Die Maisinsel – Ein Film voller Poesie und Sinnlichkeit

Ein Großvater und seine Enkelin versuchen in "Die Maisinsel" der Natur zu trotzen. (Foto: Neue Visionen)

Im Mai 2015 fand einmal mehr eine Filmpremiere in Halle statt. Während eine solche Nachricht in den letzten Jahren beinahe schon den Rang einer Selbstverständlichkeit erlang – immerhin mauserte sich Halle und die mitteldeutsche Region mit Filmen wie "Wir waren Könige", "Als wir träumten" oder auch "Liebe Mauer" zu einem beliebten Ort für Filmschaffende –, so war die Premiere  von "Die Maisinsel" doch etwas außergewöhnliches. Das vielfach international ausgezeichnete Drama, das es als bester ausländischer Film gar auf die Shortlist für die Oscars schaffte, brachte nämlich nicht nur einen Hauch Hollywood nach Halle.

Mit der Produktionsfirma 42film war zudem eine Kreativschmiede aus der Saalestadt wesentlich an der Umsetzung des Films beteiligt. 42film zeigte schon mit der Trilogie "Mansfeld", aber auch mit Filmprojekten wie "Ich, Tomek" und "Im Dreieck" ihr Gespür für einfühlsame und spannend erzählte Geschichten. Umso verständlicher war, dass Eike Goreczka und Christoph Kukula sich eine Mitarbeit an dem Filmprojekt des georgischen Regisseurs George Ovashvili nicht entgehen lassen wollten.

Ovashvilis zweiter Langfilm – sein Debut "Am anderen Ufer" ist mit über 50 Preisen ausgezeichnet worden –  thematisiert auf eindrucksvolle Weise, den Versuch eine Heimat zu finden, inmitten einer widrigen Welt. Eine im Frühjahr entstandene Insel in der Mitte des georgischen Flusses Engi ist der Ort, wo ein alter Farmer und seine Enkelin diesen Versuch wagen. Zwar ist  das Vorhaben gefährlich, denn die schwimmenden Inseln können jederzeit abtreiben und werden im Herbst durch Überschwemmungen zudem meist zerstört. Doch wagen die Beiden es, dem fruchtbaren Eiland wenigstens eine Maisernte zu entreißen. Zusammen bauen sie eine Hütte und bepflanzen die Insel. Doch ist die Natur nicht die einzige Gefahr für den alten Agba und seine Enkelin Asida. Denn der Fluss trennt nicht nur zwei Landstriche, sondern auch Georgien von der abtrünnigen Region Abchasien.

Die Insel ist das Niemandsland, das von den Soldaten unbeachtet bleibt. Bis Asida eines Tages einen verwundeten Soldaten in ihrem Maisfeld findet. Sie versteckt und pflegt ihn, was die Insel nicht nur ins Visier der Soldaten bringt. Ihr Großvater fürchtet zudem um sein Zuhause und seine Enkelin, die sich zum Soldaten hingezogen fühlt und von einem eigenen Leben zu träumen beginnt. Und während der Herbst immer näher rückt, sich die Natur Stück um Stück die Insel zurückholt, kämpft der alte Mann um seine Ernte, seine Enkelin und seine Heimat.

Mit der Inszenierung, die mit wenigen Dialogen auskommt, dafür jedoch mit eindrücklichen Bildern besticht, gelingt Ovashvili eine poetische Parabel über eine Welt, in der Krieg und die archaische Naturgewalt, das Bedürfnis nach Freiheit, Liebe und einem Zuhause nicht zerstören können.

(Nico Elste, Kulturfalter Mai 2015)