Mich fragt ja keiner!

Dieter Nuhr ist ein Reisender in Sachen Unterhaltung. Er ist Kabarettist, Comedian und vor allen Dingen schwer ans Mikrofon zu kriegen. Am 13. November 2009 war er mit seinem neuen Programm in der Arena in Leipzig und am 5. März 2010 war er in der Händelhalle. Kulturfalterredakteur Martin Große sprach mit ihm über sein Programm, seine Tour und den einen oder anderen ganz privaten Wunsch.

Kulturfalter: Sie aktualisieren Ihr Programm beinah täglich. Wann kommt der Punkt, an dem Sie sagen: „Ich brauche ein neues“.

Dieter Nuhr: Das ist jahreszeitlich bedingt, denn ich muss mich früh entscheiden. Ich muss für eine Tour wissen, ob ich in dieselben Läden gehe oder ob ich neue Orte besuche. Und dann muss ich schon wissen, wann ich ein neues Programm machen kann. Allerdings ist es auch so, dass ich nach zwei Jahren das alte Programm nicht mehr sehen kann. Dann ist zu viel Routine drin und alles ist fest.  

Kommt die Entscheidung dann während der Tour zusammen mit einer neuen Idee, auf der Sie dann ein neues Programm aufbauen?

Ja, den Zeitpunkt gibt es. Ich hab eine Zeit, in der ich das Programm stark verändere, und dann schleift sich das so langsam ein und ich beginne für das neue Programm zu schreiben. Was allerdings das Oberthema des neuen Programms ist, entscheide ich kurzfristig. Das richtet sich nach den einzelnen Beiträgen, aus meinen Radiobeiträgen und den Artikeln die ich zwischendurch geschrieben habe. Ich merke dann, was mich interessiert und gehe davon aus, dass es Leute gibt, die sich auch dafür interessieren. Wenn man von dem ausgeht, was gerade Thema ist, dann ist man meist sowieso schon zu spät.  

Sie planen also sehr weit voraus! Erschreckt es Sie zu wissen, dass Sie am 22.12.2010 in Krefeld spielen?

Nein! Warum soll mich das erschrecken? Hohe Planungssicherheit ist das, was sich jeder Arbeitnehmer wünscht. Ich finde es eher lustig, dass ich ausgerechnet in meinem Beruf, von dem ich früher dachte, das ist ein Harakiriberuf, mit dem ich möglicherweise überhaupt kein Geld verdiene, jetzt solche Planungssicherheit habe.  

Wenn Sie so viel auf Tour sind, kennen Sie Deutschland in- und auswendig oder eher nicht, weil man von den Städten sowieso nichts sieht?

Ich glaube, ich kenne Deutschland besser als die meisten anderen. (schmunzelt) Ich bin viel mit dem Auto unterwegs, nehme den Flieger oder ich bin mit meiner Crew unterwegs. Ich war früher alleine unterwegs, aber jetzt ist es ein richtig großer Betrieb geworden. Auch diese Leute brauchen Planungssicherheit. Ich würde die Tournee lieber kurzfristig planen, aber das geht halt nicht. So bin ich viel unterwegs und kann auch, glaube ich, gut beurteilen, wo sich etwas verändert.  

Zu dem Album „Tribute to the Fanta 4“ haben Sie den Song „Genug ist Genug“ beigesteuert. Wie kam es dazu?

Ein Song ist übertrieben. (lacht) Die haben mich angesprochen, ob ich das machen würde. Ich kannte die Fantastischen Vier bis dahin gar nicht. Es war aber eigentlich ganz lustig. Ich habe mich gefreut und gedacht: „Das machst du“. Ich habe aber in dem Moment gar nicht gewusst, wie kompliziert das ist. Ich dachte: „Wenn du das schon machst, dann musst du es so machen, wie dein Programm – also alles selber“. Ich habe dann die ganzen Instrumente selbst eingespielt.

Und dann ging es los ins Studio?

Nein nein, ich habe das alles zu Hause in meinem Arbeitszimmer gemacht. Ich habe ein bisschen Radioequipment, mit dem ich meine Radiobeiträge mache. Zuerst habe ich meine Stimme aufgenommen, habe mir dann ein Aufzeichnungsgerät für meine Gitarre geholt und habe die Drumspuren am Computer gemacht. Ich habe alle Instrumente selber eingespielt. 

