Ein chinesischer Bierkrug in der Moritzburg

Eine herausragende Kostbarkeit in den Sammlungen der Stiftung Moritzburg ist ein aus Porzellan gefertigter chinesischer Bierkrug des frühen 17. Jahrhunderts. Der Krug war bereits im Jahr 1647 in Halle und konnte nach einer Odyssee im Jahr 1911 aus dem Berliner Kunsthandel in die Saalestadt zurückgeholt werden. Ungewöhnlich ist es, dass in China ein Gefäß für den Biergenuss geschaffen wurde, obwohl dieses Getränk dort zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht bekannt war. Doch den Schiffsregistern der niederländischen Ost-Indien-Kompanie ist zu entnehmen, dass solche Bierkrüge auf Bestellung europäischer Kunden nach Vorlage von Mustern aus Steinzeug, Zinn oder Silber in China in Auftrag gegeben wurden. Hauptsächliche Motivation der Europäer war es, in den Besitz eines gebrauchsfähigen Gefäßes aus dem kostbaren und zum damaligen Zeitpunkt in Europa nicht herzustellenden Porzellan zu gelangen. Nur einzelne Zeugnisse dieses frühen globalen Handels haben sich bis heute erhalten.

Die in China hergestellten Porzellankrüge haben einen breiten Boden und ihre hohe Zylinderform verjüngt sich zum Mundrand. Die blaue Unterglasurbemalung zeigt umlaufend Chinesen in einer Landschaft. Die Bodenzone ziert ein Bogenfries, den Mundrand eine stilisierte Blatt– Blüten–Ranke. Die etwa zwei Zentimeter unter dem Mundrand angesetzten Henkel haben ein Loch, in dem die Metallmontierungen der Deckel mittels eines Stiftes arretiert werden konnten. Der Hallenser Goldschmied Peter Rockenthin (1619-1662) fertigte die elegante vergoldete Silbermontierung für den Krug, die mit gepunzten Blütenmotiven geschmückt ist. Peter Rockenthin wurde am 6. Dezember 1619 in Halle geboren und starb hier am 30. Juli 1662. Begraben wurde er im östlichen Teil der Arkaden des Stadtgottesackers. Über mindestens drei Generationen hinweg können Angehörige seiner Familie als Goldschmiede in Halle nachgewiesen werden.

Der leicht vorspringende Deckelrand ist mit der Initialreihe der Herzogin Anna Maria verziert. So ist zu vermuten, dass der Krug anlässlich der Hochzeit zwischen Anna Maria, Prinzessin von Mecklenburg–Schwerin und dem Herzog August von Sachsen–Weißenfels im Jahre 1647 als reizvolles und überaus kostbares Hochzeitsgeschenk erstmals nach Halle kam. Nachdem die Hochzeit am 23. November in Schwerin gefeiert wurde, hielt das frisch vermählte Ehepaar am 10. Dezember einen glänzenden Einzug in Halle. Der Herzog, der als Administrator des Erzstiftes Magdeburg in Halle von 1638 bis 1680 residierte ist als ein überaus kunstsinniger Mensch bekannt. Ob der Krug sein persönliches Geschenk war lässt sich jedoch nicht nachweisen.

Der Krug ist in der Ausstellung „Zierde und Schaulust“ im Kontext mit anderen Pretiosen der Renaissance und des Barock aus Glas, Silber oder Fayence in den historischen Zimmern der Moritzburg ausgestellt. Seit 125 Jahren werden im Museum feine Gläser, Porzellane und Goldschmiedearbeiten gesammelt. Sie galten schon in ihrer Entstehungszeit als herausragende Kunstwerke, die Affekte erregen sollten. In der Regel waren sie nicht für den täglichen Gebrauch, sondern für besondere Anlässe bestimmt. Dekorativ aufgestellt dienten sie zum Ausdruck von Vermögen und Kunstsinn des Auftraggebers. Bis heute geht von ihrer Sinnesfreudigkeit und ihrer Pracht ein faszinierender Reiz aus. Kunsthistorisch zeigt die Präsentation in den Historischen Zimmern und im Erdgeschoß des Talamtes den Übergang von der Renaissance zum Barock, von der strengen Ordnung zur bewegten Gelöstheit und zur vollendeten Üppigkeit, von der architektonischen Formgebung zur malerisch großzügigen und verspielten Verarbeitung neu erfundener Luxusmaterialien.

(Ulf Dräger, Kulturfalter Oktober 2010)