Theater kann drastisch sein

Am 26. September war Charlotte Roche zu Gast in Halle. Sie las im Steintor-Varieté aus ihrem erfolgreichem Roman "Feuchtgebiete". Am Samstag hatte das gleichnamige Stück in der Kulturinsel Premiere. Denn die Theatermacher haben sich sehr schnell nach der Veröffentlichung um die Rechte bemüht. Kulturfalterredakteur Martin Große sprach mit Charlotte Roche über das Buch, wie es kam, dass das Stück in Halle aufgeführt wird und mehr...

Kulturfalter: Wie kam es dazu, dass das neue Theater aus Halle Ihr Buch „Feuchtgebiete“ auf die Bühne bringt?

Charlotte Roche: Das war eine ganz private Angelegenheit. Die Regisseurin kannte mich noch als junger Teenager aus meiner Zeit an den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach. Ich habe in der Kantine gekellnert und sie war damals schon Regisseurin und hat mir einen ganz netten Brief geschrieben, den mir mein Verlag weiterleitete. Es gab einen Haufen Anfragen, aber ich dachte mir, wer so einen netten Brief schreibt, der soll es machen.  

Hätten Sie Probleme gehabt, das Werk in völlig fremde Hände zu geben?

Bei einem Film wäre ich ängstlicher, aber bei Theater ist man ja viel freizügiger und kann mehr machen. Wenn das Stück jetzt total schlecht wird, dann ist es nicht so schlimm für das Buch, weil man mit Theater nicht so viele Menschen erreicht. Und Theater können ja viele machen, einen Film gibt es dann nur einmal und da will ich nicht, dass die Leute sagen: „Der war total schlecht“ oder „Da ist ja alles rausgeschnitten“. Der Film müsste so drastisch sein, dass man über seine eigene Erektion kotzt, aber da muss man erst einmal einen finden, der das macht.  

Gab es also Anfragen für einen Film?

Ja, einige. Aber das dauert noch, (lacht) – so zehn Jahre etwa!  

Wenn man ein Buch liest, hat man ja immer bestimmte Vorstellungen von den Figuren und der Umgebung etc. Haben Sie Angst vor zu starker Verfremdung oder Entschärfung?

Im Theater ist man gewohnt, dass mehr Gas gegeben wird. Theater kann drastisch sein, aber wie sie es umsetzen, weiß ich nicht.  

Sind Sie bei der Bearbeitung dabei?

Überhaupt nicht, die haben ganz normal die Rechte gekauft und so hab ich es in ihre Hände gegeben. Man soll sich ja nicht einmischen, wenn man keine Ahnung hat und deswegen mische ich mich auch nicht ein. Ich hab auch keine Ahnung, ab wieviel Jahren man sich das anschauen kann. Ich weiß es nicht. Ich bin echt gespannt.  

Werden Sie zur Premiere da sein?

Ich weiß noch nicht, ob ich es zeitlich schaffe. Ich habe bei den Terminen gelesen, dass die Premiere einen Tag nach meiner Lesung ist. Aber wenn es in der Spielzeit klappt, würde ich es auf jeden Fall gerne sehen.  

Es gab nach dem Erscheinen viel Kritik, viel Lob und Debatten über den „neuen Feminismus“ – fühlen Sie sich als Feministin oder wird das aus Ihnen gemacht?

Ja, ich werde immer gefragt, ob ich Feministin bin. Ich sage sehr gerne ja. Mein Buch hat viele feministische Grundzüge, zum Beispiel warum man sich als Frau schämt, wenn man aus der Vagina riecht und deswegen hat mein Buch viele befreiende Sachen. Mein Feminismus hat immer etwas mit Sexualität und Freiheit zu tun.  

Was bedeutet denn Feminismus heutzutage?

Das ist ein wenig weit gefasst, denn es gibt viele Dinge. Aber nur zwei Beispiele: Es ging ja auch durch die Medien, dass Frauen immer noch 25 % weniger verdienen als Männer. Warum die Frauen da nicht demonstriert haben, oder zumindest mit ihrem Chef gesprochen haben, ist mir unklar. Oder die Frauen aus Migrantenfamilien, die ein komplettes Schattenleben führen, das ist mir zuwider und das ist nicht gut. Aber man muss auch sagen, dass wir Deutsche auf einem sehr hohen Niveau klagen.  

Halten Sie die deutschen Frauen für verklemmt oder offen?

Meine Familie kommt ja aus England und ich bin auch in England groß geworden. Die Leute dort denken: „Oh Gott, die Deutschen sind so freizügig. Die haben den FKK erfunden und es gehen dort alle nackt in die Sauna“. Das würden die nie machen. Ich denke schon, dass wir offen sind, aber es ist ja immer noch ein Aufreger, wenn man darüber spricht, dass Frauen mastubieren. Es gibt noch viele Tabus, auch in Deutschland.  

War die Zeit reif für das Buch?

(überlegt) Kann ich schwer sagen. Ich habe es erstmal für mich geschrieben. Ich dachte mir, ich schreib mir ein Buch, in dem gut und witzig mit dem Körper umgegangen wird. Durch den Erfolg scheint es, als hätte ich ein Zeitgeistthema getroffen, aber das war eigentlich nicht geplant.  

Können Sie sich noch frei bewegen? Ernten Sie privat auf der Straße komische Blicke etc.?

Es gibt definitiv ein Leben vor dem Buch und eines danach. Es ist ganz anders als zu der Zeit, als ich noch Fernsehen gemacht habe und die Leute mich daher kannten. Ich werde öfter erkannt und viel mehr angesprochen. Aber überwiegend ganz freundlich. Ich weiß zwar auch, dass mich viele hassen, aber die sagen es nicht offen – zum Glück. Aber es ist schon grotesk und viel mehr als früher.  

Wissen Sie etwas über Ihre LeserInnen?

Ja, es sind viel mehr Frauen. Viele Männer mögen es nicht. Aber ein Typ aus meiner Videothek hat mir erzählt, dass ihm seine Freundin immer etwas daraus vorliest, was ihm nicht gefällt.  

Wann darf Ihre Tochter Mamas Buch lesen?

Wenn sie 18 ist. Aber ich glaube, ich habe es nicht in der Hand. Irgendein Idiot wird es ihr in die Hand drücken. Aber vielleicht will sie es gar nicht lesen, weil sie schon so viel gehört hat. Kindern ist es ja schon schrecklich peinlich, wenn die Mutter beim Radiohören mitsingt und da ist das Buch gerade in der Pubertät erst recht peinlich. Wenn sie in der Pubertät ist, muss ich mir etwas einfallen lassen, wie ich da wieder rauskomme, dass es nicht zu schrecklich wird.  

Würden Sie Ihre Tochter mit 13, 14 Jahren beim Freund übernachten lassen?

Natürlich, ich bin selber auch so erzogen wurden. Jugendliche haben früh Sex. Wenn man zu streng ist, dann lädt man sie nur ein, einen zu verarschen. Ich durfte immer bei meinen Freunden übernachten und durfte auch immer Jungs zu Besuch haben.

Frau Roche, vielen Dank für das Gespräch!
(Martin Große, Kulturfalter September 2008)

 

Weitere Infos zu Charlotte Roche