Klassifikationen zwischen den Kulturen

Als der später weithin bekannte Psychiater Emil Kraepelin im Alter von 30 Jahren an die Universität Dorpat/Tartu berufen wurde, ließ er sich vermutlich wenig auf die multikulturelle Situation ein, die er dort vorfand. Wie viele akademische Zeitgenossen sah er die damals noch deutschsprachige Universität im Baltikum, eine der bedeutendsten im Russischen Reich, als eine Art Exil bzw. Durchgangsstation für die Karriere an, auf die er innerhalb des Deutschen Reiches hoffte. Sein Forschungsprogramm für die aufstrebende Disziplin Psychiatrie brachte der Autor des Compendiums, das in zahlreichen folgenden Auflagen zu einem mehrbändigen und einflussreichen Lehrbuch anwachsen sollte, bereits mit. Doch fand er an seiner neuen Wirkungsstätte nicht nur eine komplizierte (universitäts-) politische Situation inmitten schwieriger Aushandlungsprozesse zwischen den verschiedenen kulturellen Gruppen vor, sondern auch Studenten aus vielen Regionen und mit unterschiedlichen Muttersprachen, die sich auf die gültige Unterrichtssprache einlassen mussten. Zudem übernahm er eine kurz zuvor gegründete psychiatrische Universitätsklinik, in der alle Bevölkerungsgruppen vertreten waren – mit denen er sich teils nur rudimentär verständigen konnte. Doch wie verschafften sich die Patientinnen und Patienten unterschiedlicher Sprachgruppen in dem Kosmos der meist von deutschsprachigen Chefärzten geleiteten Universitätskliniken Gehör – gerade in der Psychiatrie, dieser auf Sprache besonders angewiesenen Disziplin? Welche Übersetzungsprozesse wurden von wem im therapeutischen Alltag geleistet, und welche Auswirkungen hatte die partielle Sprachlosigkeit auf die klinische Forschung? Welche Chancen ergaben sich gerade aufgrund der Mehrsprachigkeit in einer „contact zone“ zwischen Westeuropa und Russland für die psychiatrische Wissenschaft und Praxis? Auf diese Fragen soll der Vortrag auf der Basis teils neu erschlossener Quellen erste, vorläufige Antworten geben.

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07.03.2017: 18.00 bis 19.30 Uhr

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