Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Die hallesche Jungschauspielerin Saskia Rosendahl in ihrer Rolle als Lore (Foto: Pifflmedien)

Saskia Rosendahl wurde 1993 in Halle geboren, ging hier zur Schule und machte am Opernhaus in Halle ihre ersten schauspielerischen Erfahrungen. In dem Film „Lore“ von der australischen Regisseurin Cate Shortland, der am 1. November 2012 in die Kinos kam, spielt sie die weibliche Hauptrolle – die fünfzehnjährige Lore. Schon bevor er in die Kinos kam, wurde der Film mit Auszeichnungen überhäuft. Unter anderem bekam er den Publikumspreis Piazza Grande auf dem Locarno Film Festival im gleichen Jahr. Kulturfalterredakteur Martin Große sprach mit der Nachwuchsschauspielerin.

Kulturfalter: Wie bist du zur Schauspielerei gekommen?

Saskia Rosendahl: Ich tanze seit meinem dritten Lebensjahr. Ich war seit vielen Jahren im halleschen Opernhaus im Kinderballett. Die Tochter von meiner Ballettlehrerin, Karoline Teska, ist Schauspielerin. Dadurch, dass es beim Kinderballett mehr darauf ankommt Geschichten zu erzählen als gutes klassisches Ballett zu tanzen, war der Draht zum Schauspiel in meiner Umgebung gegeben. Ich habe mich dann erkundigt und erfahren, dass es für Schauspieler Agenturen gibt, und habe mich bei Rietz Management beworben und es hat glücklicherweise geklappt. Dann bekommt man Angebote zum Casting und da habe ich einfach Glück gehabt und war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Du hast also gar keine schauspielerische Ausbildung?

Naja, nicht im klassischen Sinne. Ich habe drei Jahre beim Improvisationstheater Kaltstart Theater gespielt und habe an einem Performance Art Workshop von Marcel Sparmann in Weimar teilgenommen.

In welchen Stücken konnte man dich in Halle denn schon sehen?

Ich habe in Dornröschen mitgespielt, aber da war ich noch ganz klein. Dann kamen der Nußknacker, Schneewittchen und Peter und der Wolf. Es waren eben die ganzen Kindermärchen.

Wie bist du zu der Rolle der Lore gekommen?

Ich habe zuerst ein E-Casting gemacht. Das heißt, dass man zu Hause vor der Kamera den Text spielt, den man von der Agentur bekommen hat. Dieses geht dann an die beteiligten Caster. Ich wurde daraufhin von meiner Agentur zusammen mit circa 50 anderen Mädchen eingeladen. Das war ungefähr zwei Wochen vor Drehbeginn. Zu dem Zeitpunkt waren alle anderen Rollen schon gecastet und nur die Lore fehlte noch. Nach dem Casting in der Agentur blieben fünf Kandidatinnen übrig und aus diesen wurde ich gewählt.

Wie lange dauerten die Dreharbeiten? Fanden die Dreharbeiten während der Schulzeit statt?

Ich war damals in der 11. Klasse. Die Dreharbeiten begannen in den letzten zwei Wochen des Schuljahres. Diese sind sowieso voll mit Projektwochen. Da habe ich nicht viel verpasst. Dann ging es die ganzen sechs Wochen durch die Ferien bis in die ersten beiden Wochen des neuen Schuljahres hinein. Es war schon so gelegt, dass man nicht zu viel verpasst. Die Filmemacher wussten ja, dass sie mit Schulkindern drehen.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Ich bin erst kurz vor Drehbeginn zum Team gekommen. Deswegen hatte ich nicht viel Vorbereitungszeit. Das war nicht so schlimm. Es war meine erste Rolle und ich hätte gar nicht gewusst wie ich mich so richtig vorbereiten soll. Wir hatten zwei Wochen Probezeit, was in Deutschland nicht üblich ist, in Australien hingegen schon. Es war wohl der totale Luxus, wie ich erfahren habe. Wir haben viele Dokumentarfilme geschaut. Wir haben BDM-Tänze (Bund Deutscher Mädels) getanzt und ihre Lieder gesungen. Ich habe die Lore-Novelle aus dem Buch „Die dunkle Kammer“ von Rachel Seiffert gelesen, auf der der Film basiert. Kate Shortland gab mir noch ein anderes Buch, welches ich las. Aber vor allen Dingen war es der Dialog mit Cate, der mich vorbereitet hat, denn sie hat so unglaublich viele Recherchen betrieben und konnte so vieles erzählen. Wir haben uns jedes Wochenende getroffen, um die Szenen für die nächste Woche zu besprechen, und während des Drehs auch jeden Abend gesprochen.

