Wo der Drill erfunden wurde. Halle als Garnisionsstadt unter Leopold I. von Anhalt-Dessau, dem Alten Dessauer

Das ehemalige selbstständige Fürstentum Anhalt feiert in diesem Jahr sein 800-jähriges Bestehen. Halle gehörte zwar nie zu diesem Territorium, sondern zum Erzstift, dem späteren Herzogtum Magdeburg, Durch eine Person jedoch wurde es ebenfalls zu einem Ort der anhaltischen Geschichte: Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau (1676–1747), der unter dem Namen „Der Alte Dessauer“ als preußischer Generalfeldmarschall bekannt wurde und ab 1695 das kurbrandenburgische, ab 1701 preußische, Infanterieregiment „Anhalt-Dessau“ (No. 3) führte. Mit dem Regierungsantritt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1713 erfuhr das preußische Militär erhebliche Vergrößerung, von 36.000 auf 80.000 Soldaten im Jahre 1740. Dies wirkte sich auch auf den Umfang des in Halle befindlichen Militärs aus: Halle wurde zur Garnisonsstadt bestimmt und in ihr ab 1714 – mit Unterbrechung im Nordischen Krieg – das Anhalt-Dessauische Regiment mit fünfzehn Musketier- und einigen Grenadier-Kompanien stationiert. Auf dem Markt wurden zu Strafzwecken neben der Hauptwache ein Soldatengalgen, die Stauptsäule und ein „Esel“ installiert. Die einfachen Soldaten wurden in den Häusern der weniger begüterten Bürger und vor allem in den Amtsvorstädten Neumarkt und Glaucha sowie den Vorstädten einquartiert. Diese rekrutierten sich aus Anhalt, Brandenburg-Preußen und aus Soldaten aus allen Teilen Europas.

Die Leitung des Regiments bezog die Moritzburg; 1739 verlegte Leopold die Hauptwache in den Südflügel der Anlage. Mit dem Abriss des alten, vor der Moritzburg liegenden Ballhauses im Jahre 1738 entstand der heutige Friedemann-Bach-Platz als Parade- und Exerzierplatz. Der Fürst kaufte sich ein Wohnhaus in der Kleinen Ulrichstraße. Mit einschneidenden Reformen formte er das preußische Heer zum schlagkräftigsten in Europa. Berühmt wurden vor allem sein Exerzierreglement und die Einführung des eisernen Ladestocks. In Halle waren durchgängig mehr als 1.200 Soldaten anwesend, zur Exerzierzeit im Frühjahr über 2.300. Dazu kam ein nicht unerheblicher Anhang von Soldatenfrauen und Kindern, etwa zwei Drittel der Soldaten. Die Stationierung brachte den halleschen Bürgern erhebliche Gewerbeeinnahmen, aber auch Belastungen. Unaufhörlich gab es zwischen den Soldaten und den halleschen Studenten Auseinandersetzungen, die vor allem durch die Versuche der gewaltsamen Werbung von Akademikern für den Militärdienst ausgelöst wurden. 1717 führte dies zu einem mehrtägigen Aufstand der Studenten und später zur Drohung, die Universität in Massen verlassen zu wollen. In diesem Zusammenhang entstanden durch den Zusammenschluss in Landsmannschaften feste Studentenverbindungen. Für die geworbenen katholischen Soldaten seines Regiments setzte Leopold andererseits die Wiedereinführung des katholischen Gottesdienstes in Halle durch.

Das von Fürst Leopold geführte Regiment erzielte wichtige militärische Erfolge: Es eroberte 1715 im Nordischen Krieg von den Schweden Stralsund und die Insel Rügen. Im Vorfeld des zweiten Schlesischen Krieges (1744/1745) wurden in und um Halle über 30.000 Soldaten zusammengezogen. Am 29. November 1745 marschierte dieses Kommando über Schkeuditz nach Leipzig, das am 30. November besetzt wurde. Am 15. Dezember folgte der wohl bekannteste und blutigste Sieg Leopolds in der Schlacht bei Kesselsdorf, dem sich der Friedensschluss in Dresden am 25. Dezember 1745 anschloss. Zahlreiche Lieder, unter anderem von Johann Ludwig Gleim (1719–1803), machten den Feldherrn berühmt. Theodor Fontane dichtete: „Warum mein Lied ihn preißt – nun denn – weil wie mit Worten er seine Feinde fraß und weil ihm rechter Orten so Herz wie Galle saß“.

(Ulf Dräger, Kulturfalter November 2012)