Wollen wir nicht alle Pirat werden? - Eine Stückkritik zu „Monkey Island“

Sein Name ist Guybrush Threepwood, und er ist der berühmteste Pirat der Computerspielgeschichte. (Foto: Kulturreederei)

 

Warum braucht es freie Theater? Ganz einfach, wenn es um verrückte Ideen geht, die mit wenigen Mitteln umgesetzt werden müssen, sind die freien Bühnen einfach unschlagbar. Bestes Beispiel: das neue Theaterstück der Kulturreederei. Da hat sich Regisseur Martin Kreusch einfach mal in den Kopf gesetzt, eines seiner Lieblingscomputerspiele aus Teenagertagen auf die Bühne zu bringen. „Monkey Island“ ist jedoch nicht irgendein Spiel. Es ist eines der berühmtesten Grafikadventure und ein Meilenstein in der Entwicklung von Computerspielen. In den 90er-Jahren flitzte in abertausenden Jugendzimmern auf dem verpixelten Bildschirmen der Antiheld des Spiels, Guybrush Ulysses Threepwood, auf der Karibikinsel Mêlée Island herum, um Pirat zu werden. Die Ataris, Amigas und PC’s liefen heiß, wenn die Spieler ihre Hauptfigur über die Insel von einem Rätsel zum nächsten jagten, Beleidigungsduelle führen und Räume nach brauchbaren Gegenständen durchstöbern ließen. Und wenn am Ende das pixelige Feuerwerk losging, weil sie die Gouverneurin aus den Händen des untoten Piraten LeChuck gerettet hatten, war die Freude groß.

Dieser Klassiker wurde also für das Theater adaptiert. Übrigens nicht zum ersten Mal. Schon im Jahr 2005 gab es eine Bühnenversion. Und zwar an der Hammond High School in Columbia (USA). Seitdem jedoch kam niemand auf die Idee „The Secret of Monkey Island“ auf die Bühne zu bringen. Ach ja doch, in Halle. Doch wie würde dieses Spiel umgesetzt werden? Der Anspruch an die Inszenierung ist ja von vornherein durch die grafischen Eindrücke, die karibische Szenerie und das Aussehen der Figuren bestimmt. Und bleibt die Slapstick, die Ironie und das Antiheldentum eines hochtoupierten Guybrush Threepwood erhalten?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Theaterbesucher ab den ersten Minuten nicht mehr. Denn wenn Martin Sommer als Guybrush die Bühne betritt, meint man tatsächlich die naiv trottelige Figur in persona vor sich zu haben. Mit sichtlicher Freude an diesem Charakter spielt Sommer den Piratenanwärter, der von Szene zu Szene mehr zum Piraten mutiert, ohne seine unbeholfene Liebenswürdigkeit zu verlieren. Um die verschiedenen und schnell wechselnden Szenerien umzusetzen, nutzen die Macher eine Drehbühne. Und wenn Drehmeister Frankie (als Pirat verkleidet) an einem Seil die Bühne weiter dreht, erklingen vom Piano die altbekannten Melodien aus dem Spiel. Eine Hintergrundstimme erledigt kleine Informationen wie Abkürzungen in der Geschichte oder Hinweise für die Zuschauer.

Im ersten Teil nimmt sich das Stück viel Zeit, der Originalgeschichte zu folgen. Guybrush, der ja Pirat werden will, sucht nach einem Hinweis die Scumm-Bar auf. Wie im Spiel bewegen sich hier alle Figuren iterativ. Und erst als Guybrush den richtigen Piraten nach der Geschichte von LeChuck fragt, geht es weiter. Wo im Computerspiel einfach die Programmierkunst an ihr Ende gekommen war, erhalten die sich immer wiederholenden Lacher und Bewegungen der Figuren im Bühnenstück einen eigenen Witz. Nachdem Guybrush von den Anführern der Piraten drei Aufgaben erhalten hat, beginnt das Rätsellösen, und Einsammeln von wichtigen Gegenständen.

Alle Figuren, auf die Guybrush trifft – ob die Fettucini Brothers, den Koch, die Schwertmeisterin, die Voodoo-Lady, LeChuck oder auch den Schiffsverkäufer Stan – sie alle sind mit liebevoll geschneiderten Kostümen ausgestattet und wunderbar besetzt. Tillmann Meyer muss dabei wohl die größte Herausforderung meistern. Nicht nur, dass er zwischen dem bitterbösen Geisterpiraten LeChuck und dem doch sehr zurückgebliebenen Meathook schauspielerisch changieren muss, das alles muss er auch noch verdammt schnell machen, denn ein Szenenwechsel jagt den Nächsten. Auch Katha Hoffmann als Troll, Skelett Bob und vor allem als Affe lässt das Publikum häufig grinsen. So richtig in Schwung kommen die Lachmuskeln jedoch bei Stephan Werschke. Den Schiffbrüchigen Alten, Herman Toothrot, der auf Monkey Island in einem Zwist mit den einheimischen Kannibalen liegt, verkörpert er so komisch, dass das Publikum schon zu kichern beginnt, wenn er nur die Bühne betritt. Überhaupt merkt man allen Schauspielern den Spaß am Spiel förmlich an. Da macht auch der einzige Amateurschauspieler eine gute Figur.

Der Kulturreederei ist mit „Monkey Island“ ein unterhaltsames und kurzweiliges Bühnenstück gelungen, das mit wenigen Mitteln Großes schafft: Nämlich die Freude im Publikum wieder wach zu rufen, die es vor mehr als 20 Jahren verspürte, als es mit kindlichem Eifer und voller Abenteuerdrang Pirat werden wollte.

(Dr. Nico Elste, Kulturfalter, Oktober 2014)