Die Geschichte eines Baggerfahrers

Foto: Pandora

Gerhard Gundermann, von Freunden und Fans liebevoll „Gundi“ genannt, steht im Mittelpunkt des neuen Films von Andreas Dresen. Gundermann war das, was man neudeutsch als einen Singer und Songwriter bezeichnen würde. Aber Gundi war dies zu einer Zeit, als man noch von Liedermachern sprach und der Sozialismus politische Realität in den späteren neuen Bundesländern war. Geboren wurde er 1955 in Weimar, seine Jugend und einen Großteil seines Lebens verbrachte er aber im Lausitzer Braunkohlerevier. Von Weggefährten und Freunden wird er als Idealist beschrieben. Er war jemand, der an den Sozialismus glaubte. Folgerichtig war seine Mitgliedschaft in der SED und später auch ein kurzes Intermezzo als IM bei der Stasi. Beide Organisationen warfen ihn aber wieder aus ihren Reihen, wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“. Der Idealist wurde zum Feind, unter anderem weil sich Gundi nicht zurückhalten konnte und einen SED-Oberen fragte, wie es sein kann, dass dieser mit einem Westwagen fährt. Seine idealistische Haltung lebte er auch mit seiner Musik. Damit er diese nicht vermarkten musste, blieb er zeitlebens als Baggerfahrer oder später Tischler dem Arbeitsleben treu. Diese jahrelange Doppelbelastung durch Schichtarbeit und Konzerte forderten schließlich ihren Tribut. Am 21. Juni 1998, im Alter von nur 43 Jahren, starb er in Spreetal bei Hoyerswerda an einer Gehirnblutung.

Die Arbeit als Baggerfahrer im Braunkohletagebau und sein Alltag lieferten Gundi die Ideen für seine Songs und Stücke, die sich oft mit dem Leben der Arbeiter und der „einfachen Menschen“, mit seiner Familie, mit Umweltproblemen und seiner Heimatstadt Hoyerswerda beschäftigten. In der Wendezeit 89/90 mischt er sich aktiv in die Ereignisse des politischen Umbruchs ein. 1992 gründet er seine Band mit dem bewusst provokanten Namen „Seilschaft“, mit der er bis 1998 seine Bandauftritte bestritt und unter anderem als Support bei Konzerten von Bob Dylan und Joan Baez auftrat. Mit der Album-Tournee „Einsame Spitze“ (1992), deren Einspielung die Musiker der Band „Silly“ übernahmen, erreichte Gundermann schlagartig erstmals eine größere Öffentlichkeit. Schlicht „Gundermann“ heißt nun der Film von Andreas Dresen, der mit „Sommer vorm Balkon“, „Als wir träumten“ oder auch „Timm Thaler und das verkaufte Lachen“ zu den derzeit besten deutschen Regisseuren zählt.



Trailer: Gundermann



Ein provozierender Narr und Rebell

Foto: Peter Hartwig

Mehr als zehn Jahre beschäftigte sich Andreas Dresen (Foto) schon mit Gerhard Gundermann. Im Interview spricht er über seinen neuen Film und seine Zusammenarbeit mit Laila Stieler.

Wie sind Sie auf Gerhard Gundermann aufmerksam geworden?

Das war bei Richard Engels Dokumentarfilm „Gundi Gundermann“, den ich 1983 gesehen habe. Er wurde spätabends „versendet“, weil es im Vorfeld so viel Ärger mit ihm gegeben hatte. Da wurden kritische Sachen gesagt, die fürs DDR-Fernsehen sehr ungewöhnlich waren. Von da ab war Gundermanns Name für mich gesetzt. Richard Engels Film ist bis heute ein wunderbares Zeitdokument und eine einzigartige Quelle, um Gundermann in seiner frühen Zeit zu sehen.

Wie haben Sie die Form des Filmes gefunden?

Das ist natürlich vor allem die Leistung von Drehbuchautorin Laila Stieler. Die beiden Zeitebenen standen schnell fest. Die Tatsache also, dass wir, ausgehend von Gundermanns Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit in den Neunzigern, knapp 20 Jahre zurückspringen. Wir wollten darüber erzählen, wie es dazu kam, dass er mit der Staatssicherheit kooperiert und sich moralisch in die Falle laviert hat in einer Zeit, in der auch seine große Liebesgeschichte mit Conny beginnt. „Gundermann“ ist also ein Liebesfilm und ein Film über den Versuch eines Menschen, sich mit dem eigenen Leben, mit Schuld und der eigenen Position in einem untergegangenen Land auseinanderzusetzen. Und dann ist es natürlich ein Film über einen großen Poeten.



Gundermann ist Ihr sechster gemeinsamer Langfilm mit Drehbuchautorin Laila Stieler. Was macht Ihre Chemie aus?

Wir teilen die gleiche Sicht auf die Welt und die Menschen. Auch auf Gundermann, so konnten wir gemeinsam die wesentlichen Entscheidungen treffen. Laila und ich haben einen ähnlichen Humor, was ich sehr wichtig finde. Wir sind offen in Sachen Kritik und anschließend nicht nachtragend. Ich habe mit ihr jemanden an meiner Seite, der mit beeindruckender Geduld, Akribie, Fleiß und einem großen Herz an eine Geschichte herangeht.

Der Film kommt mitten in eine Zeit hinein, in der im Land wieder sehr viel über Ost-Identitäten debattiert wird …

Ich bin sehr vorsichtig mit Begriffen wie Ost-Identität. Und Ostalgie ist mir völlig verhasst. Ich will nicht zurück ins Land DDR, was nicht bedeutet, dass ich die Idee davon sang- und klanglos verabschiedet habe. Gundermann sagt es ja so schön in seinen Bagger-Tagebüchern: „Ich gehöre zu den Verlierern. Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber das Pferd hat nicht gewonnen.“

Gundermann galt einigen Menschen auch als Spinner.

Spinner ist so negativ besetzt. Ich würde ihn eher als Narr bezeichnen. Ein Narr kann Menschen nerven, aber er besitzt ebenso eine große Lebensweisheit und das Vermögen, Situationen jenseits jeglicher Konventionen zu bewerten. Er spiegelt die Welt. Wir zeigen Gundermann gerade in den Siebzigern ein wenig als solchen provozierenden Narren und Rebellen.

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