Der ARD-Korrespondent Thomas Aders hat seine journalistischen Erlebnisse in einem Buch festgehalten

ARD-Korrespondent Thomas Aders bei seiner Arbeit. (Foto: Verlag Hoffmann und Campe)

Thomas Aders, Jahrgang 1961, ist promovierter Historiker und Journalist. Für die ARD hat er sechs Jahre als Korrespondent in Südamerika gearbeitet, seit 2012 ist er ARD-Sonderkorrespondent für die arabische Welt mit Sitz in Kairo. Auf der Leipziger Buchmesse stellte er sein neues Buch vor: „Allah ist groß, die Hoffnung klein“. In diesem Buch, das bei Hoffmann&Campe erschienen ist, erzählt er sehr persönliche Geschichten, etwa aus dem Irak, Syrien, Ägypten und Saudi-Arabien. Es sind Geschichten, die so unglaublich oder bewegend sind, dass man sie in einem Fernsehbeitrag nicht erzählen kann. Thomas Aders zeigt dem Leser so eine Welt, die hinter der Flut aus schrecklichen Nachrichten verborgen ist und in der es doch auch Anlass zu Hoffnung gibt. Oder nicht? Kulturfalter-Redakteur Martin Große sprach mit dem Journalisten und Autor.

Kulturfalter: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihr Buch zu schreiben?

Thomas Aders: Ich habe in den letzten Jahren im Rahmen meiner Tätigkeit viele unglaubliche Geschichten erlebt und extreme Dinge gesehen. Über viele dieser Begegnungen habe ich Fernsehbeiträge gemacht, doch für einige von ihnen war die normale Beitragslänge von 1:30 Min, 2:30 Min oder 6:30 Min einfach zu kurz oder die Geschichten zu dramatisch.  Ich war außerdem nicht in der Lage, das Erlebte zu vergessen oder zu verarbeiten. Also habe ich die Geschichten einfach niedergeschrieben. Daraus ist dann das Buch entstanden.

Haben Sie sich nach den Dreharbeiten oder später zu den Erlebnissen Notizen gemacht, mit dem Vorsatz daraus etwas zu schreiben?

Nein, die Schicksale und ihre Geschichten waren in mir drin und mussten raus. Manchmal habe ich mir auch noch das Rohfilmmaterial angeschaut oder habe die Hintergrundinformationen zu den Beiträgen gelesen. Aber meistens musste ich mir nur einige Namen und Details wieder ins Gedächtnis rufen. Die Erlebnisse selbst waren so präsent, dass ich das alles einfach so niederschreiben konnte.

Wie nahe gehen Ihnen die Schicksale der Menschen?

Diese Begegnungen gingen mir sehr nahe, davon handelt dieses Buch. Es war zum Beispiel unheimlich und beängstigend, mit einem der Folterer von Saddam Hussein zu sprechen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn du weißt, dass das Gegenüber tausendfach gemordet hat oder dass im Nebenzimmer Menschen mithilfe einer Kneifzange die Zunge herausgeschnitten wurde. Ebenso war ich beispielsweise im irakischen Kurdistan. Ich saß mit in den Hubschraubern, die den kurdischen Peschmerga Waffen gebracht haben und Flüchtlinge aus dem Sindschar-Gebirge gerettet haben. Ich war selten so kurz davor zu weinen, wie bei den Erzählungen der Frauen, die vom IS verschleppt und vergewaltigt worden waren.

Gibt es in den von Ihnen durchreisten Gebieten auch normales Leben? Im Fernsehen sieht man ja immer nur Krieg und Zerstörung.

Das ist in jedem Land unterschiedlich. In Ägypten gibt es zum Beispiel jede Menge normales Leben. Da explodiert zwar mal eine Bombe, aber davon wird das öffentliche Leben nicht lahmgelegt. Selbst in Syrien, genauer in Damaskus, erkämpfen sich die Leute ihren Alltag. Ich sprach einmal mit einem Familienvater, der meinte: "Was sollen wir denn machen? Wir dachten, es gibt jetzt ein Jahr Bürgerkrieg und dann ist alles vorbei. Aber nun sind es schon vier Jahre. Wir können doch nicht den ganzen Tag in der Wohnung hocken! Wir müssen raus auf den Markt und die Kinder zur Schule". Die Menschen wollen leben, heiraten, feiern und essen. Das Leben geht trotz des Kriegs weiter. Es wird zwar in vielen Regionen immer schwieriger, aber die Bewohner kämpfen überall um ein Stückchen Alltag.

