Halle von oben: Luftbildfotografie

Die Luftbildfotografie kann im halleschen Raum bereits auf eine mehr als 100-jährige Tradition zurückblicken, wie in diesen Tagen eine Ausstellung des Stadtmuseums zeigt. Als Luftbild wird jegliche Fotografie bezeichnet, welche von Bord eines Fluggerätes angefertigt wurde. Auch in der Luftbildfotografie galt die vorwiegend im Ersten Weltkrieg betriebene Nutzung für militärische Zwecke als Motor der Technikentwicklung. Die Möglichkeit, weite Gebiete überblicken und dabei die Standorte und Bewegungen des Gegners auch in unübersichtlichen Gebieten dokumentieren zu können, führte zu einem intensiven Einsatz dieser jungen Technologie. Weitere Einsatzgebiete boten die Landesvermessung, die Suche nach Bodenschätzen und in jüngster Zeit auch die Luftbildarchäologie.

Bei der ersten überlieferten Luftbildserie für Halle und dessen Umland handelt es sich um mehr als 100 Aufnahmen, welche der hallesche Ingenieur und Fotograf Paul Rabe (1888‑1936) während einer Fahrt des Zeppelin LZ 17 „Sachsen“ am 14. September 1913 anfertigen konnte. Mit seiner Handkamera mit Balgenauszug bannte er die Motive noch auf leicht zerbrechliche Glasfotoplatten. Anders als bei der Aneinanderreihung von klassischen Einzelfotografien gelingt es dem Luftbildner mit einer einzelnen Aufnahme, einen geradezu plastischen Eindruck eines Straßenzuges oder gar eines ganzen Wohnviertels mit seinen baulichen und natürlichen Eigenheiten zu vermitteln. Mehr als beeindruckend wirken dabei Aufnahmen des sich entwickelnden Paulusviertels oder der bergbaulich genutzten Flächen entlang der heutigen Bundesstraße 6 in Bruckdorf.

Als zweitem Fotografen widmet sich die Ausstellung Walter Bönig (1902‑1985), der 1928 auf dem halleschen Flughafen in Nietleben die Firma „Walter Bönig Luftbild“ gründete und bis in die Mitte der 30er Jahre Luftbilder für regionale Auftraggeber, wie Hotels, Gaststätten oder Wohnungsgesellschaften anfertigte. Der als Fluglehrer tätige verstand es mittels der Luftbildfotografie und der fliegenden Werbung mit angehängten Bannern, die Vorzüge der Saalestadt sprichwörtlich ins rechte Bild zu setzen.

Mehr als zweihundert Aufnahmen, die in ihrer Entstehungszeit häufig als Postkarten vertrieben wurden, haben dank seiner Nachfahren den Weg ins Stadtarchiv gefunden. Sie ermöglichen heute einen vergleichenden Blick in die Siedlungsgeschichte der Stadt. So zeigt sie beispielsweise die nördlichen und südlichen Vorstädte, wie das Gesundbrunnenviertel oder die durch die Kleinwohnungsbau Halle AG errichteten Mehrfamilienhäuser am Landrain.

Geflogen ist Bönig mit einer Propellermaschine vom Typ Rumpler C. 1, welche über einen 160 PS starken Motor verfügte. Das unter der Kennung D 733 zugelassene Flugzeug war übrigens 1927 an den Dreharbeiten zum Kinofilm „Richthofen, der rote Ritter der Luft“ beteiligt, welcher den Beginn der Film-Ära um den roten Baron bildete.

Als Vertreter der aktuellen Luftbildfotografie präsentiert die Ausstellung Aufnahmen von Horst Fechner, welcher seit den frühen 90er Jahren die Stadtentwicklung im Luftbild verfolgt und seine Aufnahmen in mehreren Büchern erfolgreich veröffentlicht hat. Als besondere technische Herausforderung hat er sich ab 2009 an Nachtluftbildaufnahmen gewagt. Die Ergebnisse bieten dem Betrachter einen völlig neuen Eindruck der Stadt zur blauen Stunde. Ergänzt wird die Ausstellung mit ihren ca. 120 großformatigen Luftbildern durch authentische Sachzeugen der Entwicklung der Fotografie- und allgemeinen Stadtgeschichte, die bereits heute Appetit auf den Besuch der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte ab Mitte 2012 machen.

(Ralf Jacob, Kulturfalter Oktober 2011)