Der Film ist ein Drama und auch deine bisherigen Rollen waren ziemlich ernst. Liegen dir diese Rollen besonders?

Ich weiß es nicht. Ich bin da so hereingerutscht. Meine Agentur achtet darauf, zu welchen Castings ich gehe. Ich habe alles genommen, was mir angeboten wurde, und das hat sich so ergeben.

War die Stimmung am Set bei einem so schweren Film auch manchmal getrübt?

Ja schon. Gerade wenn wir schwere Szenen gedreht hatten, in denen die Mutter vergewaltigt wurde oder sich Thomas von der Gruppe trennte, dann saßen wir oft bedrückt da, was auch durch die Natur um uns herum getragen wurde. Nichtsdestotrotz hatten wir auch viel Spaß am Set. Kai Malina, der den Thomas spielt, ist so ein lustiger Mensch, der viel Quatsch erzählt. Den würde man auf der Straße nicht wiedererkennen, wenn man ihn nur aus diesem Film kennt. So gab es dann auch viel zu lachen.

Das war deine erste Hauptrolle? Wie war es, auf einmal so im Zentrum zu stehen?

Es war ein unglaublicher Druck. Einmal weil es meine erste Rolle war und der andere Aspekt wurde mir erst später bewusst. Während des Drehs sagte mir jemand, dass ich mit der Hauptrolle den Film tragen muss. Und dass er Respekt davor hat und gespannt darauf ist. Da ist mir erst bewusst geworden: ‚Ja Mist, ich muss den Film tragen.‘ Das war mir vorher nicht klar. Das Schwerste waren meine Anforderungen an mich selber.

Der Film spielt in der freien Natur, war es kalt oder unangenehm ständig im Matsch zu drehen? 

Das hat sehr an den Kräften gezehrt, denn das Wasser war enorm kalt und man dreht die meisten Szenen mehr als einmal. Das war anstrengend und hat aber auch geholfen sich in die Rolle hineinzuversetzen. Ich glaube die Hälfte der blauen Flecken und Kratzer waren echt, weil wir die ganze Zeit zwischen Matsch, Schlamm und den Bäumen herumgekrochen sind.

Konntest du auch deine Meinung einbringen und selber Vorschläge machen, wie du die Rolle umsetzt?

Ja, sehr. Ich weiß nicht, wie das sonst ist, aber in den Proben haben wir viel improvisiert und überlegt, wie sich die Personen verhalten könnten. Cate hat uns oft freie Hand gelassen und ich hatte das Gefühl, viel von mir in die Rolle einbringen zu können. Cate ist Australierin und sie hat uns beim Spielen nicht verstanden. Es gibt im Film nur wenig Dialog und sie hat uns sehr vertraut und sich auf das Gefühl verlassen, was wir transportiert haben. Es wurde zwar alles für sie übersetzt, aber oft genug hat sie uns bei der Wortwahl freie Hand gelassen, damit es natürlicher klingt.

Warum kippt auf einmal das Verhältnis zu Thomas von Abneigung auf Zuneigung?

