Philipp Baumgärtner über sein Video „Halle/Saale - Kulturschaffende über ihre Stadt“

Youtube Screenshot von Philipps Film.

Philipp Baumgärtner wohnt seit seiner Geburt in der Stadt Halle. Der 20-jährige studiert an der MLU und hat Ende April im Rahmen seines Studiums auf Youtube ein Video veröffentlicht. Unter den Name „Halle/Saale - Kulturschaffende über ihre Stadt“ interviewte er in diesem Studienprojekt einige Kulturschaffende und sprach mit ihnen über das kontroverse Image von Halle.

Um über die Grundidee dieses Projekts mehr zu erfahren, haben wir ein Chat-Interview durgeführt.

Du hast ein Video über Kulturschaffende gemacht, d.h. du interessierst dich bestimmt für kulturelle Veranstaltungen, bist du selbst ein Kulturschaffender? Kannst du dich selber kurz vorstellen?

Mein Name ist Philipp Baumgärtner und ich bin 20 Jahre alt. Nach der Schule habe ich ein BFD am Peißnitzhaus in Richtung Kultur gemacht und jetzt studiere ich Medien und Wirtschaft an der Uni in Halle. Ich habe relativ zeitig angefangen, vereinzelt Veranstaltungen in Halle zu machen, wo ich mit Freunden Bands und DJs eingeladen habe. Mir ist es wichtig, in meiner Heimatstadt Dinge zu verändern und selbst Initiative zu ergreifen. Ansonsten spiele ich in der Band "Denkanstoss", mit der wir auch bereits einige Konzerte in Halle gespielt haben. Vielleicht bin ich Kulturschaffender, vielleicht ist das Wort für mich aber auch zu hochtrabend.

 
Wie bist du auf die Idee gekommen das Video zu machen?

Ich hatte schon länger mit einem Freund verschiedene Szenen der Stadt gedreht, alles ohne diesen kulturellen Aspekt. Wir wollten das auch irgendwann mal veröffentlichen. Jetzt habe ich im Medienstudium ein Videoseminar belegt, wo ich eine Arbeit abgeben sollte, die allerdings noch mehr szenischen Schnitt bzw. Szenen mit Menschen enthalten sollte. Dann ist mir aufgefallen, dass sich über die Zeit ein paar Kontakte angesammelt haben, die ich fragen könnte, was sie eigentlich über unsere Stadt so denken. Leute, die mich inspirieren und Leute, die ich bewundere für ihre Ausdauer in dem, was sie tun. Sicherlich setze ich mich auch viel mit dem Thema auseinander, weil gerade nach der Schule viele Leute die Stadt verlassen und ihr Glück anderswo suchen.

 
Warum hast du Kulturschaffende interviewt? Denkst du, dass das schlechte Licht in dem Halle manchmal scheint, kulturelle Hintergründe hat?

Weil die Kultur für mich und für viele andere die Triebfeder der Stadt darstellt. Es gibt so unglaublich viele kleine Projekte, die unglaublich viel Programm haben und echt fantasievoll sind. Ich weiß nicht so recht, was Halle in ein schlechtes Licht setzt. Es ist vielleicht das Provinzielle, mit dem sich manche Leute nicht abfinden wollen. Wenn ich zum Beispiel die Veranstaltungen von den großen Veranstaltern der Stadt sehe, ist mir klar, warum Halle uninteressant für junge Leute ist. Da würde ich auch lieber in Leipzig wohnen. Die Amigos und Ingo Appelt möchten die jungen Leute nicht sehen. Da fährt man dann halt immer nach Leipzig zum Konzert, wo es viele tolle Locations gibt, die es halt wirtschaftlich auch ordentlich meistern und coole (mittelgroße) Künstler an Land ziehen. Ich denke am Anfang steht immer Mut, etwas zu versuchen. Der Mut ist vielen verloren gegangen und dann wird halt lieber die x-te 90er-Party gemacht, wo die Leute wenigstens ordentlich saufen. Schade eigentlich.

 
Du hast Leute aus vielen Bereichen interviewt, war es einfach, so verschiedene Künstler-Innen/ Kulturschaffende zu treffen (Poetry Slammerin/ DJ / Gitarrelehrer...)?

 Ja, weil es alles Leute sind, die man regelmäßig irgendwo trifft. Das ist Vorteil und Nachteil zu gleich an einer Stadt dieser Größe, man verliert sich kaum aus den Augen. Das kann natürlich manchmal nervig sein. Aber "manchmal will man genau das", wie es jemand im Video treffend sagt.

