Bergverwaltung im Umbruch - Karl Hatzfeld (1876-1961)

Als die Sowjetische Militäradministration (SMAD) im Oktober 1945 Karl Hatzfeld als Berghauptmann am Oberbergamt Halle einsetzte, kehrte dieser nach fast 12 Jahren Zwangspause in seinen alten Dienstrang zurück – wenn gleich an einem anderen Wirkungsort. 1929 bis 1933 hatte er mit dem Oberbergamt Dortmund die größte Abteilung der mittleren Bergbehörden in Preußen geleitet. Dieses übte die Aufsicht über das größte zusammenhängende Steinkohlengebiet Deutschlands (und Europas) aus. Die preußischen Oberbergämter waren in einer dreistufigen Verwaltung dem Wirtschaftsministerium unterstellt.

Nach 1865 hatten sie nach dem „Inspektionsprinzip“ die Berghoheitsverwaltung und die bergpolizeiliche Aufsicht inne. Letztere bestand darin, die Sicherheit der Grubenbaue, den Schutz der Oberflächen, die Nachhaltigkeit des Abbaus und den Schutz von Gesundheit und Leben der Bergarbeiter sicherzustellen. Während die örtlichen Bergrevierbeamten als untere Bergbehörde die Befahrungen der Zechen vornahmen, fungierten die Oberbergämter u.a. als Beschwerdeinstanz gegenüber ihren Entscheidungen. Auch beaufsichtigte die – einem Regierungspräsidium vergleichbare – Mittelbehörde das Ausbildungswesen der Berg(vor)schulen und war am Prüfungswesen für die Bergbeamten und die Markscheider beteiligt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 hatte Hatzfeld an seiner Dienststelle in Dortmund noch die politisch und rassistisch motivierten personellen Säuberungen nach dem sogenannten Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April1933 durchgeführt. Dann wurde er selbst im August desselben Jahres aus politischen Gründen abgesetzt, weil er nicht der NSDAP beitreten wollte. Seiner beruflichen Existenz beraubt, zog er mit seiner Familie (vier Kinder in der Ausbildung) nach Berlin, um an der Technischen Hochschule einen Lehrauftrag für Bergpolizei und Grubensicherheit zu übernehmen.

Dieser Bereich hatte seinen Werdegang stark geprägt: Der am 18. September 1876 in Wallmerod im Westerwald geborene Hatzfeld absolvierte ein bergwissenschaftliches Studium in Marburg und Berlin, das er 1900 als Bergreferendar abschloss. Nach dem Bergassessorenexamen 1905 und verschiedenen Zwischenstationen wurde er 1918 als „Hilfsarbeiter“ (= Einstiegsposition für die akademischvorgebildeten Beamten des höheren Dienstes) in das preußische Ministerium für Handel und Gewerbe berufen. Er baute dort das Grubensicherheitswesen aus und wurde erster Leiter des am 1. März 1922 gegründeten Grubensicherheitsamts.

Entsprechend seiner Leistung avancierte er schnell: 1921 wurde er zum Oberbergrat ernannt, 1922 zum Ministerialrat, 1928 zum Ministerialdirigenten. Hatzfeld gab auch den Impuls für die Zeitschrift „Grubensicherheit“ und die gleichnamige Ausstellung 1931 in Köln. Er strebte eine Vereinheitlichung der bergpolizeilichen Vorschriften nich tnur zwischen den preußischen Oberbergämtern, sondern auch länderübergreifend an. Auf seine Initiative wurde in Preußen das bereits in England und Frankreich genutzte Gesteinstaubverfahren eingeführt, das Explosionen des Kohlestaubs unter Tage verhindern bzw. begrenzen sollte.

Für seine Verdienste um die Grubensicherheit erhielt er 1937 das Grubenwehrerinnerungszeichen – obwohl sein Dortmunder Nachfolger als ausgesprochener Parteigänger der NSDAP dies versucht hatte zu verhindern. Als im Laufe des Krieges auch in der Bergverwaltung immer mehr Fachkräfte zur Wehrmacht eingezogen wurden, das Arbeitspensum blieb und neue Aufgaben hinzukamen, entschloss sich das Reichswirtschaftsministerium 1943, Hatzfeld als Experten wieder in den Dienst zu holen und als Referent im Grubensicherheitsamt zubeschäftigen.

Mit dem Kriegsende und der Suche nach unbelasteten Fachleuten im Zuge der Entnazifizierung erhielt der nun 69-Jähriges eine frühere Position als Berghauptmann zurück und zog in den Behördensitz der hallischen August-Bebel-Straße 13. Das Oberbergamt Halle war – neben Dortmund, Bonn, Breslau und Clausthal – von der Mitte des 19. bis in die 1940-er Jahre eines der fünf preußischen Oberbergämter. Es war 1815/16 aus dem 1772 gegründeten Magdeburg-Halberstädtischen Oberbergamt in Rothenburg an der Saale hervorgegangen. Seine Zuständigkeit erstreckte sich über die preußische Provinz Sachsen, die Stadtgemeinde Berlin und Teile der preußischen Provinzen Pommern und Brandenburg.

Für mehr als ein Jahr stand Hatzfeld dem Oberbergamt Halle vor, bevor in der Sowjetischen Besatzungszone die Berg(hoheits)verwaltung umstrukturiert und das Oberbergamt aufgelöst wurde: Die nachgeordneten Bergämter wurden in Technische Bergbauinspektionen umbenannt und der Zentral-Bergbau-Inspektion direkt unterstellt. So fiel di ebisherige Mittelinstanz des Oberbergamts fort. Hatzfeld wechselte ins Ministerium nach Berlin. Von 1946 bis 1951 leitete er die Abteilung V (Technische Bergbauinspektion) der Deutschen Zentralverwaltung der Brennstoffindustrie in der sowjetischen Besatzungszone (DZVB) bzw.die Hauptabteilung Kohle im Ministerium für Schwerindustrie. Mit 75 Jahren trat er 1951 in den Ruhestand, blieb aber seinem Lebensthema verbunden und publizierte 1952-1955 das vierbändige Handbuch der Grubensicherheit. Am 9. Juli 1961 starb er in Berlin.