Für die Lore ist das, was ihr zustößt und was in ihr vorgeht, für ein 15-jähriges Mädchen viel zu viel. Sie ist von jetzt auf gleich Beschützerin und Ernährerin ihrer Geschwister und muss in dieser gefährlichen Zeit mit ihnen quer durch Deutschland zur Oma reisen. Ihre Eltern sind weg und sie muss die Mutterrolle für ihre Geschwister einnehmen. Die ganzen Fragen, warum ihr Vater auf einmal ein Mörder ist, warum die Mutter weg ist, darf sie sich gar nicht stellen, weil sie ihre Geschwister lebend zur Oma bringen muss. Sie muss gleichzeitig aber stark sein und darf nicht zweifeln. Es ist nicht schaffbar. Thomas ist Jude, den sie laut ihrer Ideologie hassen muss, zugleich merkt sie aber, dass sie es ohne ihn nicht schaffen würden. Er weiß, wie man sich zurechtfindet und wie es funktioniert. Das Baby ist eine Belastung und er eine Hilfe. Sie merkt, dass er ein ganz normaler Mensch ist, der Hunger und Gefühle hat…

In einer der letzten Szenen zertrümmert Lore die gehegten und gepflegten Tiertonfiguren ihrer Oma. War das ein Punkt der Abrechnung mit der Oma, der Familie, dem System?

Das ist die Rebellion gegen die Oma, die in der Zeit stehengeblieben ist. Das Zerbrechen der Figuren ist ein Bruch mit der Vergangenheit. Eine Abrechnung ist es nicht, weil sie die Scham- und Schuldgefühle immer mit sich herumträgt. Aber es ist ein Abbruch mit der Vergangenheit, mit der sie nichts zu tun haben will, weil sie verstanden hat, dass sie sich völlig neu orientieren muss.

Die Oma wird gespielt von Eva-Maria Hagen, der Grande Dame des deutschen Films. Wie war es, mit ihr vor der Kamera zu stehen?

Für uns Kinder war es schwierig, denn sie brauchte sehr viel Ruhe am Set und die Jungs haben natürlich Bamboule gemacht, waren aufgedreht und sind herumgesprungen, das war für sie anstrengend und für uns schwierig. Aber es war trotzdem unheimlich interessant. Sie ist eine sehr interessante Frau. Sie wollte die ganze Zeit mit uns singen und hat uns am Tisch ganz viele Lieder beigebracht.

Gibt es infolge des Filmes neue Projekte? Angebote?

Es gibt viele Anfragen an meine Agentur. Ich bin damit leicht überfordert, denn man muss jetzt sehr genau schauen, was man als nächstens macht. Die Schauspielerei ist ein echt verrücktes System und ich bin froh, dass meine Agentur da sehr genau schaut, um was für Angebote es sich handelt. Aber ich habe danach noch in dem Film „Der Geschmack von Apfelkernen“ eine Rolle übernommen und neulich Dreharbeiten für den Film „Zum Geburtstag“ mit dem französischem Regisseur Denis Dercourt abgeschlossen. Beide kommen in der nächsten Zeit heraus.

Hast du schauspielerische Vorbilder? Mit wem würdest du am liebsten einmal drehen?

Meryl Streep finde ich gut, aber genau weiß ich es nicht. Ich bin da auch nicht so bewandert. Ich fange gerade erst an mich mit Filmen zu beschäftigen. Lust hätte ich auf etwas Abgefahrenes voller Phantasie, wie einen Film von Tim Burton.

Dein Abitur hast du jetzt. Wie geht es weiter? Hast du einen Plan B?

Ich bin ehrlich gesagt am Suchen eines Plan B`s. Ich denke, man braucht ein zweites Standbein. Aber ich weiß es noch nicht. Ich hatte keine Zeit zum Überlegen, ob ich jetzt etwas studieren möchte oder nicht. Ich bleibe erst einmal in Halle wohnen und schaue, was die Schauspielerei so bringt.

Frau Rosendahl, vielen Dank für das Gespräch!
(Martin Große, Kulturfalter November 2012)

 

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