Schützenfest in Halle im Jahre 1601

Zum Bestand des Leipziger Grassi Museums für Angewandte Kunst zählt ein schmaler Reif mit Perlen- und Goldstickerei, der das Wappen der Stadt Halle trägt. Dem Inventar des Museums zufolge wurde er 1601 von einem Leipziger Bürger bei einem Schützenfest in Halle gewonnen. Es lässt sich damit ein Bezug zum frühneuzeitlichen Schützenwesen herstellen, denn in Halle gab es, wie in anderen Städten, eine bedeutende Festtradition des Bürgertums, die Schützenfeste. Bürger waren in den Armbrust- und Büchsenschützengesellschaften organisiert. Schützenfeste kleineren Umfangs, in denen, wie auch bei den größeren Festen, auf einen hölzernen sogenannten „Spanvogel“ geschossen und ein „Schützenkönig“ ermittelt wurde, fanden relativ regelmäßig statt. Die beiden größten hallischen Schützenfeste von 1560 und 1601 beschrieb der Ratssyndikus Dr. Thomas Cresse (1558-1636) in seiner Chronik zur Geschichte der Stadt Halle ausführlich. Bei letzterem konnte er zudem aus eigenem Erleben berichten, war er doch hier sogar selbst als Schütze beteiligt.

Vorfeld den städtischen Rat von der Nützlichkeit einer solchen Großveranstaltung Als Initiator des „Land- und Spanvogel-Schießens“ im Jahre 1601 trat die Armbrust-Schützengesellschaft der Stadt Halle auf. Deren Vertreter hattenmit auswärtigen Teilnehmern, die umfangreicher Vorbereitung sowie finanzieller Mittel bedurfte, überzeugt. Zahlreiche Städte mussten angeschrieben werden, denn es sollte „von solcher Kurtzweile durchauß keine Stadt in diesem gantzen loblichen Primat Ertzstifft außgeschlossen werden, wie den[n] andere benachbarte Chur und fürstliche Stätte“ ebenfalls einbezogen wurden. Der Einladungsbrief betonte die Erneuerung und Erhaltung „gutter ehrlicher und nachbarlicher freundtschaft“. Als Grund für die Ausrichtung des Festes wird neben „lustiger Kurzweil“ und „gutter Übung“ (im Schießen) auch angegeben, dass den hallischen Armbrustschützen auf einem Schützenfest im (sächsischen) Kemberg seinerzeit ein „Schützenkrenzlein verehret worden“ war, was offensichtlich eine indirekte Verpflichtung darstellte. Die Funktion solcher Schützenkränze, die keine eigentlichen Preise darstellten, also nicht gewonnen, sondern „verehrt“ und von den Empfängern zu einem späteren Zeitpunkt durch Ausrichtung eines Schützenfestes wieder „gelöset“ wurden, ist bisher noch nicht ausreichend erforscht.

Als Hauptgewinn des Festes wurde die Geldsumme von 60 Reichstalern für den Rumpf des Vogels festgesetzt, weitere Preise ab 40 Reichstalern abwärts galt es auf andere Teile (Kopf, Flügel, Schwanz etc.) zu gewinnen. Für die „Kurzweil“ plante man unter anderem die Einrichtung eines „Glückstopfes“ als einer Art Lotterie. Die eingeladenen Städte – nach Cresse waren es über 150 – entsandten zusammen 322 Schützen, die dann vom 30. August bis zum 5. September in Halle weilten. Die Eröffnungsfeierlichkeiten begannen nach der Registrierung aller Schützen im Waagegebäude auf dem Markt. Es folgte eine von Trompetern, Trommlern und Pfeifern begleitete Prozession mit Fahnen zum „Schützenhof“, wo sich die 110 Ellen hohe Stange mit dem abzuschießenden Vogel befand. Wohl als Abgesandte des Administrators Christian Wilhelm von Brandenburg nahmen der Vizekanzler des Erzstifts, Chilian Stisser, und der Hauptmann der Moritzburg, Curt von Mandelsloh – dieser auch als Schütze – an der städtischen Veranstaltung teil. Den Hauptgewinn des Wettbewerbs trug der Wittenberger Hans von Berge davon. Am Ende des mehrtägigen Festes gab es erneut eine Prozession, diesmal mit dem Schützenkönig, sowie eine Abschlussfeier auf dem Saal der Ratswaage mit Rheinischem Wein, Torgauer Bier, Kuchen und Konfekt.

Noch während der Prozession wurde „den abgeordneten Herren und Schützen der Stadt Leipzig“ ein „neugemachtes von Perlen und golde undt E[ines] E[hrbaren] Raths wapen gesticktes (...) Schützenkrantzelein“, das an einer zugehörigen Fahne befestigt war, überreicht. Es wurde von Christoph Schulert als offiziellem Vertreter der Stadt Leipzig entgegengenommen. Man verwies dabei auf das Jahr 1549, als der Rat der Stadt Halle vom Rat der Stadt Leipzig ebenfalls einen Kranz erhalten hatte, der durch ein 1550 in Halle abgehaltenes Schießen „gelöset“ worden war. Dieser 1601 den Leipzigern als Zeichen „nachbarliche[r] Zuneigung“ verehrte Schützenkranz gelangte in den Leipziger Ratsschatz und von dort 1875 in das damalige Leipziger Kunstgewerbemuseum. 1976 kehrte er im Rahmen einer Sonderausstellung zur „Halleschen Goldschmiedekunst“ kurzzeitig als Leihgabe nach Halle zurück.

(Franziska Graßl, Kulturfalter Dezember 2007)