Halle - Die Stadt des Singens

Ob Kinderchorfestival, Händelfest oder Musiktage: Gesang und Musik prägen die kulturelle Identität der Stadt Halle. Bereits 1116 soll mit der Gründung des Klosters Neuwerk ein Chor von Mönchen, denen sangeskundige Schüler zur Seite gestellt wurden, etabliert worden sein. Diese annähernd 900jährige Geschichte des hallischen Gesangs zeigt, wie sehr gesangliche Traditionen zum Selbstverständnis der eigenen Geschichtsschreibung gehören. Aber woher kommt dieses unverwechselbare Eigene, warum erschallt der vielstimmige Klang der Stadt bis heute aus so vielen Winkeln des Stadtraumes? Was trieb und treibt die Hallenser an, sich so engagiert dem Gesang im Stadtsingechor, Lehrerchor oder Shanty-Chor zu widmen? Zunächst denkt man an das intensive Engagement des Stadtsingechores, der jahrhundertelang die kirchlichen Zeremonien und Feierlichkeiten ausgestaltete und heute den ältesten Chor Halles repräsentiert. An jeder Pfarrkirche wirkten Kantoren und Organisten, deren Namen bis heute in der überregionalen Musiktradition Bedeutung tragen.

Gesang war und ist jedoch kaum nur einfache Freizeitbeschäftigung. Mit dem Singen verbanden sich häufig Hoffnungen und Intentionen. Zur Zeit der Reformation bekundeten beispielsweise viele Menschen durch das Singen von reformatorischen Liedern auch im katholischen Halle ihre Sympathien zum lutherischen Gedankengut. Der hallische Dompropst Michael Vehe (1485–1539) beantwortete dieses Engagement 1537 mit der Herausgabe von „Ein New Gesangbüchlin Geystlicher Lieder“, einem sehr frühen katholischen Gesangbuch. Er bemühte sich damit, über den Gesang die Herzen der Menschen für den Katholizismus zu retten.

Die historische Spurensuche führt jedoch vor allem direkt zur Vereinskultur des bewegten frühen 19. Jahrhunderts. Bereits 1781 gab der Student Christian Wilhelm Kindleben in Halle weltweit die erste Sammlung von Studentenliedern heraus und initiierte damit die Gattung der Kommersbücher, welche die zu den geselligen Kneipenabenden der Studenten gesungenen Lieder versammelten. 1813/14 – auf dem Höhepunkt der Befreiungskriege gegen Napoleon – fand sich im studentischen Milieu der Universität Halle der „Akademische Gesangverein“ unter dem späteren Universitätsmusikdirektor Johann Friedrich Naue (1787–1858) zusammen. Gesang diente hier jedoch kaum einem kulturellen Selbstzweck, sondern war Teil des politischen Engagements für die patriotische Bewegung und Ausdruck für die Selbstbildung und individuelle Selbstentfaltung des mündigen „Staatsbürgers“.

Der Zulauf zu diesem Verein war ähnlich intensiv wie zur gleichzeitig entstehenden Gesangvereinigung, die – nach langjähriger Leitung durch Robert Franz – später den Namen „Robert-Franz-Singakademie“ annahm. Zur Zeit der 1848er Revolution zählte die Singakademie 400 Mitglieder, darunter zahlreiche Frauen, die auf diese Weise in die patriotische Bewegung eingebunden waren. 1834 gründete sich mit der „Halleschen Liedertafel“ auch eine städtische Gesangvereinigung, die in ihrer Vereinskultur basisdemokratische Prinzipien zelebrierte und eine gleichberechtigte Teilhabe aller Mitglieder ernst nahm. Ob Handwerker oder Adliger, ob Christ oder Jude: Der Gesang sollte Standes- und Religionsgrenzen überwinden und neue Formen eines übergreifenden „nationalen“ Selbstverständnisses schaffen. Zunächst mochte man noch nicht einmal an den zahlreichen überregionalen Gesangfesten teilnehmen, um niemanden aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen von der Teilhabe auszuschließen. Nicht Geburt, sondern – hier sängerische – Leistung sollte zur sozialen Anerkennung führen.

Vielleicht führten die schnell einsetzende Repression und der neue Konservatismus zu einer schnellen Verbreitung solcher Gesangvereine in Halle, da sie eine stückweite Tarnung politischer Ambitionen erlaubten. Es bleibt künftigen Forschungen zur hallischen Stadtgeschichte vorbehalten, danach zu fragen, ob die städtische Tradition des Gesangs sich auch diesem oppositionellen Engagement ihrer Bürger und Einwohner verdankt.

(Katrin Moeller und Cordula Timm-Hartmann, Kulturfalter Januar 2011)