Die Reise nach Amerika

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die englische Kolonie Pennsylvania zum begehrten Ziel mehrerer zehntausender deutscher Auswanderer. Ein Großteil der Siedler gehörte der evangelisch-lutherischen Konfession an. Trotz zahlreicher Bitten hatten die Halleschen Pietisten lange gezögert, einen Pfarrer nach Pennsylvania zu entsenden. Zu unübersichtlich erschien ihnen die Situation der lutherischen Gemeinden in der Kolonie, in der eine strikte Trennung von Staat und Kirche vorgeschrieben war. Aufgrund fehlender Unterstützung durch die pennsylvanische Regierung waren die Neuankömmlinge deswegen bei der Organisation ihrer religiösen Angelegenheiten ganz sich selbst überlassen.

Das führte zu sehr disparaten Gemeindeformen, die ganz von der Initiative und den kirchlichen Vorstellungen einzelner engagierter Siedler abhängig waren. Die meisten Gemeinden, die auch gleichzeitig den Mittelpunkt des sozialen Lebens bildeten, waren instabil und im Inneren zerstritten. Vor allem fehlte es an ausgebildeten und ordinierten Geistlichen, die das Gemeindeleben in theologischer wie organisatorischer Hinsicht strukturierten, so wie man es in Europa gewohnt war.

1741 entschlossen sich Gotthilf August Francke (1696–1769) in Halle und der deutsche Hofprediger an der königlichen Hofkapelle in London, Friedrich Michael Ziegenhagen (1694–1776), doch dazu, den jungen Pfarrer Heinrich Melchior Mühlenberg (1711–1787) in die Ungewissheit der pennsylvanischen Wildnis zu entsenden. Nach einer abenteuerlichen Reise gelangte er vollkommen unangemeldet am 25. November 1742 in Philadelphia an. Ohne Umschweife machte er sich auf die Suche nach den drei Gemeinden in Philadelphia, New Hanover und Providence, die ihm zur Betreuung angewiesen worden waren, jedoch etliche Meilen auseinander lagen. Allen Reisestrapazen zum Trotz besorgte sich Mühlenberg noch am Tage seiner Ankunft ein Pferd und brach ins Landesinnere zu seinen Gemeinden auf, ohne genau zu wissen, wo diese eigentlich lagen. Einen Tag später erreichte er New Hanover und stellte sich unverzüglich dort dem Kirchenvorstand, der sich aus den Ältesten und den Vorstehern zusammensetzte, mit seinen Zeugnissen und Empfehlungsschreiben aus Europa vor. Entgegen aller europäischer Tradition hatte diese Gemeinde einen Laien als Prediger engagiert. Viele Gemeinden in Pennsylvania wählten diesen Weg, teils aus Mangel an ausgebildeten Theologen, teils um Geld zu sparen und nicht zuletzt aus Sorge, ihre religiösen Freiheiten unter einem hauptamtlichen Geistlichen wieder einzubüßen.

Mühlenberg hielt die Abenteuer seiner Mission in Tagebüchern, Berichten und Briefen nach Europa bis in alle Einzelheiten fest. Diese Quellen, die bis heute sorgsam im Archiv der Franckeschen Stiftungen aufbewahrt werden, sind wertvolle Quellen, die nicht nur Einblicke in die Entstehung eines eigenen lutherischen Kirchenwesens in Nordamerika bieten. Die umfangreichen Aufzeichnungen Mühlenbergs liefern vielmehr ein sehr lebendiges Bild von der kolonialen Pioniersituation im 18. Jahrhundert. Von seiner Ankunft 1742 aus war es noch ein langer und steiniger Weg bis hin zu einem gut funktionierenden lutherischen Kirchenwesen in Nordamerika, das heute als Mühlenbergs Lebenswerk gelten kann. Aufgrund seiner besonderen halleschen Prägungen, die von der Kombination aus ernster Frömmigkeit, großer Tatkraft und gesundem Pragmatismus gekennzeichnet waren, gelang ihm der Aufbau eines landesweiten Kirchenwesens, das als eine der stärksten Wurzeln für die heutige Evangelical Lutheran Church in America gelten kann. So erwies sich der Hallesche Pietismus im 18. Jahrhundert auch hier als Transmissionsriemen für die nachhaltige Verbreitung des Luthertums in die Welt. Besonders verdienstvoll ist Mühlenbergs Aufbauarbeit, weil es ihm unter den besonderen pennsylvanischen Bedingungen gelang, erstmals eine lutherische Kirche zu formieren, die ganz unabhängig vom Staat existieren konnte.

2011 nun jährt sich der 300. Geburtstag Heinrich Melchior Mühlenbergs, dem die Franckeschen Stiftungen mehrere Ausstellungen und ein deutsch-amerikanisches Veranstaltungsprogramm widmen. Im Mittelpunkt steht die Jahresausstellung, die Mühlenbergs Wirken in den Kontext einer größeren transatlantischen Rahmenerzählung stellen wird, die von der Entdeckung des Kontinents bis in die Gegenwart reicht und die erstaunlichen Wandlungen der gegenseitigen Wahrnehmung in den Blick nimmt.

(Thomas Müller-Bahlke, Kulturfalter März 2011)