Stehen Sie noch in Kontakt zu Ihren Begleitern vor Ort?

Wir arbeiten meistens über einen langen Zeitraum mit denselben Mitarbeitern zusammen. In Bagdad zum Beispiel haben wir ein eigenes Team mit Kameramann, Producer und Fahrer. Die arbeiten seit 14 Jahren mit uns zusammen – also bereits vor dem Irakkrieg. Diese Menschen sind die wichtigsten Leute, wenn man sich in einem Krisengebiet aufhält, denn von denen hängt dein Leben ab. Sie recherchieren, ob die Wege, die man fährt, sicher sind, holen Informationen ein und stellen Kontakte her. Wenn man diesen nicht vertraut, dann ist man verloren. Ich bin bis heute regelmäßig mit ihnen in Kontakt, speziell dann, wenn wir wieder eine Reportage produzieren.

Welches war die brenzligste Situation, in der Sie waren?

Eine der brenzligsten Situationen habe ich in Brasilien erlebt, auf einem Nebenfluss des Amazonas. Wir wollten eine Geschichte über die Pororoca machen. (Anm. der Red.: Pororoca – eine bis zu fünf Meter hohe Gezeitenwelle, die mit der einsetzenden Flut vom Atlantik her den Río Araguari dutzende Kilometer hinauf rollt) Es ging um drei Surfer, die versuchten, den Guinessbuch-Rekord zu brechen. Dabei ist unser Boot von der ersten, 50 Stundenkilometer schnellen Welle überrollt worden, genau in der Mitte des Flusses. Dieser war an dieser Stelle vier Kilometer breit und wir waren genau auf der Hälfte, als die circa vier bis fünf  Meter hohen Wellen kamen. Das Problem war, dass es nicht nur eine Welle, sondern 60 bis 80 Wellen waren. Da hatte ich mit dem Leben abgeschlossen.

Ebenso gefährlich war eine Situation in Bolivien. Wir haben eine Reportage über Lynchmorde gedreht. Präsident Evo Morales hatte dort verfügt, dass die indigene Rechtsprechung neben der staatlichen anerkannt wurde. Das haben aber einige Menschen falsch verstanden. Wir hörten von Steinigungen und Morden, waren aber nie selbst vor Ort, wenn so etwas passierte. Dann bekamen wir einen Anruf und fuhren nach El Alto, oberhalb von La Paz. Wir drehten, als die Polizei die beiden vermeintlichen Diebe und Beinahe-Opfer aus der Gefahrenzone heraus in eine Sicherheitszone geführt wurden. Dann suchte sich der Mob, ca. 1000 Leute, ein neues Opfer - und das waren wir! Da sind wir buchstäblich um unser Leben gerannt, rechts und links flogen die Steine, mit denen man uns treffen wollte. Mit Kamera und Equipment haben wir es gerade so geschafft, auf die ebenfalls flüchtenden Polizeiautos zu springen. Die Polizisten meinten später: „Wenn einer von euch gestolpert wäre, wäre das sein Tod gewesen. Wir hätten nichts machen können!“ Das war eine Sache von 20 Sekunden.

Haben Sie Angst, eventuellen Fanatikern mit dem Buch auf die Füße zu treten? Sprich Zielscheibe zu werden?

Das sind wir durch unsere Arbeit sowieso schon. Fanatiker interessieren sich auch gar nicht, was wir im Detail sagen. Wir sind westliche Medien, Ungläubige und damit Feinde. Daran ändert so ein Buch auch nichts mehr. Wenn wir denen in die Hände fallen, dann war es das. Und deshalb bemühen wir uns so intensiv, dass das nicht geschieht.

In Ihrem Buchtitel heißt es „die Hoffnung ist klein“. Was ist damit gemeint – die Hoffnung der Menschen oder Hoffnung allgemein, oder, dass sich die Situation verbessern könnte?

