August Lafontaine – ein Schriftsteller Halles und sein 250. Geburtstag

1885 benannte man in Halle im neuentstehenden Mühlwegviertel mit seinen historisierenden Villen eine wichtige Straße nach August Lafontaine, Lieblingsautor breiter Leserschichten, Zeitgenosse Goethes. Diese Straßenbenennung war ein Signal: man hatte den 1831 in Halle verstorbenen, europaweit bekannten Schriftsteller der Unterhaltungsliteratur im Gedächtnis der Stadt noch nicht vergessen – und ihn mit dieser Tat auch vor dem drohenden Verlust seiner Bedeutung bewahrt. Natürlich wäre es sinnvoll gewesen, den vollen Namen zu nennen, nicht nur den Nachnamen. Denn so stellte sich nach und nach eine Verwechslung mit dem anderen Großen ein: Jean de la Fontaine. Aber 1885 war der Name für die Hallenser Stadtoberen eben mit dem ehemals berühmten Schriftsteller ihrer eigenen Stadt identisch. Da stellte sich kein Problem einer Verwechslung. Erst mit der völligen Veränderung des Publikumsgeschmacks und der allmählich wachsenden deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ verblasste der Ruhm August Lafontaines vor dem des „Klassikers“ völlig. 

August Lafontaine war von französischer Herkunft, der Großvater war mit der Familie als Glaubensflüchtling (Hugenotte) aus Frankreich nach Norddeutschland gekommen. Augusts Vater war ein gefragter Kunstmaler am Hof in Braunschweig, wo der Sohn am 5. Oktober 1758 geboren wurde. In der Familie sprach man fließend Französisch. Augusts Mutter war gewissermaßen die Ausnahme: sie war Deutsche und lutherischen Bekenntnisses. Nach der Kindheit in Braunschweig beeinflusste sie den Berufsweg des Sohnes: er studierte Theologie und alte Sprachen an der Universität Helmstedt. Ohne Examen kam er 1786 nach Zwischenstationen als Hauslehrer nach Halle. Man hatte ihn in die Familie des preußischen Obersten von Thadden engagiert, um sich eines schwierigen Kindes anzunehmen. Sein pädagogisches Geschick und seine menschenfreundliche Art lösten die Probleme, und er gewann Zeit für sich. Die nutzte er in literarischen Zirkeln der Universität Halle und für eigene schriftstellerische Arbeiten. Im Regiment des Obersten von Thadden fand er nach abgelegtem Examen eine Anstellung als Feldprediger. In dieser Funktion verließ er Halle zweimal: einmal nach Schlesien (1790), das zweite Mal (1792) an die französische Grenze am Rhein. Nur noch ein drittes Mal kehrte er Halle für einige Zeit den Rücken, nämlich auf einer kleinen Bildungsreise nach Venedig und Wien (1811). Ansonsten – abgesehen von Abstechern zu Verlegern und Kollegen bis nach Berlin, saß er in seinem erworbenen, schönen Haus am Saalehang („mein Garten“) und schrieb. Er gehörte zu den fleißigsten Vertretern seines Faches, etwa 60 Romane und viele Dutzende Erzählungen sind erhalten. Wenn er mit dem Schreiben pausierte, setzte er „Aufklärung und Menschenliebe“ in die Tat um, nämlich als Mitglied in städtischen Ausschüssen und Gremien. Sein soziales Engagement war beachtlich. Er schrieb und wirkte über 40 Jahre in seinem Haus am Neuwerk. Am 20. April 1831 starb er, kinderlos und bereits verwitwet, in einer Wohnung in der Kleinen Ulrichstraße. Sein Grab befindet sich auf dem Laurentiusfriedhof, nicht weit von seinem ehemaligen geliebten Haus entfernt.

Das Romanschreiben hatte er auf dem Feldzug nach Frankreich begonnen, und es ließ ihn nie wieder los. Schon der erste große Erfolg, wie alle seine Stücke sogleich in viele Fremdsprachen übersetzt, ist prägend: „Klara du Plessis und Klairant. Eine Familiengeschichte französischer Emigrierten“. Die Französische Revolution wurde dem Philanthropen Lafontaine zu einem Ereignis, das er sein Leben lang bewegte und verarbeitete – in Themen wie Adel/ Bürgertum, Vorurteil/ Gerechtigkeit, Gewalt/Menschlichkeit usw. Eigenartigerweise holte ihn seine französische Herkunft immer wieder ein. Waren seine Vorfahren aus französischer Glaubensunterdrückung geflüchtet, so faszinierten ihn selber sein Leben lang die Ideale der Revolution seines Herkunftslandes immer wieder aufs Neue.

Im Jahre seines 250. Geburtstages fand in Halle das Projekt „Halle liest 2008: August Lafontaine“ (koordiniert von den Franckeschen Stiftungen, autorisiert von der Oberbürgermeisterin) mit zahlreichen Veranstaltungen an verschiedenen Orten statt.

(Ingeborg von Lips, Kulturfalter Oktober 2008)