Ich schätze, bei Tageslicht ist Halle eine schöne Stadt

Es war schon dunkel. Draußen regnete es, als Deutschlands Lieblingsrusse Wladimir Kaminer am 24. Oktober 2007 in das Haus des Buches zu einer Lesung stürmte. Der Saal war voll und der Presseandrang groß. Radiojournalisten drängelten sich mit ihren Mikros um den Exil-Moskauer, bevor dieser seine deutschen Kleingartengeschichten zum Besten geben konnte. Kulturfalter wartete ab und sprach mit Kaminer in aller Ruhe nach der Lesung über sein neues Buch und seine Beziehungen zu Halle.

Kulturfalter: Wo war Herr Kaminer gestern?

Wladimir Kaminer: Ich war gestern im Hotel Adlon, bei einer Modenschau von Moet & Chandon, hab nicht gelesen, sondern nur getrunken. Also so richtig High-Fidelity-Leben im Scheinwerferlicht. Nein, ich muss ja meiner Frau die Chance geben die teuren Klamotten auszuführen.  

Sie schreiben in Ihrer Geschichte „Käppchen“ in Ihrem Dschungelbuch über Halle, über Taxifahrer am Bahnhof und darüber, dass Sie Halle an Ihre Jugend in Moskau erinnert. Wie war das Ankommen dieses Mal?

Ich bin relativ spät gekommen und hatte das Gefühl, dass die Stadt noch sauberer, noch frisch gestrichener und noch menschenleerer war als das letzte Mal. Ich hab auf der ganzen Leipziger Straße keinen Menschen gesehen, das war schon sehr traurig. Keine Ahnung, aber ich schätze bei Tageslicht ist Halle eine schöne Stadt.(...überlegt...) Ich war auch schon mal in den 90ern hier. Da hat ein Freund von mir geheiratet, weil er hier im Asylheim war. Die Ehen, die in Halle geschlossen werden, halten, denn sie sind immer noch zusammen.  

Was hat sich seitdem verändert?

An der Rezeption im Hotel, wo ich wohne, meinte die Dame an der Rezeption: „Ach Herr Kaminer, sind Sie kleiner geworden?“ Vielleicht werden die Gäste immer kleiner, je länger man in dem Job arbeitet.  

Was kennen Sie denn aus der Region: Halloren, Halle-Neustadt, Händel oder Rotkäppchen?

Rotkäppchen kenn ich auf jeden Fall. (lachend) Viele meiner Freunde sind Rotkäppchen. Verstehen Sie? Sie trinken es nicht nur, sie sind es!  

Heute ist Ihre Station Halle. Wo geht es morgen hin?

Ich bin wie so oft unterwegs. Morgen geht es zu einer Lesung nach Linz und am Wochenende ist Russendisko in Berlin.  

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kaminer!
(Martin Große, Kulturfalter Oktober 2007)

 

Wladimir Kaminer und ich - nicht jeder kennt Herrn Kaminer

„Wladimir wer? Wladimir Camino?? Wladimir Kaminer ... aha. Und das ist wer?“ Mir wurden entsetzte Blick zugeworfen und die Frage: „Was? Du kennst Wladimir Kaminer nicht?!“. Worte wie „bekannter Autor“, „Russendisko“, „total toll“ kamen mir zugeflogen, doch es half nichts: Ich kannte Wladimir Kaminer nicht. Offenbar eine Bildungslücke, die ich schnell schließen musste. Kolumnist, 1967 in Moskau geboren und später nach Berlin gezogen – das waren Informationen, die ich zwar schnell herausbekommen habe, die aber über einen Menschen nur wenig aussagen. Warum ist er nach Berlin gegangen? Warum ist er scheinbar aller Welt bekannt, nur mir nicht? Und was zur Hölle ist „Russendisko“? Das waren Fragen, die mich weit mehr interessierten. Kaminer, ein Subtilist und präziser Beobachter, wäre ein großer Gewinn für die deutsche Literatur; seine Bücher „feinsinnige Zwerchfellreißer“ (Leserschwert). All das liest man über ihn und seine episodenhaft-komischen Alltagsgeschichten.

Sein erstes Buch „Russendisko“ erschien im Jahr 2000 und war ein voller Erfolg. In kurzen Episoden berichtet er von Kuriositäten des Alltags eines russischen Aussiedlers im Nachwende-Berlin. Es folgten weitere Erfolgsromane wie „Mein deutsches Dschungelbuch“ und „Mein Leben im Schrebergarten“. Schon die Titel verraten, dass seine Bücher autobiografische Züge tragen. Doch was an seinen Geschichten und Erzählungen tatsächlich wahr ist, lässt Kaminer im Dunkeln. Er selbst sagte einmal „…eine richtig süße Lüge ist nicht weniger wertvoll als die Wahrheit“. Er lässt Wahrheit und Erfindung geschickt verschwimmen, sodass es anhand der Bücher schwer ist, die Persönlichkeit des Autors zu entschlüsseln. Doch vielleicht soll man das auch gar nicht, sondern soll einfach nur Spaß am Lesen haben. Doch wer denkt, der Mann wäre mit dem Schreiben genug beschäftigt, der irrt. Nebenher hatte er eine wöchentliche Sendung im Radio und verfasste Texte für verschiedene Zeitungen wie die FAZ oder die taz. Außerdem veranstaltet er regelmäßig eine „echte“ Russendisko und hat bereits angekündigt, im Jahr 2011 für das Amt des regierenden Bürgermeisters zu kandidieren.

Ganz nebenbei ist er auch noch auf Lesetour quer durch Deutschland, bei der am 24. Oktober auch ein Auftritt in Halle vorgesehen ist. Man mag fragen, warum sich Wladimir Kaminer soviel Arbeit macht, obwohl er sich eigentlich schon längst in einer Hängematte im besagten Schrebergarten hätte zurücklehnen können. Vielleicht macht er das alles aus Freude an der Sache selbst. Vielleicht wäre ihm ohne all diesen Rummel langweilig. Vielleicht ist er aber auch einfach nur ein suchender Mensch. Ein Mensch, der nie zufrieden ist mit dem, was er erreicht hat und der immer auf der Suche nach Heimat oder Bestimmung ist. Liest man Interviews mit ihm, so erweckt es zumindest diesen Anschein. Und so steckt hinter seinen komischen, autobiografisch geprägten Büchern doch ein sehr ernster Kern und ein suchender Autor. Einen Vormittag habe ich gebraucht, um all das über Wladimir Kaminer herauszufinden, sodass mir schlussendlich nichts weiter übrig bleibt als seine Lesung im Steintorvarieté zu besuchen. Und danach bin ich diejenige, die entsetzt ruft: „Was? Du kennst Wladimir Kaminer nicht?!“

(Elisa Dziubiel, Kulturfalter September 2007)