Das ist zum einen natürlich ein Sprachspiel. „Allah ist groß“, den Satz hören wir tagtäglich ein Dutzend Mal. Es ist ein Zitat, das eigentlich den Kern des Koran bildet, von den Fanatikern aber böswillig pervertiert wird. Man hört den Spruch jedes Mal, wenn die Islamisten eine Granate abfeuern, einen Wagen in die Luft sprengen oder einem Ungläubigen den Kopf abschneiden. Auf der anderen Seite sind es eben die Menschen, die darunter leiden. Egal in welchen Ländern ich war, es wurde über die Jahre nur noch schlimmer. Kurzum: Die Menschen leiden und die Hoffnung schwindet.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit Ihrem Buch – Verständnis zu fördern?

Das würde mich sehr freuen, wenn ich mit dem Buch einige Hintergründe erläutern und bei den Lesern ein bisschen Verständnis für die Menschen in der Region wecken könnte. Ich würde mich freuen, wenn bei den Lesern etwas hängen bleibt. Dadurch, dass ich die Umstände auf die einzelnen Familien, Personen und Schicksale herunterbreche, sind meine Erlebnisse auch persönlicher als ein analytisches Sachbuch. Wenn ich damit bei den Lesern etwas bewegen könnte, wäre das großartig.

Gibt es Momente, die Sie erlebt haben, die Ihnen Hoffnungen machen, dass sich etwas verändern könnte?

Ich mag diese Gegend. Die Menschen, die in der Region leben, beispielsweise die Syrer und Iraker, sind so unglaublich gastfreundlich, dass man es fast nicht begreifen kann. Auf der anderen Seite leiden sie unter den brutalen Zuständen und Strukturen. Es wird alles immer schlimmer. Wenn der Westen und die arabischen Staaten den IS besiegen und sich dann im Guten arrangieren, dann könnte das eine wunderbare Ecke der Welt sein. Aber ich glaube, das werden wir in der näheren Zukunft vorerst nicht mehr erleben.

Für viele Menschen sind die Konflikte der arabischen Welt weit weg, und doch beeinflussen sie einen. Kann man selber überhaupt irgendeinen Beitrag leisten, um etwas zu ändern? Spenden vielleicht?

Direkt etwas zu bewirken ist schwierig. Die Arbeit der NGO`s zu unterstützen ist sicherlich nützlich. Ändern sollte man aber vielleicht auch die eigene Lebenswirklichkeit. Der Islam gehört zu unserem Leben in Europa längst dazu. Man darf ihn und die friedlichen Muslime in unserer Nachbarschaft nicht ausgrenzen, denn das liefert den Islamisten ihre schärfsten Argumente.

Wie schwer ist das Zurückkommen in unsere Welt nach so einer Reise?

Ich komme gerade aus Abu Dhabi. Vorher war ich in Jordanien und haben einen Beitrag über den Zulauf des IS gemacht. Extremisten haben uns mit dem Tode bedroht, wir wurden aus der Stadt vertrieben. Das ist alles normal, damit rechnet man. Dann waren wir in Kairo, haben die Beiträge fertig gemacht und rund um die Uhr gearbeitet. Das ist alles mittlerweile recht normal für uns, so etwas erleben wir nicht selten. Doch dann komme ich hier in Leipzig an und neben mir steht ein kleiner Mann in Lederjacke am Gepäckband, blonde Haare, dunkle Sonnenbrille. Es war kein Geringerer als Heino. Ich kann Ihnen sagen: Das war ein Kulturschock! (lacht)

Hat Ihre Arbeit Ihren Blick auf die westliche Welt und Ihre Werte verändert?

Ja, schon. Ich halte es für grotesk, dass Amerika diesen Irakkrieg begonnen hat – ohne einen Beweis für das Vorhandensein von Massenvernichtungswaffen in der Hand von Saddam Hussein, mit Soldaten die keine Ahnung von irgendetwas hatten, was mit dem Land zu tun hat. Sie hatten keine Ahnung von der Kultur, der Religion, den Menschen oder der Sprache. Ich habe mit einem GI gesprochen, der hielt die fünf Gebete und die Rufe des Muezzins für eine Disko. Wenn man dieses Unwissen mal hochrechnet, dann wird einem schwindelig. Was nützt einem eine Hightecharmee, wenn am Abzug nur Dumpfbacken sitzen?

Wird es ein weiteres Buch geben?

Ich hoffe ja!

Herr Aders, vielen Dank für das Gespräch.

 

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