Die Betsäule am Universitätsring

Am Universitätsring, gegenüber dem Kaulenberg, steht ein Relikt des mittelalterlichen Halle, das seit mehreren Monaten mit einer Schutzhülle versehen ist. Es handelt sich um die sogenannte Betsäule, die sich seit 1972 am heutigen Standort befindet und nun einer gründlichen Instandsetzung unterzogen werden soll.

Mit über sieben Metern bietet die Betsäule einen imposanten Anblick. Auf einem pyramidenförmigen Schaft sitzt ein mit gotischen Nasen versehener Konsolstein, der ein zweiseitiges Reliefbild mit Maßwerkbekrönung trägt. Die nach Westen weisende Seite zeigt in der Bildmitte den kreuztragenden Jesus, dem in der linken oberen Bildecke drei Frauen (wahrscheinlich die drei Marien) und ein Mann (wohl der Lieblingsjünger Johannes) folgen. Ein Kriegsknecht in der rechten unteren Bildecke treibt die Gruppe mit erhobenem Arm an.

Das gegenüberliegende Relief zeigt eine Kreuzigungsszene: Jesus Christus hängt an einem Kreuz, darunter stehen auf der linken Seite Maria, die Mutter Gottes, auf der rechten Seite der Jünger Johannes. Am Fuß des Kreuzes kniet Maria Magdalena, den Stamm des Kreuzes umfassend. Auf dieser Seite trägt der Konsolstein unterhalb der Relieftafel die Inschrift: „a° d’ m° cccc° lu ad honorem ihsus xpi sculpt*“.

Die Bildsäule ist die einzige erhaltene mittelalterliche Freiplastik Halles. Über den Zweck ihrer Errichtung und ihren Stifter gibt es in der Literatur nur Mutmaßungen. Laut der Inschrift wurde die Betsäule im Jahre 1455 zur Ehre Christi errichtet. Wahrscheinlich gaben verheerende Pestepidemien in den Jahren 1449 und 1452 den Anlass. Zum Dank für die Überwindung der Seuche wurde die Säule als Stätte der Andacht für die halleschen Bürger geschaffen. Ursprünglich stand die Betsäule am äußeren Galgtor (heute Riebeckplatz), an der Kreuzung bedeutender Handelsstraßen nach Merseburg, Leipzig und Magdeburg. Als Wegekreuz diente sie so auch Händlern und anderen Reisenden zum Gebet für einen glücklichen Weg oder für Wohlergehen beim Aufenthalt in der Stadt. Das äußere Galgtor führte auf den Galghügel mit Galgen, Rabenstein und Rad. Wurden zum Tode Verurteilte zur Richtstätte geführt, konnten auch sie an der Betsäule Christus ihre Sünden anvertrauen und um Vergebung und einen schnellen Tod bitten.

Oft waren solche Bildstöcke oder Steinkreuze Teil eines Kreuzweges, welcher den Leidensweg Christi in Jerusalem darstellte. Ein klassischer Kreuzweg mit sieben Stationen ist in Halle nicht mehr nachvollziehbar. Jedoch führten Prozessionen durch die Stadt hindurch zu den Kirchen und Kapellen. Am Markustag (25. April) gingen die vier Stadtpfarrer mit ihren Gemeinden um die Stadt herum und lasen an den Stadttoren die Evangelien. Offenbar wurden dabei mehrere Betsäulen einbezogen. Neben dem hier beschriebenen Denkmal berichtet Olearius von einem „Kruzifix mit zwei Bildern“, das aus diesem Grund 1516 vor das Rannische Tor gesetzt wurde. Ein weiteres Steinkreuz, von dem sonst nichts bekannt ist, befand sich an der Hohen Brücke über die Elisabethsaale vor dem Klaustor.

In der Kreuzigungsszene ist Maria Magdalena bedeutend kleiner dargestellt als die anderen Personen, was sich nicht aus der Perspektive des Bildes erklären lässt. Vielleicht verweist dieser Umstand und auch die kniende Haltung der Figur auf eine Stifterin der Betsäule. Der Bildhauer der im sogenannten weichen Stil gearbeiteten Reliefs ist nicht bekannt. Stilistisch – in der Haltung des Gekreuzigten und der Maria sowie im Faltenwurf – wird eine Verbindung nach Erfurt angenommen (Epitaph des Günther Bock im Dom, Beweinung Christi in der Andreaskirche).

1840 wurde das Steinkreuz auf Anordnung der Stadt saniert. 1928 setzte man es aus verkehrstechnischen Gründen an den Moritzzwinger. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Denkmal erhebliche Schäden durch Bomben- und Gesteinssplitter. Die Betsäule wurde abgetragen, restauriert und 1950 am Franckeplatz wieder aufgestellt. Mit dem Bau der Hochstraße musste das Denkmal erneut weichen, wurde 1969 an der Nordseite der Moritzkirche zwischengelagert und fand dann seinen Platz am Universitätsring, wo es heute noch einen Eindruck des erzbischöflichen Halle vermittelt.

(Antje Löhr-Dittrich, Kulturfalter September 2011)