Die MansFeld-Troligie: MansFeld – Ein archaischer Brauch, der bis heute lebt

Im "MansFeld" beschäftigt sich Regisseur Mario Schneider mit einem uralten Brauch. (Foto: 42film)

Man kann wohl mit Recht behaupten, dass Sachsen-Anhalt eine Filmregion ist. Viele auch internationale Blockbuster wie "Carlos, der Schakal" oder "Black Death" mit Sean Bean wurden in der Region gedreht. Auch Mario Schneider (42film) hat in Sachsen-Anhalt gedreht. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Filmemachern kommt er von hier und hat sich außerdem thematisch der mitteldeutschen Region gewidmet. Schon seine beiden Erstlinge "Helbra" und "Heinz und Fred" lieferten intensive Portraits von Menschen der Region. Mit "MansFeld" aus dem Jahr 2012 hat Mario Schneider jedoch seinen wohl besten Dokumentarfilm abgeliefert. Nicht nur das internationale Dokfest Leipzig prämierte ihn, die Dokumentation über drei kleine Mansfelder Dörfer, die jedes Jahr einen archaischen Brauch feiern, ist auch in weiteren internationalen Wettbewerben vertreten und erhielt das Prädikat „besonders wertvoll“. Wie in seinen beiden Teilen zuvor richtet Mario Schneider den Blick auf Menschen, für die sich weder Politik noch Medien interessieren.

Eine leere, bergab gehende Straße, im Hintergrund ein riesiger schwarzer Berg, Peitschenschläge und auf einmal erkennt man einen etwa neun Jahre alten Jungen, der mit einem langen Seil, befestigt an einem kurzen Stock, auf den Boden schlägt. Es scheint, als wisse er genau, was er tut: das schwere Seil fliegt regelrecht durch die Luft, bis es wieder laut knallen die Erde berührt. So beginnt der beeindruckende Dokumentarfilm von Mario Schneider, der die Geschichten von drei höchst unterschiedlichen Jungen erzählt, die jedoch eine Sache gemeinsam haben: sie verbindet eine Jahrhunderte alte Tradition.

Tom, Paul und Sebastian leben in kleinen Dörfern im Mansfelder Land. Die Gegend ist vom Niedergang des Bergbaus gezeichnet, die Arbeitslosigkeit ist groß und die Natur geprägt von riesigen Schutthalden, die schwarz und trostlos über den Dörfern trohnen. Schneider porträtiert auf eine sehr einfühlsame Weise diese drei Jungen und ihre Familien.

Die wirtschaftlich guten Zeiten sind vergangen und der Zuschauer spürt die unheimliche Schwere, die auf dieser Gegend liegt. Doch trotz der schlechten Zukunftsaussichten und der "Armut" lassen sich die Mansfelder ihre lange, fröhliche Tradition nicht nehmen. Zu Pfingsten feiern sie das "Dreckschweinfest".  Am Pfingstmontag  gibt es im Dorf einen großen Umzug, durch den der Winter vertrieben und der Einzug des Sommer gefeiert wird. Das Spektakel endet am Waldrand, wo die Wiese noch ganz matschig ist vom letzten Schnee. Hier wird der Höhepunkt des Festes zelebriert. Die erwachsenen Männer suhlen sich im Schlamm und werden wieder zu spielenden, sich am Dreck erfreuenden Kindern. Die Hauptrolle jedoch gebührt den Jungen, denn sie stellen den Sommer dar und verjagen die dunklen, schwarzen Gestalten mit ihren Peitschen.

Wichtig dabei sind die Kostüme. Die Jungen tragen weiße Kleidung, geschmückt mit fröhlich bunten Stoffbahnen und Blumenhüten. Die Männer hingegen sind erdfarben und dunkel gekleidet.  Das  Neue, Frische stellt sich über das Alte, indem die Kinder die Oberhand erlangen und die Erwachsenen verscheuchen. Die Bedeutungsschwere dieses archaischen Brauches betont Schneider anhand alter schwarz-weißer Archivaufnahmen aus den 1910-1920er Jahren, die den Film immer wieder unterbrechen und einen Bogen in die Vergangenheit schlagen.

Der aus Helbra stammende Regisseur begleitete die drei Jungs ein Jahr lang auf ihrem Weg zum "Pfingstburschen" und der damit verbundenen Einführung in die Erwachsenenwelt. Voller Gefühl werden die Kinder mit all ihren Ängsten, Hoffnungen und Träumen in den Mittelpunkt gestellt.

Großaufnahmen erzeugen eine besondere Nähe, in einigen Momenten sieht man nur einen der Protagonisten, der von seinen Wünschen, seinem Glauben oder seiner Vorstellung von der Liebe erzählt. Die Intimität, die die Familien zulassen, ist immens, ob beim Schlachten des Schweines oder beim Streit am Abendbrottisch- die Kamera ist dabei. Untermalt wird dieses sehr authentische Stimmungsbild mit sehr passend gewählter Musik. Auszüge aus heiteren Werken Bachs unterstreicht die kindlichen, spielerischen Frequenzen, Strawinskys "Sacre du printemps" verdeutlicht den Einzug des Sommers.


Mario Schneider hat einen Film gedreht, der zum Gewinner des Förderpreis der DEFA-Stiftung auf dem 55. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2012 gewählt wurde, das "Prädikat besonders wertvoll" der deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) erhielt und  beim Internationalen Filmfestival in Bratislava und der 36. Duisburger Filmwoche umjubelt wurde. 
In der Laudatio der DEFA-Stiftung heißt es: "Dank der Neugier des Ethnographen und der Empathie des filmischen Wahrheitssuchers verdichtet Mario Schneider sein Werk zu einem spielerischen Nachdenken über Gott und die Welt, einer philosophischen Reflexion über das Fortwirken der Archaik in der Moderne (...)". Und auch die FBW meint: "Ein beeindruckendes und authentisches Stimmungsbild einer Region in Deutschland. Und gleichzeitig ein berührender Blick auf Kinder, die langsam in die Welt der Erwachsenen hineinfinden."

"MansFeld", von Mario Schneider, 42film GmbH 2012, 98 Minuten, FSK: 6

(Nico Elste, Kulturfalter Mai 2013)

Trailer: MansFeld