 
Warum hast du nur Kulturschaffende genommen, die immer hier gewohnt haben, und keine Kulturschaffenden die nur kurz hier gewohnt haben und vielleicht ein anderes Blick beitragen könnten?

Nicht alle haben immer hier gewohnt. Allerdings die meisten, das stimmt. Ich habe einfach eine grobe Auswahl derer interviewt, die ich gut kenne und häufig schon gesehen habe. Also Zufall, dass viele schon länger hier wohnen. Um ein Gesamtbild zu schaffen, wären natürlich auch die "kurzen Besucher" wichtig und noch viele andere. Das hätte bei mir allerdings dann den Rahmen gesprengt. Vielleicht ein interessantes Projekt für die Zukunft.

 
In der Beschreibung deines Videos, sagst du, dass du seit deiner Geburt hier wohnst, wie findest du selbst die allgemeine und kulturelle Attraktivität der Stadt?

Wie bereits gesagt, ich finde es gibt viele positive, aber auch negative Seiten. Gerade durch das studentische Leben ist Halle schon auch attraktiv und in Bewegung. Ich schätze an Halle auch, dass es sehr bodenständig ist. Es muss nicht jeder Trend mitgemacht werden, Halle hat seine eigene Aura. Wenn ich z.B. mit meinen Eltern über die Stadt rede oder mir alte Filmaufnahmen wie in der HallRolle anschaue, finde ich Halle sehr charmant und ich glaube, viele Leute, die schon immer hier leben, haben die Stadt zu einem besseren Platz gemacht, also sollten es jetzige Generationen genau so tun. Ich denke, das funktioniert auch ganz gut. Deswegen bin ich auch hier geblieben.

 
Heinz Steffen beschreibt die Stadt als großes Wohnzimmer, wo sich Arbeiter und Studenten treffen. Denkst du, dass diese Nähe zu einer Mischung zwischen den beiden Seiten führt, die zu einem aktiven Leben der Stadt führt?

Ich denke es gibt viele Schnittstellen, wo sich die Seiten mischen. Vielleicht könnte es aber auch mehr geben. Aber ich gebe ihm absolut recht, dass beide Seiten wichtig sind und die Mischung Halle ausmacht. Das führt, denke ich, auch zu der Bodenständigkeit, die ich beschrieben hab. An Beispielen wie dem Peißnitzhaus oder der kleinen Uli (es gibt etliche andere Beispiele) sieht man, dass viele verschiedene Leute aufeinander treffen. Es ist eine bunte Mixtur.

 
Die Stadt ist ziemlich geografisch getrennt. Es gibt das Zentrum, das sehr kulturell aktiv ist und die Wohnviertel, wie Paulusviertel oder Neustadt in denen weniger los ist. Hast du Leute getroffen, die auch „kulturell aktiv“ sind, um diese Viertel in ein gutes Licht zu rücken?

Diese Trennung ist auf jeden Fall ein Knackpunkt in Halle. Da leben verschiedene Gebiete gefühlt nebeneinander her. Ich habe von dort allerdings keine Leute getroffen, was aber einfach daran liegt, dass ich dort relativ wenig Menschen kenne. Womit wir wieder beim "Problem" wären. Es ist aber auch dort interessant, wie sich Leute mit ihrer Heimat auseinandersetzen. Ich fand die Fotobände und Ausführungen zu 50 Jahren Neustadt auch eine sehr gelungene Sache. Vielleicht sollten beide Seiten probieren, sich ein bisschen mehr öffnen anstatt Vorurteile zu pflegen.

 
Kennst du Künstler, die aus Halle kommen, und auf die du stolz bist?

Die Band Baby Universal finde ich großartig. Halle hat aber auch in Sachen elektronische Musik sehr viel zu bieten und ist über die Grenzen bekannt. Es gibt schon viele tolle Künstler!

 
Wie waren bisher die Reaktionen auf das Video?

Die Leute fanden es schön, dass ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Manche fanden es ein wenig zu melancholisch und zu trist. Mein Gitarrenlehrer, der auch auftritt, war stolz und froh zu sehen, dass Leute nachkommen, die sich um die Stadt "kümmern".

 
Wird es weitere Videos geben?

Ich denke, ich werde mich weiter mit dem Thema beschäftigen. Also vielleicht schon. Ich habe ja jetzt von euch gute Anstöße erhalten.

 

Danke sehr, Philipp für diesen Chat!