die Familie Stisser als Parteigänger des evangelischen Administrators Christian Wilhelm 1625 für einige Jahre aus dem Erzstift nach Sachsen. Kilian (Chilian) Stissers Vorfahren, unter denen sich bereits hochrangige Juristen befunden hatten, waren frühzeitig Anhänger der Reformation gewesen. Er selbst wurde 1562 in Quedlinburg als ein Sohn des Kanzlers der Grafen von Mansfeld geboren und studierte später in Helmstedt, Wittenberg und Jena Rechtswissenschaften. Seine berufliche Laufbahn begann Stisser 1591 als Kanzler des Mansfelder Grafen Bruno. Bereits 1592 wurde er Bürger der Stadt Halle und war ab 1594 als Syndikus für die Rechtsgeschäfte der Stadt zuständig, wie seinerzeit schon der Großvater mütterlicherseits, Kilian Goldstein (1490-1568). 1598 wechselte Stisser von der Stadt an den Hof und amtierte zunächst als Rat und Vizekanzler des Erzstifts Magdeburg, das bis 1608 vom Magdeburger Domkapitel regiert wurde, da Christian Wilhelm von Brandenburg als postulierter Erzbischof noch unmündig war.

1602 wurde Kilian Stisser in Prag durch Kaiser Rudolf II. in den Reichsadelsstand erhoben, 1603 erfolgte als Höhepunkt seiner juristischen Karriere die Berufung zum Kanzler des Erzstifts. Im gleichen Jahr kaufte er den großen Gebäudekomplex Domplatz 1/ Flutgasse 1 als Wohn- und Repräsentationshaus, das auch eine „Audienzstube“ besaß. Seine Laufbahn brachte erheblichen Wohlstand mit sich. So besaß er zwischenzeitlich noch das Marktschlösschen, mindestens drei weitere kleinere Häuser in Halle sowie ein Haus in Magdeburg, wo er sich aus dienstlichen Gründen oft aufhielt. Stisser erwarb außerdem die unweit von Halle gelegenen Landgüter Nietleben und Neukirchen, die später von seinem Enkel Paul Kilian Stisser (1618-1693) wieder veräußert werden mussten.

In Helmstedt hatte Kilian Stisser 1589 die Buchhändlerstochter Margarethe Heil geheiratet. Das Paar hatte 16 Kinder, von denen im Jahre 1620, als Stisser mit fast 58 Jahren starb, noch zehn lebten. Der Kanzler wurde auf dem Stadtgottesacker beigesetzt. Die Familiengruft des Schwibbogens Nr. 66, zu der ein Grabstein mit ganzfiguriger Darstellung des Verstorbenen gehörte, wurde 1945 durch Kriegseinwirkung zerstört, lediglich der rekonstruierte Wappenstein verweist heute wieder auf das einstige Erbbegräbnis der bedeutenden Familie. Auch der zweitälteste Sohn Bruno Stisser (1593-1646), gleichfalls Jurist und zeitweilig Assessor des Schöppenstuhls in Halle, der in Braunschweig verstarb, wurde hier begraben. Obwohl Teile der sich verzweigenden Familie gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges wieder dauerhaft in Halle ansässig waren, wurde das große Wohnhaus Domplatz 1 aus finanziellen Gründen 1654 an den Administrator August von Sachsen bzw. das Erzstift verkauft und diente nun als „Kanzlei“. Größere Bekanntheit in Halle erlangte später noch ein Enkel des Kanzlers und Sohn des Bruno Stisser: der Theologe Wolfgang Melchior Stisser (1632-1709). Dieser wirkte 47 Jahre in Halle als Prediger – seit 1662 an der Marienkirche und ab 1689 an der Ulrichskirche.

(Franziska Graßl, Kulturfalter März 2008)