Ein kleines Jubiläum – die 5. Filmmusiktage Sachsen-Anhalt

Seit 2008 finden die Filmmusiktage Sachsen-Anhalt alljährlich in Halle statt. Themen bisher waren: „Die Ohren sehen mit“, „Götterdämmerung – Filmmusik von Wagner bis Zimmer“, „Ich brauche keine Millionen – 80 Jahre deutscher Tonfilm“ und „Psycho – Wa(h)re Musik“. Seit 2008 wurden also Komponisten, Musikern und Filmschaffenden und gerade den vielen Filmmusik-Fans mit einem dreitägigen Fachkongress und einem Galakonzert gelungene Events rund um das Thema Filmmusik geboten. Vom 25. bis 27. Oktober 2012 fanden die 5. Filmmusiktage statt, diesmal unter dem Motto „The Illusion of Life“. Redakteur Nico Elste sprach mit Professor Georg Maas (Foto, links im Gespräch mit Sönke Wortmann rechts), der die Filmmusiktage mit ins Leben rief und sie seitdem jedes Jahr inhaltlich begleitet.

Kulturfalter: Wie kam es überhaupt zur Idee, so etwas wie die Filmmusiktage ins Leben zu rufen?

Prof. Georg Maas: 2008 entstand die Idee, eine Tagung zu machen, die die Stärken der Stadt Halle im Bereich Medien, speziell den Film, in den Mittelpunkt rückt. Mike Riemenschneider von der „International Academy of Media and Arts Halle“ ergriff damals die Initiative. Dazu kam Markus Steffen als Kulturmanager. Außerdem fehlte noch ein Experte zum Thema Filmmusik.

Da haben sie mich angesprochen und ich war sofort begeistert, da wir an der Martin-Luther-Universität schon lange in der Musikpädagogik einen Schwerpunkt Filmmusik haben, zu dem schon viel – unter anderem Unterrichtsmaterialien oder Fachbücher – erschienen ist. Außerdem haben wir mit dem Mitteldeutschen Medienzentrum einen Tagungsort, der alles mitbringt, was man sich für eine solche Thematik wünscht. All das kam zusammen und wirkte extrem beflügelnd, sodass schon 2008 die ersten Filmmusiktage unter dem Titel „Die Ohren sehen mit“ so eine gute Resonanz erhielten, dass wir uns gleich inspiriert fühlten weiter zu machen.

Was sollen die Filmmusiktage Ihrer Meinung nach für die Wissenschaft, den Film und die Stadt Halle leisten?

Das besondere dieser Filmmusiktage ist, dass wir die Wissenschaft, die Filmmusikproduzenten und auch die Filmmusikfans zusammenbringen. Das zeigt sich an der Zusammensetzung des Publikums. Es sind eben nicht nur  Wissenschaftler und Filmschaffende da, sondern auch Begeisterte, die großes Interesse oder gar eine Leidenschaft für Filmmusik mitbringen. Alle Referenten sind zudem angehalten, ihre Vorträge sinnlich erfahrbar zu machen. Auch aus diesem Grund kommen die Fans auf ihre Kosten – sie müssen nämlich kein Fachchinesisch anhören. Außerdem ist es unser Ziel, eine sehr offene Kommunikationssituation zu schaffen, um so auch Impulse für die Filmschaffenden und die Filmwirtschaft zu geben. Und immer wieder freue ich mich, wenn Teilnehmer, die erstmals nach Halle kommen, sich begeistert über die Stadt äußern.

Im letzten Jahr war unter anderem Sönke Wortmann zu Gast. Dieses Jahr haben schon Filmmusiker wie Marcel Barsotti oder die Komponistin Annette Focks ihr Kommen zugesagt. Wie schaffen Sie es, jedes Jahr so hochkarätige Gäste nach Halle zu locken?

