Wie in Japan: Zen-Meditation in Halle

Mediation (Foto:John Gillespie, Flickr)

Tibetanische Gebetsfahnen, traditionelle Steingärten und buddhistische Statuen – am nördlichen Stadtrand von Halle befindet sich der Wolkentor-Tempel (ehemals als Drachengeist-Tempel bekannt). Leiter und Zen-Meister Dirk Künne hat vor 15 Jahren eine alte Textilmanufaktur in ein waschechtes Stück japanische Kultur verwandelt. Hier widmet er sich nicht den religiösen Aspekten des Zen, sondern lehrt auf praxisorientierte Weise die Tradition des sogenannten "Rinzai", der zweitgrößten japanischen Zen-Schule, zur Anwendung in einem stressigen und schnelllebigen Alltag. Das Angebot des Tempels umfasst Kurzbesuche, mehrtägige Seminare und Langzeitschulungen für Meditationsformen wie der Gehmeditation "Kinhin" und Klosterpraktiken wie das "Ein-Herz-werden" ("Sesshin"). Darüber hinaus gibt es Einzel- und Teamcoachings sowie Vortragsreihen und Orientierungstage für Interessierte.

Das ummauerte Gelände ist für Mitglieder täglich geöffnet und umfasst Gemeinschaftsräume, überdachte Terrassen, ein Außengelände mit dem typischen Zen-Garten und einen sogenannten "Raum der Stille" ("Zendo"), eine 30 Quadratmeter große Meditationshalle. Einen echten Tempelaufenthalt kann man in einem der zahlreichen Apartments erleben, denn das Wolkentor dient auch als Selbstversorgungs-Pension. Wem das noch nicht authentisch genug ist, der begibt sich mit dem Tempeloberhaupt persönlich auf eine 3-wöchige Kleinbus-Tour durch den Himalaya – zu den Ursprüngen des Buddhismus. Einen aufschlussreichen Zeitungsartikel über den Tempel gibt es hier.



Eins mit der Erde: Prinzipien der Zen-Meditation

Zen stammt ursprünglich aus dem Buddhismus und hat eine lange Geschichte von 2.600 Jahren hinter sich. In Indien entstanden, entwickelte es sich über 85 Generationen weiter, spaltete sich in verschiedene Strömungen auf und verbreitete sich über China nach Japan und von dort in den Westen, bis es in den 70er-Jahren nach Deutschland kam. Die Stadt Halle hat hierbei eine besondere Bedeutung: 1912 gründete hier der ortsansässige Arzt Wolfgang Bohn eine Zen-Gemeinde und baute das erste buddhistische Haus Deutschlands.

Ohne allzu esoterisch zu klingen, fällt es schwer, den Sinn, die Methodik und die Prinzipien der Meditationstechniken des Zen zu erklären. Am ehesten sind sie mit dem modernen und alltagstauglicheren "Achtsamkeitstraining" gleichzusetzen. Bei beiden besteht das Ziel darin, mit der Wahrnehmung und den Gedanken im Hier und Jetzt zu sein, von Augenblick zu Augenblick zu leben und die Gegenwart objektiv zu erfahren. Dies bedeutet die gleichzeitige Loslösung von überinterpretierenden Denkmustern, alteingesessenen Konzepten und damit verknüpften Sorgen und Ängsten. Im Alltag kann Zen-Meditation dem Abbau von Stress, der Bewältigung persönlicher Krisen und der Schöpfung neuer Kraft dienen. Zen meint dementsprechend eine "Erdung" im wahrsten Sinne des Wortes: Sich wieder mit der Natur und der Erde eins zu fühlen.



Im Hier und Jetzt: Meditationstechniken des Zen

Die Kernmethode der Zen-Meditation ist das sogenannte "Zazen" ("Sitzen in der Stille"), das auch den hauptsächlichen Lerninhalt im Wolkentor-Tempel darstellt. Hierfür wird eine reizfreie und stabile Sitzposition eingenommen, etwa auf den Fersen, in einem Stuhl oder in der Lotushaltung. Bewusste Atemübungen, deren Auswirkung auf das körperliche Wohlbefinden schon lange medizinisch begründet ist, stehen im Mittelpunkt dieser Übung. Was einfach klingen mag, benötigt in der Praxis viel Geduld und Training. Wie bei allen Zen-Meditationsformen geht es dabei immer um das Praktizieren von Achtsamkeit. 

So zum Beispiel bei der Zeremonie des "Kodo" ("Weg der Räucherdüfte"): Alleine oder in Gesellschaft werden Räucherwaren entzündet, deren Duft bewusst wahrgenommen werden soll. Unter Verwendung des Geruchssinns wird dabei ein meditativer Zustand angestrebt. Begünstigt wird der Achtsamkeitseffekt durch Riechessenzen aus natürlichen Rohstoffen, deren Odeur eher zurückhaltend ist, so wie es auch bei modernen Duftkreationen der japanischen Parfümindustrie (zum Beispiel von Modeschöpfer Issey Miyake) der Fall ist. Bekannter dürfte wohl die Zen-Gartenkunst sein, bei der ein Zustand der inneren Ruhe durch körperliche Arbeit erreicht wird. Darüber hinaus gibt es noch viele andere Zen-Wege (bekannt als "Do"), etwa die typisch japanische Teezeremonie ("Sado"), die Blumensteck-Kunst ("Ikebana") und natürlich die Kalligraphie ("Shodo").

Für alle Interessierten gibt es neben dem Wolkentor-Tempel übrigens auch noch weitere Zen-Zentren in der Region.

 

(Bildrechte: Flickr Meditation in Tokyo John Gillespie CC BY-SA 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten)