Feuer und Flamme für das Krematorium

Um 1900 war Halle eine blühende Stadt. Da die Einwohnerzahl ohne Unterlass stieg, reichte der Platz für Gräber nicht mehr aus. Was fehlte, war ein weiträumiger Friedhof samt Krematorium. Letzteres erlaubten die Gesetzgeber bislang nur in Thüringen und Sachsen.

Erst als das Feuerbestattungsverbot auch in Preußen fiel, entschied sich Bürgermeister Richard Robert Rive (1864–1947) für den Ankauf des Arealszwischen Galgenberg, Landrain und Dessauer Straße. Er ließ Wilhelm Jost (1874–1944) aus Hessen kommen und erteilte dem Architekten einen Großauftrag. Der neue Stadtbaurat plante Beisetzungsmöglichkeiten für Menschen unterschiedlicher Weltanschauung. Schon bald fanden Christen, Freimaurer und Juden, gerade so wie Revolutionäre, Selbstmörder und Soldaten ihre letzte Ruhestätte in der neuen Grünanlage. Als der Gertraudenfriedhof in Betrieb ging, lähmte der Erste Weltkrieg den Arbeitsalltag. Einen Festakt gab es damals nicht, aber der „Verein für Feuerbestattung in Halle a. S. und Umgegend e. V.“ dokumentierteanlässlich seines fünfzehnjährigen Bestehens den Erfolg. Er ließ den Neubau fotografieren und sorgte dafür, dass in ganz Deutschland Zeitungsartikel mit der Abbildung der Kapelle erschienen, die erst im SED Staat Feierhalle hieß. Damals wie heute prägt der weitausladende Bau, der sich samt Kuppel und hoch aufragenden Säulen im Wasser spiegelt, den Gesamteindruck. Bis 1988 setzten freiplastische Figuren dem Kunstwerk die Krone auf. Das heißt: Gegenwärtig fehlt das Wichtigste.

Links oben war ein muskulöser Nackter mit lodernder Fackel zu sehen. Sein weibliches Gegenüber drückte das Lebenslicht nach unten. Früher wusste jeder, was das bedeutet: In der griechischen Mythologie erschuf Prometheus die Menschen und brachte ihnen heimlich das Feuer. Pandora hatte nun die Aufgabe, die Macht des Übermütigen zu begrenzen. Seither ziehen Schöpfergeist und unerlaubte Tätigkeit Plagen nach sich. In Halle verkörperte das Paar Leben und Tod. Die beiden sollten an uralte Sagen erinnern und zugleich das Ansehen der Feuerbestattung erhöhen.

Um den Säulenschaft windet sich jeweils ein figürlicher Fries, bestehend aus fünf menschlichen Gestalten und ebenso vielen Symbole im Wechsel. Der Künstler Paul Horn (1876–1959) entschied sich für die christliche Darstellungsweise: Links vor der Friedhofskapelle steht Gottvater mit Heiligenschein, Hostienkelch und Hirtenstab im Mittelpunkt. Flankiert wird er von je einer Frau in tänzerischer Pose und einem Greis. Rechts vor dem Gebäude macht der Tod den Auftakt. Ein magerer Geiger, halb Kreuzritter, halb deutscher Michel, spielt den Lebenden auf zum Totentanz. Ihm folgen der Kaiser mit Zepter und Reichsapfel, ein Sämann, der Soldat und eine Mutter, die ihr Kind stillt. Insofern geht es auch hier um Werden und Vergehen.

Obwohl die Reliefs während des Ersten Weltkriegs geplant wurden, nahm die Figurenfolge erst 1919 Gestalt an. Die Inschrift zitiert einen mittelalterlichen Text, weist also zurück in die Vergangenheit. Im Gegensatz dazu deutet das musizierende Gerippe an, dass alle Menschen einmal sterben müssen. Vielleicht ahnte sein Schöpfer Alleinherrschaft, Wiederbewaffnung und Krieg sogar voraus.

Die berühmten Totentänze in Basel, London und Paris sind unwiederbringlich zerstört. Halle hat allen Grund, auf seine Schätze stolz zu sein. Auf dem Gertraudenfriedhof, kann man 365 Tage im Jahr besichtigen, was anderswo fehlt. Um die Botschaft der 1915 in Kunststein gegossenen, im Folgejahr aufgerichteten und erst nach Kriegsende vervollständigten Säulen zu verstehen, müssen die überlebensgroßen Figuren wiedererstehen. Nach der Wende kopierte Bildhauer Michael Weihe (1961–2012) den Prometheus. Nur Pandora wartet noch auf ihren Meister. Aussagekräftige Fotos liegen im Stadtarchiv. Was braucht man mehr?

(Uli Wunderlich, Kulturfalter Februar 2015)