Sie machen ein Kabarettprogramm, haben Bücher geschrieben, einen Song gemacht. Treibt es Sie auch ins Kino oder ins Theater?

Nein, ins Theater drängt mich gar nichts, weil ich ja Theater mache. Ob ich das im Staatstheater oder auf den Bühnen hier mache, ist mir gleich. Ich mache die Form Theater, die ich liebe. Für Kino und Film habe ich keine große Idee, denn ich bin eher ein wortlastiger Typ. Ich denke nicht in Bildern, und Slapstick mit Sahnetorte im Gesicht ist nicht so mein Ding.  

Wenn man Sie fragen würde eine Rolle zu übernehmen...?

Mich fragt ja komischerweise keiner! Ich würde gern einmal eine Leiche spielen. Ich habe ja wenig Zeit, aber im Wixxer 25 würde ich gern mal eine Wasserleiche spielen, die nur mit der Nase aus dem Wasser guckt.  

Könnten Sie sich vorstellen einmal etwas völlig anderes zu machen?

Ich mach ständig andere Sachen. Mich so in den Biobergbau zurückzuziehen, das ist nicht so meine Sache. Ich reise viel. Ich schreibe Bücher und ich gestalte im nächsten Jahr mit meinen Fotos eine Kunstausstellung in einigen Museen. Ich mache schon jede Menge nebenher und da der Tag nur 24 Stunden hat, geht auch nicht mehr.

Diese Frage stellte ich Ihnen schon im letzten Interview per Mail: Wenn Sie Halle hören, was fällt Ihnen zuerst ein?

Habe ich damals schon Hallorenkugeln gesagt?

Nein, Sie machten einen Kalauer und fragten: Wie groß die Halle ist und wie viele Leute in die Halle hineinpassen.

(lacht) Naja aber auf jeden Fall fallen mir zu Halle diese Hallorenkugeln ein. Erstens weil sie so schrecklich lecker sind und zweitens so unglaublich dick machen.  

Was kennen Sie von der Stadt?

Von Halle kenne ich wenig. In Halle bin ich einmal schön versackt, nachdem wir im Steintor gespielt haben. Ich bin schon an vielen Orten in Halle aufgetreten: im Theater, der Händelhalle und im Steintor. Wir sind tagsüber einmal durch Halle gelaufen und ich finde die Stadt, wie man so schön sagt: „Nicht sonderlich aufregend.“ Aber ich bin immer nur einen Tag dort und schlafe meistens in Leipzig.  

Was ist Ihr nächstes Reiseziel und wie suchen Sie sich diese aus?

Das ist schwer zu sagen. Mich interessieren alle möglichen Ziele, die ein wenig abseits sind, von denen ich die Welt von einem Standpunkt sehen kann, den ich bisher noch nicht hatte. Deswegen fahre ich gern an den „Arsch der Welt“, wie Kap Horn, Indien oder China. Ich würde gern noch einmal nach Indien fahren und eine Tour durch Rajhastan machen. Ebenso möchte ich eine Tour durch Buenos Aires und Argentinien machen, aber ich muss erst mal abwarten, wie ich das zeitlich schaffe.  

Viele Ihrer Programmnamen beinhalten einen Wortwitz auf „Nuhr“. Wieviele Kalauer kennen Sie auf Ihren Namen und sind Sie als Kind deswegen gehänselt worden?

Ich kenne gar nicht so viele Kalauer, denn es ist ja immer derselbe. Als Kind war das gar nicht schwierig, weil ich Hänseleien nicht erlebt habe. Es kommen aber immer viele Besucher an und sagen ich hätte gern „nuhr“ ein Autogramm und lachen sich kaputt. Da muss ich immer ein bisschen gequält gucken, weil ich den Scherz ja schon 150.000 Mal gehört habe.

Aber Ihre Programme bauen darauf auf...

Ja (lacht), aber da mache ich die Kalauer ja selber. Ich denke jedes Mal, dass ich keine anderen Wortkombination mehr finden werde, aber dann kommt doch immer noch eine. Mal sehen, ob mir noch etwas einfällt, ich weiß es nicht...

Herr Nuhr, vielen Dank für das Gespräch!
(Martin Große, Kulturfalter Dezember 2009)