Wer war dieser Luther?

Heimo Schwilk beschrieb in seinem Werk "Luther - Der Zorn des Gottes" das Leben Martin Luthers. (Foto: Hans-Christian Plambeck)

Der Mai steht ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums und der Kirchentage auf dem Weg. Zahlreiche Veranstaltungen sind dem Leben und Wirken des großen Reformators Martin Luther gewidmet. Wir fragten uns: „Wer war eigentlich dieser Luther“. Für die Beantwortung dieser Frage sprachen wir mit Autoren, die sich intensiv mit Luther auseinandergesetzt und Bücher über ihn geschrieben haben. So zum Beispiel die Zwillingsschwestern Dr. Claudia und Nadja Beinert, die auf der Leipziger Buchmesse ihren Roman „Die Mutter des Satans“ vorstellten. Dieser widmet sich Luthers Mutter und seiner Kindheit. Ebenso sprachen wir mit Heimo Schwilk. Psychologisch einfühlsam zeichnet er in seiner Biografie „Luther – Der Zorn Gottes“ ein einzigartiges Bild des Reformators. Also, wer war dieser Luther?

Kulturfalter: Wie würden Sie Luthers Kindheit beschreiben?

Nadja Beinert: Er wurde mit der Rute gezüchtigt und sollte seinen Eltern gegenüber unbedingten Gehorsam leisten. Das war typisch für die Zeit. Wir denken, er fand sozialen Halt in der Familie und bei anderen Kindern in der Bergbaustadt Mansfeld. Martin war kein Einzelgänger und sehr wissbegierig.
Heimo Schwilk: Martin Luther wuchs in einem relativ wohlhabenden Elternhaus auf, sein Vater war erfolgreich als Bergwerksbetreiber im Mansfeldischen. Hans Luder führte ein strenges Regiment und verprügelte seinen Sohn wegen geringer Anlässe. Er erwartete von ihm eine Karriere als Jurist und war tief enttäuscht, als Martin sich entschied, ins Erfurter Bettelkloster der Augustiner zu gehen. Das machte die Beziehung der beiden auf lange Zeit sehr schwierig.

Was war sein innerer Antrieb im Leben?

Nadja Beinert: Martin wollte wissen, was der Mensch tun müsse, damit er in den Himmel gelange. Wie man also Gottes Zorn von sich nehmen und ihn für sich erbarmen kann. Diese Frage trieb ihn an und ins Kloster. Als Antwort fand er den gütigen Gott, der jeden in seine Arme nimmt, der nur an ihn glaubt. Wie Paulus im Römerbrief schrieb: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“.
Heimo Schwilk: Luther war sehr ehrgeizig und eckte damit bei Freunden, Studiengenossen und Lehrern an. Er war aber auch ein äußerst ernsthafter Mensch, der sich seinen persönlichen Glauben mit Leidenschaft erkämpfte. Dass er als Theologe die sogenannte „Werkgerechtigkeit“ verwarf, also die guten Werke, um Gott zu gefallen, hat mit diesem Ehrgeiz zu tun, der ihn immer weiter von Gott entfernte. Als er erkannte, dass man die Gnade der Rechtfertigung und Erlösung von Gott geschenkt bekommt, sie also nicht willentlich herbeizwingen kann, war das eine große Glückserfahrung.



Nadja Beinert, hier rechts im Bild, kennt sich durch die Arbeit am ihrem neuesten Roman mit ihrer Zwillingsschwester mit Martin Luthers Leben aus. (Foto: Ritchie Stock)

Gibt es ein Ereignis, das sein Leben besonders prägte?

Nadja Beinert: Unter Historikern ist nach wie vor umstritten, wann in Luther die sogenannte „reformatorische Erkenntnis“ ausbrach. Wahrscheinlich im Rahmen der Römerbrief-Vorlesung, die er an der Universität in Wittenberg hielt. Das war um 1515/1516, und er war begeistert von Paulus'schon oben genannten Satz: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.“ Neben den glaubensbezogenen Ereignissen gab es gewiss persönliche Momente, Eltern- und Geschwisterliebe, die ihn geprägt und ihm seinen starken Weg erst ermöglicht haben. Genau davon handelt auch unser Roman „Die Mutter des Satans“ – von der Prägung Martin Luthers durch seine Eltern.
Heimo Schwilk: Das Ereignis, das ihn besonders prägte, war sein Gelübde während eines Gewitters in Stotternheim bei Erfurt, als er in seiner Todesangst versprach, ins Kloster einzutreten.

Was für ein Mensch war Luther: Wenn Sie seine drei prägnantesten Eigenschaften nennen müssten, welche wären das?

Nadja Beinert: Auf jeden Fall zeichnet ihn Mut aus, und er stand für seine Sache ein, wie die Mansfelder Bergleute es von jeher unter Tage taten. Wenn Wetter den Berg bedrohten, gab es kein „vielleicht“. Martin glaubte an die Liebe, vor allem an die Liebe von Gott. Der Gott, den er sah, war nicht streng und unbarmherzig, sondern liebevoll. Dass er das Liebevolle in Gott überhaupt sehen konnte, war nicht zuletzt eine Leistung seiner Mutter, die ihm Liebe und Urvertrauen schenkte. Wer, wenn nicht der, der sie am eigenen Leib erfährt, kann sie in anderen und in Gott erkennen. Martin war intelligent und ein Genie im Umgang mit den Medien. Er nutzte den Buchdruck, Flugblätter, die Cranach’sche Porträtmalerei und öffentliche Debatten (durch seinen ganz eigenen Diskussionsstil) für seine Zwecke. Für die Verbreitung seiner Lehre und zur Herabsetzung seiner Gegner.
Heimo Schwilk: Seine prägnantesten Eigenschaften waren Ehrgeiz, Mut und Treue zu sich selbst und seiner Sache, letztlich Gottvertrauen.

Frau Beinert, Herr Schwilk, vielen Dank für das Interview.

Am 27.10. um 19.30 Uhr kann man Claudia und Nadja Beinert im Englischen Saal in den Frankeschen Stiftungen bei einer Lesung erleben. Auch Heimo Schwilk liest oft in Halle, zuletzt während der Reihe „Halle liest“. Die nächsten Termine stehen noch nicht fest. Nicht weit weg ist aber die Stadtbibliothek Torgau, in der Schwilk am 27.5. lesen wird.