Johann Wolfgang Goethe in Halle

„Versäumen Sie ja nicht sich in Halle umzusehen, wozu Sie so manchen Anlaß finden werden.“ Diese freundliche Aufforderung, die Goethe seinem Briefpartner Schiller am 23. Juni 1803 anempfahl, geht zurück auf Eindrücke des Weimarer Geheimrats, die er gelegentlich eines Aufenthalts in Halle im Juli 1802 aufnehmen konnte.

Es war dies sein erster Aufenthalt in der Saalestadt. Zuvor, vom 22. bis 24. Mai, war er bereits in der halleschen Amtsvorstadt Giebichenstein, um Johann Friedrich Reichardt und seinem gastlichen Anwesen einen Besuch abzustatten. Am 9. Juli machte er sich, von Bad Lauchstädt aus, nach Halle auf und nahm Quartier bei dem Altphilologen Friedrich August Wolf in der Brüderstraße. Am nächsten Vormittag suchte er den Physiker Ludwig Wilhelm Gilbert auf, dessen galvanische Versuche ihn schon lange interessiert hatten. Zum Mittagessen bei Wolf trifft er auf eine illustre Runde: August Hermann Niemeyer und Gilbert sind anwesend, Goethe lernt den Mediziner Johann Christian Reil kennen, der ihm später in vielerlei Hinsicht ein gewichtiger Partner werden wird. Am Vormittag des 11. Juli kommt es zur Begegnung mit dem Direktor des Botanischen Gartens Curt Sprengel, mit dem Goethe „Mikroscopisch Phisiologische Beobachtungen“ vornimmt. Den Nachmittag und Abend widmet er den Mitgliedern der Berggesellschaft, einer losen Verbindung hallescher Bürger und Studenten, die ihre Treffen im Haus der Freimaurerloge Zu den drei Degen auf dem der Moritzburg gegenüber gelegenen Jägerberg abhielt. Am Vormittag des nächsten Tages steht das berühmte anatomische Kabinett von Johann Friedrich Meckel auf der Tagesordnung, der Nachmittag und Abend gehört August Hermann Niemeyer und den Franckeschen Stiftungen. Besuche der Stadt folgten, entweder von Bad Lauchstädt oder von Giebichenstein aus, 1803, 1804 und 1805.

Ein Resümee der ersten Halle-Reise Goethes zog der an der Universität von Frankfurt (O.) lehrende Philosophie-Professor Johann Ludwig Christoph Thilo, der in Bad Lauchstädt in jenen Tagen kurte, in einem Brief vom 9. August 1802 an Goethes Sekretär Riemer: „Goethe ist acht Tage in Halle gewesen und hat bei Wolf logiert. Ich habe ihn mehrmals in Gesellschaften bei Wolf, Madeweis und Niemeyer, und einmal allein gesprochen, und in ihm einen äußerst interessanten Charakter lieben und verehren gelernt. [...] In seinen Urteilen fand ich eine gänzliche Unparteilichkeit, eine große Billigkeit und ein ausgezeichnetes Bestreben, überall auch im Mittelmäßigsten das Gute hervorzuheben, und dankbar als Bereicherung menschlicher Fortschritte anzunehmen. Man war hier sehr gegen ihn eingenommen, als er kommen wollte, und ist sehr eingenommen, nachdem er dagewesen ist.“ Goethe selbst zeigte sich ebenfalls bereichert von seinem Aufenthalt in Halle, „denn“, so meinte er, „überall, sowohl an den Gegenständen als aus den Gesprächen, konnte ich etwas entnehmen, was mir zu mehrerer Vollständigkeit und Fördernis meiner Studien diente.“ Im vordergründigen Interesse Goethes standen also zunächst die naturkundliche Leistungsfähigkeit, die die hallesche Universität seinem Verständnis nach in besonderer Weise auszuzeichnen schien. Noch im Jahr 1827 wurde er, auf Betreiben des halleschen Geognosten Christian Keferstein, zum Ehrenmitglied der Naturforschenden Gesellschaft (s. Abbildung) ernannt.

Die seit 1947 bestehende Ortsvereinigung Halle der Goethe-Gesellschaft wird in diesem Jahr Gastgeber der Tagung der Ortsvorstände dieser Vereinigung sein. Über 100 Goethefreunde wollen vom 13. bis 16. Mai Einblicke in jenes spezifisch hallesche Ambiente nehmen, das Goethe offensichtlich so anregend empfand – beispielsweise durch eine Ausstellung, die die Hallenser zusammen mit der Zentralen Kustodie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vorbereiten. Sie soll das facettenreiche Verhältnis des Weimarer Geheimrats zur Stadt Halle und deren Universität verdeutlichen. Neben spezifischen Vorträgen erhalten die Gäste Gelegenheiten, die Stadt kennen zu lernen. Besuche der Moritzburg, des Händelhauses und der Franckeschen Stiftungen stehen auf dem Programm. Der Universitätschor wird in Reichardts Garten Goethegedichte in Reichardts Vertonung vorstellen. Den Abschluss bildet ein Vormittag in der Saline, einer der Produktionsstätten, in denen „Die erst’ und letzte Würze jedes Wohlgeschmacks,/ Das Salz, dem jede Tafel huldiget“ (Goethe) gewonnen wurde.

(Hans-Joachim Kertscher, Kulturfalter April 2010)