Die Wäldner-Orgel im Dom zu Halle – ein historisches Meisterwerk soll rekonstruiert werden

1688 richtete der „Große Kurfürst” Friedrich Wilhelm von Brandenburg an der Schloss- und Domkirche zu Halle für Flüchtlinge aus der Pfalz den deutschen reformierten Gottesdienst ein. Nach und nach sammelte sich eine kleine reformierte Gemeinde, in der auch der junge Georg Friedrich Händel 1702/1703 als Organist an der 1667 erbauten barocken Orgel von Christian Förner spielte. Nachdem die Orgel dieses Wettiner Orgelbaumeisters den Anforderungen nicht mehr genügte, beauftragte die reformierte Domkirchengemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts Friedrich Wäldner aus Halle mit dem Bau einer neuen Domorgel.

Friedrich Wilhelm Wäldner (geb. 1785 in Olbersleben, gest. 1852 in Halle) führte eine Orgelbauwerkstatt in der Stadt und besaß seit 1815 das hallische Bürgerrecht. Sein Betrieb baute zahlreiche Orgeln in der näheren Umgebung Halles, die teilweise noch vorhanden sind (z.B. Brehna (Baujahr 1835) und Gollma (Baujahr 1866)), die Domorgel aber wurde sein größtes Werk. Für das 19. Jahrhundert sind Wäldner-Orgeln – neben den Orgeln Friedrich Ladegasts, die überwiegend im Merseburger und Weißenfelser Raum vorzufinden sind – in ihrer klassischen Bauweise die bedeutendsten dieser Region. Wäldners Sohn, August Ferdinand Wäldner (1817–1905), führte die Orgelbauwerkstatt seines Vaters fort.

Der Vertrag über die Domorgel, der 1847 von Vater und Sohn Wäldner unterzeichnet wurde, sah die Fertigstellung für das Jahr 1849 vor. Der Abschluss der Bauarbeiten verzögerte sich infolge der Kränklichkeit des alten Wäldner, aber auch dadurch, dass 1848 einige der tüchtigsten Mitarbeiter zum Militärdienst eingezogen wurden. So war der Neubau erst am 14. April 1851 abgeschlossen. Mit 33 über zwei Manuale und Pedal verteilten Registern in einem eindrucksvollen Gehäuse gilt die Orgel des hallischen Doms neben der weltberühmten Ladegast-Orgel im Merseburger Dom als musikgeschichtlich bedeutendste Großorgel des mittleren 19. Jahrhunderts in Sachsen-Anhalt: Die Disposition (d. h. die Gesamtanlage des Instruments) wurde nachweislich von dem damaligen Magdeburger Domorganisten August Gottfried Ritter (1811–1885) entworfen, der einer der brillantesten Orgelkomponisten und -improvisatoren seiner Zeit war.

Damit ist die Wäldner-Orgel ein herausragendes Zeugnis für eine Phase der Musikgeschichte, in der das Orgelspiel und die Orgelkomposition in Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt, Julius Reubke, Robert Schumann und Johannes Brahms auf einen neuen Höhepunkt nach Bach emporstiegen. Am 22. Mai 1851 wurde die neue Orgel von Ritter einer Prüfung unterworfen, mit folgendem Urteil: „Ich muß die vom Herrn Orgelbaumeister Wäldner gebaute Orgel für ein wohlgelungenes, in einzelnen Parthien sogar für ein vorzügliches Werk erklären. Der Ton der einzelnen Stimmen ist ihrem Charakter angemessen und gleichmäßig; der Klang des vollen Werkes kräftig und glänzend, da beider Kirche angemessen und das Einzelne zu einem Ganzen in Wahrheit vereinigend. – Die technische Arbeit macht den Eindruck des Soliden. Die innere Einrichtung zeigt von der Einsicht wie von der Geschicklichkeit des Erbauers.“

Die so gewürdigte Orgel erlitt im 20. Jahrhundert jedoch mehrere Eingriffe in die Substanz: Während des Ersten Weltkrieges wurden die wertvollen Zinn-Prospektpfeifen als Material für den Krieg eingezogen. Erst nach vielen Jahren konnten die Pfeifen durch billigere Zinkpfeifen ersetzt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten die riesigen 32´-Holzpfeifen als Heizmaterial im kalten Winter. Darüber hinaus wurde die Domorgel im 20. Jahrhundert dem Modegeschmack des jeweiligen Organisten angepasst. Wohl mehr als fünf verschiedene Orgelbauer waren an diesen Umbauten beteiligt.

Leider hat das Instrument dadurch viel von seinem romantischen Klangbild verloren. Von den ursprünglich 33 Registern sind 21 Register ganz bzw. teilweise verloren. 1954 verursachte zudem eine abgestürzte Gewölberippe Schaden. In den letzten 40 Jahren hat die Orgel unter den wechselnden Bauzuständen des Doms und durch aktiven Holzwurmbefall deutlich gelitten.

Die nun angeschobene Restaurierung der Wäldner-Orgel setzt auf der einen Seite glücklicherweise nur wenige Ausbesserungen an Spieltisch, Trakturen, Windladen und Kanalanlage im Orgelinneren voraus. Die verlorengegangene, eindrucksvolle Balganlage mit ihren fünf Keilbälgen und ca. 60% des Pfeifenwerkes müssen allerdings nach historischen Vorbildern und unter Vergleich mit anderen Wäldner-Orgeln rekonstruiert werden. Dementsprechend hoch sind die Gesamtkosten. Mehrere tausend Arbeitsstunden sind für eine gewissenhafte und denkmalpflegegerechte Ausführung dieser Aufgabe notwendig. Zur Umsetzung der Restaurierung und zur Einwerbung der benötigten Mittel und Spenden hat sich der „Förderkreis Wäldner-Orgel“ gebildet. Neben der Veranstaltung von Benefizkonzerten und Orgelführungen wurde auch eine CD produziert, die das noch vorhandene Tonmaterial der Orgel dokumentiert. Alle Informationen unter www.dom-halle.de, Kontaktzum Förderkreis unter kantor@dom-halle.de (Domkantor Gerhard Noetzel, Tel. 0345/ 4449 28)