Ich komponiere nonstop

Filmkomponist Enjott Schneider ist Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA und seit 2013 Präsident des Deutschen Komponistenverbandes DKV. Im November bekam der Komponist, der unter anderem Musik für Bibi Blockberg, Schlafes Bruder, Tatort, Polizeiruf oder Marienhof komponierte, den Ehrenpreis des Deutschen Filmmusikpreises in Halle überreicht. Kulturfalterredakteurin Leonie Wolff sprach mit dem Komponisten.

Kulturfalter: Sie haben Ihre Karriere als Komponist für Konzerte und Opern begonnen, wie kamen sie zur Filmmusik, was hat Sie daran gereizt?

Enjott Schneider: Mein Startpunkt, Komponist zu werden, war mit 14 Jahren ein Schüler-Besuch des „Freischütz“ im Freiburger Stadttheater. Das hat mich so gefesselt, dass ich beschloss, Opernkomponist zu werden und mit Musik Geschichten zu erzählen! Übrigens wie bei Ennio Morricone, der mir 2004 erzählte, wie eine „Freischütz“-Faszination als Junge bei ihm den unstillbaren Wunsch auslöste, auch Jagen und Schießen zu vertonen … was er dann mit seinen Western einlöste. – Ich studierte in Freiburg weitab von jedem Film-Business. Als ich dann mit 29 Jahren meine Professur an der Münchner Musikhochschule erhielt, wehte diese „Filmluft“ ganz deutlich: in meiner WG war eine Maskenbildnerin, die mich mit Bavaria-Menschen zusammenbrachte. Dann ging es so dolle los (1.,2.,3.,4.,5. und weitere Filme ….), dass ich meine „Kunstmusik“ völlig nach hinten schob (ich hatte auch schon eine Oper geschrieben) und mich völlig dem Faszinosum „Filmmusik“ verschrieb.

Sie haben unglaublich viel komponiert. Wie ist Ihre Herangehensweise beim Komponieren einer Filmmusik?

Das Herangehen ist wie beim Komponieren im Allgemeinen: ich muss einen geistigen, tiefenpsychologischen „inneren Hebel“ finden, mit dem ich die anstehende Thematik knacken kann. Kunst ist ja generell „Ausdruck“, - eine innere Welt (Emotionen, Träume, Hoffnungen, Ängste, vielschichtiges psychologisches Mäandern) wird nach außen gestülpt, in eine klingende Form gebracht. Klang, Instrumentation, reale Motivik und Melodik kann bei mir nur entstehen, wenn ich weiß, was ich „sagen“ und „ausdrücken“ will. Musik ist (zum Beispiel auch schon bei J.S. Bach) „Klangrede“…. Man benötigt musikalische Vokabeln, Gesten, Symbole, die dann die Leute verständlich anspringen. Welches Leit-Intervall passt, welche Klangfarben, welches Zeitflair (Tempo- und Rhythmus-Gestaltung). Da könnte ich jetzt wochenlang reden … wie ich es ja in drei recht dicken Büchern alles niedergelegt habe. Wichtig ist die richtige Mischung zwischen rationalem Suchen und einem Fallenlassen ins Intuitive, Unbewusste, Erträumte.  Denken und unerklärbares Fühlen. Alles andere ist Technik, Computerprogramm, Studioausstattung, meist schnell erlernbar.


Welche Ihrer vielen Filmmusikkompositionen finden Sie besonders gelungen?

Man kann die Qualität und den Erfolg eines Filmes leider niemals von der puren Filmmusik trennen. Hat ein Film Mängel, womöglich im Drehbuch als seinem dramaturgischen Herzstück, dann wird auch die beste Filmmusik nur bedingt funktionieren. Das ist mir leider schon oft passiert. Kollegiale Diskretion lässt mich aber dieses Thema hier nicht vertiefen. Deshalb nur kurz einige Filme in alphabetischer Folge, in denen die Balance von Film und Musik stimmte: „23“ (H.C. Schmid), „Bibi Blocksberg & die Blauen Eulen“ (Franziska Buch), Das Mädchen Rosemarie (B. Eichinger), Die Andere Frau (M. von Trotta), Die Flucht (K. Wessel), „Herbstmilch“ (J. Vilsmaier), Jahrestage (M. von Trotta), „Nicht alle waren Mörder“ (J. Baier), „Ohne Dich“ (F. Baxmeyer), „Rama Dama“ (J. Vilsmaier), Stalingrad (J. Vilsmaier), „Schwabenkinder“ (J. Baier), Vatikan – Die Verborgene Welt (R. Ladkani). Ganz hoch hänge ich meinen 120-minütigen Score zum Zweiteiler „Laconia“ (Uwe Janson), der aber mit diversen Fassungen (BBC- und Degetofassung) aus meiner Sicht ein eher unglückliches Schicksal hatte, - obwohl diese U-Boot-Story es leicht mit dem legendären „Boot“ aufgenommen hätte!