Das funktioniert eigentlich nur über die gemeinsame Begeisterung für das Thema. Marcel Barsotti beispielsweise hat fast alle Filme von Sönke Wortmann vertont. Wortmann wiederum war offensichtlich so begeistert von der Atmosphäre hier, dass er Barsotti von Halle vorschwärmte, der sich nun schon richtig auf die diesjährigen Filmmusiktage freut. Komponisten wie Marcel Barsotti oder auch Annette Focks besuchen Halle, weil bei unserer Veranstaltung ihr Kunsthandwerk sehr geschätzt wird. Außerdem haben sie hier die Möglichkeit, ihre Kompositionen live gespielt zu hören.

Im diesjährigen Wissenschaftskongress unter dem Motto „The Illusion of Life – Intermodale Wahrnehmung von Bild und Ton“ wird unter anderem gefragt, wie Gefühle durch Klang erzeugt werden. Was wird zu solchen Themen eigentlich diskutiert?

Das ist von der wissenschaftlichen Seite tatsächlich nicht so einfach zu  beantworten. Früher hat man versucht, Filmmusik psychologisch in den Blick zu nehmen. Nach dem Motto: ich gebe hier die Musik rein und beim Publikum  erfolgt folgende Reaktion. Inzwischen hat man jedoch festgestellt, dass es eine sehr komplexe kognitive Leistung ist, Filme zu sehen. Neben den Dialogen, der Dramaturgie und den visuellen Informationen, machen wir uns zusätzlich und damit verbunden auch ein akustisches Bild. Wir versuchen uns als Zuschauer deshalb gefühlsmäßig und intellektuell mit der Musik eines Films auseinanderzusetzten. Das hat die Forschung entsprechend verändert. Es wurde klar, dass man die Musik nicht allein losgelöst vom Film untersuchen darf, sondern das Bild, die Handlung und alles andere hinzunehmen muss.  Deswegen sind die Forschungsbeiträge heute fast philologischer Natur. Man schaut sich beispielsweise einen Film an und fragt, was wirkt hier zusammen, unter welchen ästhetischen Vorgaben passiert dies, auf welches Publikum bezogen…

Lässt sich der Erfolg eines Filmes, gerade wenn es um die Verbindung von Narration, Bild, Sound und Musik geht, über die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse herbeiführen?

Versucht hat man das, jedoch ohne messbaren Erfolg. Weil eben auch die Wissenschaft immer nur zurückschauen kann und sich dann bestenfalls  Gedanken machen kann, wie so etwas für die Zukunft funktionieren könnte. Zugleich erwarten wir aber auch immer Innovationen. Ein klassischer Fall – der jetzt nicht unmittelbar mit Filmmusik zu tun hat, aber übertragbar ist – ist der Eurovision Song Contest. Norwegen hat vor Jahren versucht, seine schlechten Platzierungen zu verlassen, indem ein Musikprofessor damit beauftragt wurde, einen Hit zu komponieren. Der Song erreichte den letzten oder vorletzten Platz. Das hat also überhaupt nicht funktioniert und ähnlich ist es mit der Filmmusik.

Was meinen Sie, was wird es zu den 10. Filmmusiktagen geben?

Wenn ich das so genau wüsste, hätte ich wohl einen hoch dotierten  Beratervertrag in der Filmindustrie. Um es mit dem Spötter George Bernard Shaw zu sagen: Prognosen sind schwierig – insbesondere, wenn sie die  Zukunft betreffen. Das merken auch die Profis der Branche, die versuchen ihre Erfolge zu planen. Aber es gibt immer wieder ungeplante Blockbuster wie auch teuer produzierte Flops. Wer hätte beispielsweise geglaubt, dass ein so abgedrehter Film wie „Lola rennt“ ein so breitgefächertes Publikum begeistern konnte? Man kann sich allerdings überlegen, was die Technik in den nächsten fünf Jahren bringt. Akustisch sind wir schon sehr weit gekommen. Größere  Bildschirme oder Surround-Systeme helfen der Musik, auch im heimischen Wohnzimmern zu wirken. In dieser Richtung wird es in den nächsten Jahren bestimmt noch ein paar Verbesserungen geben, allerdings nichts Großes. Ansonsten lasse ich mich überraschen.

Herr Maas, Vielen Dank für das Gespräch.
(Nico Elste, Kulturfalter September 2012)