Die Weltreise des Hallensers Paul Herbst im Jahre 1911

Es war der 4. Januar 1911, ein kalter verschneiter Morgen, als Paul Herbst voller Abenteuerlust sein Gepäck auflud, um in Genua an Bord des Passagierdampfschiff es „Barbarossa“auf Weltreise zu gehen. Von Halle aus hatte er zu Beginn des Jahres die italienische Hafenstadt erreicht, um sich mit den Teilnehmern einer Reisegesellschaft einzuschiff en. Auf fast identischer Reiseroute wie Phileas Fogg, der berühmten literarischen Figur von Jules Verne aus dem Roman „In 80 Tagen um die Welt“, wollte der 34-jährige Prokurist des halleschen Bankhauses Steckner die Welt – am Vorabend des Ersten Weltkrieges – erkunden.

Während der Romanheld Fogg nach der berühmten Wette dazu verpflichtet war, die Weltreise unter großem Zeitdruck zu absolvieren, konnte der leitende Bankangestellte aus der Saalestadt die Annehmlichkeiten früher touristischer Reiseplanung nutzen. Ob die Anregung zu dieser ungewöhnlichen Reise sich aber dem literarischen Vorbild verdankt, ist nicht bekannt. Doch gab es die deutsche Romanausgabe schon seit 1873, und im Jahre 1884 kam das Ravensburger Brettspiel „Reise um die Erde“ auf den Markt, wo sich die Spielfi guren Fogg und Passepartout von London aus über 80 Felder rund um den Globus bewegen. Paul Herbst bereiste große Teile des indischen Subkontinents, gelangte nach Hongkong und Singapur, sammelte Reiseeindrücke in China und Japan und durchquerte schließlich die USA von San Francisco nach New York. Er leistete sich den Luxus, die längeren Aufenthalte auf den Reisestationen in aller Ruhe und mit wachen Sinnen auszukosten. Die beeindruckenden Erlebnisse der Reise hält er in Wort und Bild fest. Er sammelt ausführliche Informationen über landschaftliche und kulturelle Besonderheiten bis hin zu landestypischen Speisegewohnheiten, registriert Alltag und soziale Verhältnisse der besuchten Länder und führt uns den Reisealltag mit seinen Überraschungen und Unwägbarkeiten eindrucksvoll vor Augen.

Besonders bemerkenswert ist der genaue und diff erenzierte Blick auf fremde Lebenswelten, der, wie ein amüsantes Beispiel in Japan zeigt, beim Vergleich nicht zum Vorteil seiner Heimatstadt ausfällt. Paul Herbst berichtet über den Besuch eines Tempelfestes in Kyoto, auf dem nach langer und harter Ausbildung Geishas und „Schönheitspriesterinnen“ ihre Künste in einem Festumzug dem Volk präsentieren: „Als der Zug vorüber war, folgte ich, um das Volk zu beobachten. Sein Benehmen war so musterhaft, wie man es eben nur in Japan finden kann. Man denke sich (…) ein ähnliches Fest in Halle! Welcher Schwall unfläter Redensarten, welches Gebrüll und Gejohle wäre da zu hören, welche Orgien würde die Rohheit feiern! Hier verhielt sich die Menge ohne Ausnahme liebenswürdig, so rücksichtsvoll, ja ritterlich gegen die armen Festopfer, dass alle Europäer bei diesem Heidenvolke in die Schule gehen könnten.“

(Heidi Keller, Kulturfalter Mai 2013)