Sie haben Ihr gesamtes Leben gearbeitet, was machen Sie als Ausgleich, gibt es ein Hobby, bei dem Sie entspannen?

Mein Ausgleich ist die Erforschung der „Natur“ in allen Formen (Schwerpunkte wie „Kosmos“, „Wasser“ und „Bäume“) mit Erkunden per Fuß, per Buch, per Filmen. Ein unerschöpfliches Thema, das mir täglich meine Winzigkeit und Unzulänglichkeit zeigt.

Sie werden sicher von vielen bewundert, haben Sie musikalische Vorbilder?

Meine Inspiratoren waren Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Wagner, Schumann, Tschaikowsky, Mahler, Strawinsky und alle Meisterwerke der Musikgeschichte, die mich ergriffen haben. Filmkompositorisch ist zweifellos Ennio Morricone ganz vorne, aber auch hier gibt es eine Menge anderer fantastischer Scores, die mich gerne beeinflussen durften.


Wie schauen Sie Filme an? Denken Sie beim Schauen manchmal ‚Hm... das hätte ich anders gemacht?

So zu denken hat man kein Recht: Man muss die Zwänge der  Produktion  kennen (Budget, inkompetente Anweisungen, Zwangskorsett der „temp tracks“) um über den Spielraum einer Filmmusik urteilen zu können. KomponistInnen sind hier alles andere als frei!

Sie haben an Hochschulen gelehrt. Gibt es eine bestimmte Eigenschaft, die man als Nachwuchskomponist unbedingt beachten muss? Was ist Ihr Tipp?

Man sollte sich erst in die Musik als Ganzes einarbeiten: als Interpret auf einem Instrument (am besten konzertreif), mit Arrangieren und Komponieren in allen Gattungen (von Kammermusik, Symphonik bis hin zu Pop/Rock/Elektronik). Unabdingbar sind das Live-Erleben von Musik und die Freundschaft mit den interessantesten Interpreten, um auf möglichst vielen (auch ethnologischen) Instrumenten Kenntnisse und Klangvorstellungen zu entwickeln. Tonstudiotechnik und die neuesten Apps kommen an zweiter Stelle, denn sie sind – obwohl sehr wichtig! - flüchtig und ändern sich eh permanent.

Haben Sie schon weitere Projekte für die Zukunft geplant?

Seit fast zehn Jahren stehen bei mir Konzertsaal und Bühne im Vordergrund, weil Film – dem nach wie vor meine ganze Faszination gilt -  mich ehrlich gesagt unterfordert. So nehme ich schon länger mein ganzes Sinfonisches und Kammermusikalisches auf CDs auf – mit besten Solisten und international zusammengesetzten Orchestern. Neben dieser rückwärtsgewandten „Lebenswerk“-Perspektive komponiere ich aber nonstop Neues: Uraufführungen von größeren Werken, die noch in der Pipeline sind, gibt es dann in Krasnojarsk (November), Taiwan (Dezember), Mumbai und Katowice (Januar), Hamburg und Hongkong (Februar), Hiroshima (März)… die Liste ließe sich bis zur 8. Sinfonie im Jahr 2022 fortsetzen.

Wie finden Sie es, dass Sie den Ehrenpreis des Deutschen Filmmusikpreises 2019 erhalten?

Große Freude natürlich! Obwohl in der letzten Zeit kaum Filmscores entstanden sind, ist die Verbindung „Bild & Musik“ Kernstück meines Komponierens. In allen Instrumentalwerken erzähle ich „eine Geschichte“, und in Oper & Ballett sind Optisches und Klang sowieso zusammen die Hauptakteure. Mit vielen Opern hatte ich das Konzept „Film von der Leinwand befreien“ im Kopf. Meine Oper MARCO POLO (in chinesischer Sprache komponiert und gesungen) hatte ja nur diesen unglaublichen Erfolg (dreimal in China inszeniert und eben im September im Teatro Carlo Felice in Genua), weil das dreistündige Monumentalepos extrem viele Elemente des Kinos verwendete. Insofern sehe ich den Filmmusikpreis 2019 gerne als Honorierung meines seit dem 14. Lebensjahr erstrebten Lebensziels „Geschichten erzählen in Bildern und Tönen“.

Herr Schneider, Vielen Dank für das Gespräch.