Die Oratorische Bibliothek des Königlichen Pädagogiums zu Halle – Eine Schulbibliothek um 1800

Bibliotheken bilden nicht nur bis zum heutigen Tag das Herz der Franckeschen Stiftungen – schon im Bildungskonzept ihres Gründers, August Hermann Francke, waren sie zentral. Neben der allseits bekannten Bibliothek des Waisenhauses, der „Bibliotheca Orphanotrophei Halensis“, existierte in Franckes Todesjahr 1727 bereits eine Reihe kleinerer Bibliotheken, beispielsweise an der Lateinschule, der Realschule und der Höheren Töchterschule.

Diese Schulbibliotheken waren zunächst ausschließlich auf die Bedürfnisse der Lehrer zugeschnitten und zu deren Weiterbildung bestimmt. Erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden Schulbibliotheken, zu denen auch Schüler Zugang hatten und die zeitgenössische Kinder- und Jugendliteratur bereitstellten. Um eine der ersten Schülerbibliotheken in der Geschichte der Franckeschen Stiftungen handelt es sich bei der Oratorischen Bibliothek.

Die Oratorische Bibliothek war am Königlichen Pädagogium angesiedelt, das 1695 von August Hermann Francke gegründet worden war. Das relativ hohe Schulgeld führte dazu, dass vor allem Adlige und wohlhabende Bürgerliche am Pädagogium lernten, dessen ausgezeichneter Ruf bis nach Russland und Südamerika reichte. Die Blütezeit des Pädagogiums ist eng mit der Person August Hermann Niemeyers, einem Urenkel Franckes, verbunden. Niemeyer reformierte nach seiner Ernennung zum Inspektor des Pädagogiums 1784 die dort eingesetzten Erziehungs- und Unterrichtsmethoden und steigerte damit die Attraktivität der Schule ein weiteres Mal. Als Freund schöngeistiger Literatur mit eigenen poetischen Ambitionen ebnete er zudem der deutschsprachigen Literatur den Weg ans Pädagogium.



Es ist daher kaum Zufall, dass in Niemeyers Amtszeit ein kleinerer Teil aus einem Buchbestand ausgegliedert wurde, der bereits seit der Gründung des Pädagogiums kontinuierlich gewachsen war. Dieser Buchbestand, bald unter dem Namen Oratorische Bibliothek geführt, wurde nun gesondert vermehrt und in eigenen Räumlichkeiten des Pädagogiums aufgestellt. Auf Bestreben Niemeyers wurde vor allem aktuelle deutschsprachige Literatur angeschafft, die neben dramatischen und lyrischen Werken auch aus Romanen sowie neuartigen periodischen Formaten wie Zeitschriften, Taschenbüchern und Almanachen bestand. Zahlreiche berühmte Autoren wie Goethe, Schiller und Lessing waren mit Gesamtausgaben ihrer Werke in der Bibliothek vertreten. Es lassen sich jedoch auch im 18. Jahrhundert relevante, heute wieder in Vergessenheit geratene Autoren wie Johann Elias Schlegel, Franz Xaver Bronner und Johann Peter Uz im Bestand finden. Zahlreiche Werke wurden in Erstausgaben angeschafft, die heute von besonderem Interesse und Wert sind. Diese sind nach der Auflösung der Oratorischen Bibliothek 1902 zum größten Teil in andere Bibliotheken der Franckeschen Stiftungen abgegeben worden, so dass glücklicherweise ein Bestand von rund 1.500 Titeln die Auflösung überstand. Bis zum heutigen Tag lassen sich zahlreiche Titel mit dem Besitzstempel der Oratorischen Bibliothek im Bestand der Hauptbibliothek der Franckeschen Stiftungen finden.

 



Die Bezeichnung als Oratorische Bibliothek hängt eng mit der speziellen Nutzung des Bestandes im Rahmen des oratorischen Unterrichts, des Rhetorikunterrichts in deutscher Sprache, zusammen. Rhetorik wurde am Pädagogium nicht nur im Unterricht geübt, sondern kam auch in Form öff entlicher Redeübungen vor Stadtpublikum zur Auff ührung. Die Räumlichkeiten der Oratorischen Bibliothek dienten dabei als Veranstaltungsort kleinerer Auff ührungen, der sogenannten „Privatactus“. Diese stellten gesellige Zusammenkünfte dar, bei denen Gedichte rezitiert, kleine Theaterszenen nachgespielt oder naturwissenschaftliche Experimente vorgeführt wurden. Eine Reihe von Einladungen zu kleineren und größeren Redeübungen hat sich erhalten, auf denen neben den vortragenden Scholaren auch die deklamierten Texte genau vermerkt sind. Anhand dieser Quellen lässt sich nachweisen, dass die Oratorische Bibliothek nicht nur die Räumlichkeiten für die Veranstaltungen bot, sondern dass die Bücher auch als Textfundus genutzt wurden. Ebenso für das Journal der Lektüre, einer Art Lesetagebuch, das spätestens ab 1791 von allen Scholaren geführt werden musste, diente die Oratorische Bibliothek als selbstverständliche Lektürequelle.